Schlechte Bedingungen: Darum bleibt diese Turnerin trotzdem in Bremen

Der schwere Weg von Bremens bester Turnerin

Bild: DPA | Eibner / Julian Meusel

Ihr Weg ist besonders: Karina Schönmaier turnt so gut, dass sie auf dem Sprung in den Nationalkader ist. Ihre Trainingsbedingungen in Bremen aber: schlecht und kompliziert.

Rein sportlich betrachtet müsste Karina Schönmaier vom TuS Huchting Bremen wohl verlassen. Die 16-Jährige ist so talentiert und erfolgreich, dass sie eine Kandidatin für die Nationalmannschaft ist. Turnerinnen auf ihrem Niveau leben und trainieren normalerweise auf einem der Bundesstützpunkte in Chemnitz, Mannheim oder Stuttgart. Doch dort will Karina nicht hin.

"Das hier ist mein Zuhause, hier bin ich aufgewachsen und hier möchte ich auch weiter leben, mit meinen Freunden und meiner Familie und nicht woanders trainieren. Das ist mir einfach wichtig", sagt die Turnerin bestimmt, die sonst eher der schüchterne Typ ist.

Das hier ist mein Zuhause. Hier möchte ich weiter leben und nicht woanders trainieren.

Karina Schönmaier, TuS Huchting

Bremen ist ein schwieriges Pflaster für Spitzensportlerinnen wie Karina Schönmaier. Das kleinste Bundesland bietet wenig Möglichkeiten. Hallen und Sportstätten sind oft marode, die Konkurrenz gering. Die Geräteturnhalle beim TuS Huchting ist alt, viel zu klein und schlecht ausgestattet – aber die beste, die es fürs Turnen in Bremen gibt.

Hallentür auf für ihren Sprung-Anlauf

Karina Schönmaier muss sogar durch die geöffnete Hallentür anlaufen, will sie am Sprung den im Wettkampf üblichen Anlauf aus bis zu 25 Metern üben. Und selbst dann steht der Sprungtisch zu dicht an der Wand, ist nicht im Boden verschraubt, wackelt, wenn sie sich mit Tempo und Kraft abdrückt.

Anlauf durch die offene Hallentür beim TuS Huchting. Trainerin Katharina Kort
Trainerin Katharina Kort zeigt: So lang wäre der übliche Anlauf. Dafür muss Karina von draußen reinlaufen. Bild: Radio Bremen

Ihren aktuellen Wettkampfsprung, den Yurchenko gestreckt mit einer Schraube, kann sie in Bremen nicht turnen, dafür ist zu wenig Platz. Auch die Bodenfläche ist nicht groß genug, der Stufenbarren entspricht nicht den Wettkampfnormen. Trotzdem spult die Schülerin hier den Großteil ihres Trainings ab. Absurd für eine Sportlerin, die auf dem Sprung in den Nationalkader ist.

Kooperation mit Niedersachsen

Damit das Bremer Talent in Bremen bleiben kann, investiert ihr Umfeld viel. Zweimal pro Woche fahren ihre Trainerin Katharina Kort und sie zum Verein Blau Weiß Buchholz in der Nordheide, mit dem es eine enge Kooperation gibt. Karina Schönmaier und Lisa Unger, eine weitere Bremer Turnerin, sind Teil der dort ansässigen Bundesligamannschaft. Die Halle in Buchholz hat die so wichtigen "Schnitzelgruben" – große Gruben unter den Geräten, die mit Schaumstoff gefüllt sind. So können sich die Turnerinnen beim Lernen neuer Salti, Schrauben und Kombinationen nicht verletzten.

Eine Schnitzelgrube bei Blau-Weiß Buchholz
Eine Halle bei Blau Weiß Buchholz: Die Schnitzelgruben unter den Geräten sind wichtig, damit sich die Sportlerinnen nicht verletzen. Bild: Radio Bremen

"Auf Karinas Niveau müsste man eigentlich mindestens vier Mal pro Woche in so einer Halle trainieren", erklärt Trainerin Katharina Kort. "Wir müssen uns zerreißen, um ein neues Element stabil auf die Beine zu stellen." Will die Schülerin schwierige Übungen lernen, trainiert sie in Bremen vor allem die Basis, die Ansätze. Die kompletten Sprünge dann nur zweimal pro Woche in Buchholz. Es dauert, bis es sitzt. Dafür sind Technik und Ansätze dann aber so gut, dass es Karina für die Sprünge hilft, erklärt Katharina Kort. Und Karina findet: "Wenn ich zum Beispiel beim Sprung vieles schon aus 19 Metern kann, dann werde ich es mit einem längeren Anlauf noch besser hinbekommen."

Ein Treuebekenntnis zu Bremen

Zu den Trainings in Buchholz kommen hin und wieder Wochenendlehrgänge beim ehemaligen Bundestrainer Wolfgang Bohner und zuletzt Trainingslager mit der Nationalmannschaft dazu. Ein großes Potpourri aus Trainingseinheiten, um die Bedingungen in Bremen irgendwie zu kompensieren. Aufwendig und nicht optimal, doch Karina Schönmaier will es eben in Bremen schaffen.

"Klar habe ich schon darüber nachgedacht, woanders hinzugehen, dass es dann schneller und einfacher geht. Aber ich denke mir, hier ist es anders. Und wenn ich es hier schaffe, dann kann ich zeigen, dass man auch aus einem kleinen Verein heraus etwas schaffen kann. Man muss nicht immer auf einen Stützpunkt gehen."

Diese Haltung unterscheidet sie von anderen Sportlern. Schon einige haben Bremen verlassen, um woanders unter besseren Bedingungen zu trainieren. Bestes Beispiel: Schwimmer und Olympiasieger Florian Wellbrock. Er zog mit 17 Jahren zum Stützpunkt nach Magedburg. Radsportler Lennard Kämna verließ seine Heimat Fischerhude schon mit 15, um aufs Sportinternat nach Cottbus zu wechseln. Und gerade ist die Gymnastin Sandy Kruse mit 17 Jahren ins RSG-Nationalmannschaftszentrum nach Schmieden gegangen.

Bundestrainer hat ein Auge auf Karina Schönmaier

Beim Deutschen Turnerbund in Frankfurt beobachten die Verantwortlichen erstaunt, was die Bremerin trotz der widrigen Umstände leistet. Im März war sie das erste Mal für die Nationalmannschaft nominiert, durfte beim DTB Pokal, einem internationalen Wettkampf in Stuttgart, starten. Und: lieferte ab. Karina Schönmaier gewann sensationell die Bronze-Medaille am Sprung hinter Athletinnen aus Italien und Kanada.

Außerdem turnte sie auch am Boden, am Stufenbarren und am Balken ihre Übungen sauber, erlaubte sich keinen großen Patzer. Der neue Nationaltrainer Gerben Wiersma hat sie im Blick. Der Niederländer ist seit Februar im Amt.

Karina ist ein großes Talent und hat viel Potenzial. Ich werde mit ihr, ihrer Trainerin und ihrer Mutter besprechen, was das Beste für sie ist, um sie möglichst weit zu bringen.

Gerben Wiersma, Bundestrainer Geräteturnen weiblich
Die Bremer Turnerin Karina Schönmaier beim EnBW DTB Cup 2022
Karina Schönmaier bei ihrem ersten internationalen Wettkampf, dem DTB Pokal in Stuttgart im März 2022. Bild: Imago | Pressefoto Baumann

Würde Karina an einen Bundesstützpunkt wechseln, wäre ihre Perspektive, in den Nationalkader aufgenommen zu werden, deutlich besser. Das wird im Gespräch mit dem Sportdirektor des Deutschen Turnerbundes (DTB) klar. Denn dort sei das Umfeld eben perfekt auf das Training ausgelegt. Internat, Schule, Training: Alles ideal aufeinander abgestimmt. Dazu natürlich die bestens ausgestatteten Hallen – das ist wichtig im Geräteturnen.

"Bei der Bewertung einer Perspektive einer Turnerin spielen natürlich die Rahmenbedingungen, in denen sie sich bewegt, eine Rolle. Wenn die Rahmenbedingungen abseits eines Bundesstützpunktes langfristig gegeben sind, und wir gute Lösungen finden, dann will ich nicht ausschließen, dass wir uns auch dafür entscheiden würden. Aber grundsätzlich sind die Rahmenbedingungen am Stützpunkt so, dass dort ein Großteil, im besten Fall alle Kaderathletinnen trainieren“, erklärt Thomas Gutekunst. Der Sportdirektor ist Teil des Gremiums, das alle sechs Monate über die Zusammenstellung des Bundeskaders diskutiert. Im Sommer nach den Deutschen Meisterschaften ist es wieder soweit.

Schule in Bremen engagiert sich

Doch Karina, ihre Trainerin und ihre Mutter haben sich ein System gebastelt, mit dem sie hoffen, es auch aus Bremen heraus zu schaffen. Neben dem Training in Bremen, Buchholz und bei Lehrgängen, spielt auch die Schule mit. Karina Schönmaier fährt extra jeden Tag von Huchting nach Horn zur sportbetonten Oberschule Ronzelenstraße. Dort hat sie große Freiheiten. Sie fehlt oft wegen Lehrgängen und Wettkämpfen, hat weniger Pflichtstunden, um ihr Trainingsprogramm absolvieren zu können. Um den Stoff zu schaffen bekommt sie teils Einzelunterricht. Im Sommer macht sie ihren Abschluss nach der zehnten Klasse, will dann das Fach-Abi angehen.

An der Schule sind sie überzeugt: Ein Internat in der Ferne ist nicht immer die beste Lösung, denn für junge Sportlerinnen ist auch ein stabiles Umfeld wichtig. "Wenn wir in zwei Jahren eine andere Situation haben, dass wir eine Olympiakandidatin haben, die in Richtung Medaille denken kann, muss man das neu bewerten. Aber derzeit ist alles auf grün gestellt und was wir erreichen wollen, können wir auch in Bremen ganz gut erreichen", findet Harald Wolf, Koordinator Leistungssport an der Oberschule Ronzelenstraße.

Großer Sport, hohe Kosten

Karina Schönmaier beim Training
Familiäre Atmosphäre beim Training: Alexander, Sohn von Trainerin Katharina Kort, ist eigentlich immer dabei. Bild: Radio Bremen

Zweimal am Tag Training, 25 bis 30 Stunden pro Woche: Viel Fahrerei, nach Buchholz, zu Wettkämpfen. Das kostet. Als Mitglied in der Nationalmannschaft bekäme Karina Schönmaier pro Monat 700 Euro von der Deutschen Sporthilfe. Noch ist sie auf eigene Sponsoren und Stiftungen angewiesen. Vom Sponsor des Bundesligateams haben ihre Familie und ihre Trainerin jeweils ein Auto gestellt bekommen – die Fahrtkosten müssen sie selbst tragen. Mittlerweile wird Karina von zwei Stiftungen unterstützt, bekommt so einen Großteil der Kosten wieder rein. Das bedeutet viel Aufwand und Akquise, denn Turnen, vor allem in Bremen, ist nicht gerade populär.

Karina Schönmaier mit Trainerin Katharina Kort
Trainerin Katharina Kort und Karina Schönmaier: Ein eingespieltes Team seit elf Jahren. Bild: Radio Bremen

Auch hier hilft der TuS Huchting und vor allem ihre Trainerin Katharina Kort. Die 35-Jährige ist auch ein Grund, warum Karina in Bremen bleiben will. Das Verhältnis der beiden: Extrem eng. "Sie ist wie eine zweite Mutter für mich", sagt Karina. Seit elf Jahren, seit Karina mit fünf angefangen hat zu turnen, arbeiten die beiden zusammen. Das Vertrauen ist groß. Wichtig für eine Sportlerin, um auch in Drucksituationen wie einem Wettkampf zu bestehen. Nur: Auch für Trainerin Katharina Kort ist das Niveau, das Karina erreicht hat, neu. Noch nie hat sie so schwierige Elemente unterrichtet. Sie lernt selbst viel, holt sich Unterstützung bei Trainerinnen in Buchholz und vom ehemaligen Bundestrainer Wolfgang Bohner, macht demnächst ihre A-Lizenz. Wie lange sie Karina noch besser machen kann: Unklar.

Wenn Karina den Wunsch haben sollte, auf einen Stützpunkt zu gehen, würde ich ihr die Tür öffnen und sagen: 'Maus lauf und schau, dass du noch einen Erfolgsschub mitnehmen kannst.' Ich kann ihr alles geben, was ich kann, aber irgendwann ist vielleicht auch das ausgeschöpft. Ich würde sie nie halten.

Katharina Kort, Trainerin TuS Huchting

Doch noch ist es nicht so weit – auch, weil die beiden hoffen, dass sich die Trainingsbedingungen in Bremen mittelfristig verbessern. Denn die alte Halle vom TuS Huchting in der Amersfoorter Straße wird abgerissen, muss einer Erweiterung des Sozialzentrums weichen. Gut für die Turn-Sparte, denn so baut Bremen dem Verein eine neue Halle. Und die soll deutlich besser fürs Geräteturnen ausgelegt sein. Der Verein hofft, dass die neue Halle bis Ende 2023 fertig ist – das wäre nur ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen in Paris.

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Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. April 2022, 19:30 Uhr