Interview

Schach boomt? Zum Start der WM erklärt Werders Trainer den Hype

Bild von einem Schachturnier. Der Fokus liegt auf einem Schachbrett
Der Fokus auf Schach: Während der Pandemie hat der Sport einen Boom erlebt. (Archiv) Bild: DPA | Anthony Anex/Keystone

Für viele Sportarten bedeutete Corona Stillstand. Für Schach dagegen geht es steil bergauf. Werders Bundesliga-Trainer Carlstedt erklärt zum Start der WM in Dubai, was da los ist.

Ledersessel, Cognac, dazu ein großes Ölgemälde im Hintergrund: Viele haben wahrscheinlich dieses oder zumindest ein ähnliches Bild im Kopf, wenn sie an Schach denken. Die Sportart galt lange als elitär und etwas aus der Zeit gefallen. Doch spätestens seit Corona hat sich die Realität in der Schachwelt gewandelt: Heute müsste das Bild viel mehr aus Gaming-Stuhl, Energy-Drink und Memes bestehen.

Auf der Plattform Twitch werden vor allem PC-Spiele online gestreamt. Schachspieler wie Hikaru Nakamura oder Georgios Souleidis werden hier nun pro Sendung von Tausenden Menschen verfolgt. Auf der Online-Schachplattform Lichess wurden zu Beginn des Jahres 2020 noch um die 45 Millionen Spiele pro Monat gespielt. Im Mai 2021 waren es 100 Millionen. Und auch in Bremen macht sich der Online-Hype bemerkbar. Werder spielt in der Schach-Bundesliga; Trainer Jonathan Carlstedt gibt zum Start der WM in Dubai einen Einblick in die Entwicklungen der Schachwelt und erklärt, wie Werder damit umgeht.

Wie denken Sie und anderen Schachspieler aus der Mannschaft über den Hype?
Wir sind alle Spieler und Trainer, die das Spiel toll fanden, bevor es diesen Hype gegeben hat. Und wir freuen uns eigentlich alle, dass jetzt noch mehr Menschen diesen Sport für sich entdeckt haben. Ich habe in meinem Umfeld noch nicht eine negative Stimme gehört, die sich über die vielen neuen Leute ärgert.

Die Meisten freuen sich, dass es nun mehr Verständnis dafür gibt, was wir eigentlich machen, wie anstrengend dieser Sport sein kann und was Schach ausmacht. Das gab es vorher überhaupt nicht. Außerdem haben sich die Einnahmenmöglichkeiten deutlich erhöht: Es gibt mehr Nachfrage nach Trainern, Turnieren, teilweise waren die Schachshops ausverkauft. Für viele lohnt sich die harte Arbeit mehr, als das vor Corona der Fall war.
Werder-Schachtrainer Jonathan Carlstedt sitzt am Brett
Werder-Schachtrainer Jonathan Carlstedt am Schachbrett. Bild: Georgios Souleidis
Hat der Online-Hype einen Einfluss auf die "Profi-Schachwelt?"
Natürlich gibt es einen Einfluss, denn die erfolgreichen Formate lassen sich gut vermarkten. Schachweltmeister Magnus Carlsen hat zum Beispiel Ende letzten Jahres zusammen mit Eurosport ein gut dotiertes Schnellschach-Turnier, die "Champions Chess Tour" gestartet. Das wollen die Leute sehen – im Vergleich zum klassischen Schach, wo eine Partie fünf bis sechs Stunden dauert.

Die schnelleren Partien sind fehlerreicher, aber attraktiver. Wir freuen uns über den Boom, aber die Kunst ist, die Leute dabei zu halten.
Welche Möglichkeiten bietet das Online-Schach, die es vorher nicht gab?
Auf der einen Seite haben wir dadurch eine viel größere Reichweite. Nachdem ich als Trainer zu Werder gekommen bin, haben wir eingeführt, dass wir alle Bundesligaspiele online live übertragen. Dazu habe ich dann kommentiert. Das haben wir bei Werder bis zur Corona-Pause gemacht. Seit Beginn der Pandemie haben sich andere Streamer, wie zum Beispiel der Schachspieler Georgios Souleidis, mit mehr Reichweite entwickelt. Deshalb übertragen wir bei Werder die Turniere nicht mehr, aber ich kommentiere teilweise noch zusammen mit den Streamern.

Vor Ort sind bei diesen Spielen um die 50 Leute. Es ist eine sehr ruhige Atmosphäre, weil die Spieler nachdenken müssen. Deshalb ist es da schwer, die Begeisterung auf dem Turnier mitzuerleben. Den Rechner anzuschalten und einen guten Kommentator zu hören ist einfacher und angenehmer. Und es gibt dazu noch einen Vorteil gegenüber anderen Sportarten wie zum Beispiel Fußball: Ich kann mir den Stream eines Schachspiels anschauen und in der nächsten Sekunde auf Schachplattformen eine Schachpartie spielen.

Im Vergleich zu anderen Sportarten konnten wir das Schachspiel in die eigene Wohnung verlagern. Der Sport konnte also ohne große Einschränkungen weiter gehen.
Wie geht Werder mit den Entwicklungen hin zum Online-Schach um? Was hat der Verein in der Corona-Zeit gemacht?
Das war absolut ein Thema, um die Jugendlichen bei der Stange zu halten. Wir haben als Sportart den Luxus, Online-Formate zu trainieren. Innerhalb von ein bis zwei Wochen nach Beginn der Pandemie haben wir ein Online-Turniersystem hochgezogen. Zum Beispiel waren unsere Spieler bei der deutschen Schach-Online-Liga dabei.

Bei unseren Turnieren gab es nur zwei Probleme: Das erste war technischer Natur: Die Plattformen waren zuerst nicht auf Ansturm ausgelegt. Und dann gibt es durch Schach-Computer Online die Möglichkeit zu betrügen. Diese Fälle hatten wir auch bei Turnieren. Das kostet Zeit, Energie und Nerven. Denn wir wollten dabei niemand an den Pranger stellen. Das ist tatsächlich ein Problem: Man spürt das als Spieler, wenn jemand versucht zu betrügen. Aber fast noch schlimmer als der eigentliche Betrug ist es, jemanden zu Unrecht zu beschuldigen, dass er betrügt. Wir waren da zum Glück immer sehr vorsichtig.

Unsere Profis haben in der Zeit mehr Training gegeben. Außer unter den Weltklassespielern ist es aber schwierig, mit Online-Schach Geld zu verdienen. Die meisten konnten es kaum erwarten, aus ihrer Sicht wieder "richtiges Schach" am Brett zu spielen.
Haben Sie Sorge, dass die Begeisterung für Schach nach Corona wieder nachlässt?
Sorge wäre stark übertrieben. Das ist nichts, was mir jetzt schlaflose Nächte bereitet. Wir hoffen, dass möglichst viele Leute dabei bleiben. Dafür haben wir spezielle Gruppen für die Leute eingerichtet, die Schach für sich (wieder-)entdeckt haben.

Aber man muss auch klar sagen: Für viele war das während Corona eine gute Überbrückung. Alle werden wir nicht halten können. Der ganze Hype hat bei den Menschen aber eine größere Akzeptenz dafür geschaffen, was Schach alles kann. Die Anzahl an Leuten die sich vorstellen können, in einen Schachverein zu gehen, ist extrem gestiegen.

Die Schachabteilung von Werder hat seit Corona rund 15 Prozent mehr Mitglieder. Die Online-Angebote bleiben populär. Und es ist klar, dass von den Neuen nicht jeder Schachprofi wird, auch wenn hoffentlich viele dabei bleiben.
Gehen die Neulinge, die durch Online-Schach dazu kommen, anders an das Spiel heran, als die Generationen, die am Brett angefangen haben?
Viele, die zu uns kommen, stellen sich den Schachsport etwas zu einfach vor. Wenn der Kommentator bei einer Schachpartie im Stream sagt, "hier war der Fehler und das hätte er besser machen müssen", dann klingt das alles auch ganz leicht. Aber hinter den Fehlern stecken meistens 100 gute Begründungen und Ideen und eine, die der Spieler dann am Brett vielleicht nicht bedacht hat.

Aber die Neuen bringen sehr viel positive Energie mit. Sie wollen unheimlich viel lernen, sind wissbegierig, sind hinterher, und sie stellen viele Fragen. Für uns Alteingesessene ist das ein Wettkampf, die Neuen haben das Jugendliche, was jedem Verein gut tut.
Ist Schach in den letzten Jahren kommerzieller und professioneller geworden?
Es ist viel professioneller geworden. Der Weltmeister Magnus Carlsen hat die Entwicklung gestartet und Corona hat das beschleunigt. 2010 habe ich Abitur gemacht. Da war ich in Deutschland fast der Einzige, der versucht hat, mit Schach sein Geld zu verdienen. Heute ist das für viele junge Schachspieler eine Perspektive. Es ist einfach mehr Geld im Schach-Topf zu verteilen.

Magnus Carlsen war ein großer Magnet, der ein paar Krümel abgeworfen hat. Davon ist auch in Deutschland etwas angekommen. Corona und das Streaming haben die beginnende Entwicklung dann extrem beschleunigt. Für das, was in der Pandemie passiert ist, hätten wir sonst wohl 30 Jahre gebraucht.
Und wie finden Sie persönlich die Entwicklung? Ärgert es Sie, dass andere Streamer und Youtuber Ihnen die Show stehlen?
Als ich mich entschieden habe, mit Schach mein Geld zu verdienen, haben meine Eltern mich gefragt, ob ich wahnsinnig geworden bin. Jetzt bin ich Festangestellter bei Werder und bin froh, dass ich diesem tollen Verein helfen kann. Aber deshalb brauche ich diese Reichweite nicht.

Die beiden Schachstreamer Georgios Souleidis und Niclas Huschenbeth sind wirklich zwei sehr enge Freunde von mir. Und ich gönne ihnen den Erfolg von Herzen. Wer das auch haben will, der soll es gerne versuchen und dem gönne ich es auch, wenn das klappt. Aber wenn man wegen des Geldes Schachtrainer und Spieler wird, dann hat man etwas falsch gemacht.
Heute startet das erste WM-Match zwischen Magnus Carlsen und Ian Nepomniachtchi. Wie begleitet Werder die WM?
Die Spiele werden sicher einen starken Einfluss auf die Trainingsarbeit haben. Wenn ein Training auf ein Spiel fällt, werden wir das bestimmt auch live angucken. Allerdings werden wir die Spiele bei Werder nicht kommentieren. Dafür gibt es inzwischen genug große Streamer und Plattformen, die das professionell machen. Würden wir das dann auch noch machen, wäre das so, als würde Werder-TV das Championsleague-Finale übertragen. Allerdings werde ich am Samstag auf Twitch zusammen mit Georgios Souleidis auf dem Kanal "The Big Greek" das zweite WM-Match live kommentieren.
Was bedeutet die WM für die Schachszene und für den Hype, den Schach gerade erlebt?
Ich glaube schon, dass dadurch nochmal ein stärkerer Zulauf kommt. Selbst in der Zeit, als das öffentliche Interesse für Schach geringer war, hat die WM immer viel Aufmerksamkeit auf den Sport gelenkt. Dazu kommt, dass Weltmeister Magnus Carlsen eine charismatische Persönlichkeit ist. Wenn der russische Schachspieler Nepomniachtchi Weltmeister werden würde, wäre die öffentliche Aufmerksamkeit hier in Deutschland für Schach wohl nicht mehr so groß.

Deshalb hoffen viele, dass Carlsen die WM gewinnt und dass es bei der nächsten WM in zwei Jahren zum Match zwischen ihm und dem 18-jährigen Alireza Firouzja kommt. Firouzja hat gerade als erster 18-Jähriger überhaupt die Elo-Wertung von 2800 geknackt.
Und was glauben Sie? Wer wird Schachweltmeister?
Meine Einschätzung ist: Nepomniachtchi bekommt eine ziemliche Klatsche. Carlsen wird ihn nicht unterschätzen, dazu hat er zu oft gegen Nepomniachtchi verloren. Nepo hat zu viele Schwächen. Körperlich ist er nicht auf der Höhe. Oft spielt er deutlich zu schnell und zu oberflächlich. Carlsen hat die mentale und körperliche Fitness, eine ganze WM durchzuspielen und am Ende immer noch so stark zu sein, wie zu Beginn.

Für Nepomniachtchi spricht, dass er der klare Außenseiter ist und dass Carlsen mehr zu verlieren hat. Es gab nicht viele, die damit gerechnet haben, dass er das WM-Match erreichen kann. Und er weiß die gesamte Russische Föderation hinter sich. Das ist auch eine Macht, dass zehn starke Großmeister für ihn im Hintergrund bei der Vorbereitung auf die Spiele arbeiten.

Diese Schach-Spielerin von Werder ist Junior-Europameisterin

Bild: Radio Bremen

Autor

  • Niklas Hons Volontär

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 14. November 2021, 19:30 Uhr