Regel unbekannt? Darum zählte Werders Freistoß-Tor gegen den HSV nicht

Audio vom 18. September 2021
Werder-Spieler Romano Schmidt hält sich auf dem Spielfeld den gesenkten Kopf, während die HSV-Spieler im Hindergrund ein Tor bejubeln.
Bild: Imago | Revierfoto
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Dieses Derby bietet Gesprächsstoff für Wochen. Warum eine Unterhose eine Einwechslung verzögerte und wie groß der Abstand zur Mauer sein muss: Wir klären auf.

Zwei Tore, zwei Platzverweise für beide Kapitäne, viele Diskussionen und zahlreiche hochkarätige Chancen in der Schlussphase – das erste Nordderby in der 2. Liga zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV war ein packender Schlagabtausch, der die Grün-Weißen allerdings mit dem Schicksal hadern ließ.

1 Oh oh, Groß...

Werder-Spieler Christian Groß schaut nach seinem Platzverweis ernüchtert gen Himmel im Weser-Stadion.
Bitterer Abend für Werder-Kapitän Christian Groß: In der 32. Minute wurde er vom Platz gestellt. Bild: Gumzmedia / Nordphoto

Schon nach fünf Minuten hatte sich Christian Groß eine Gelbe Karte abgeholt. Ein Foul an HSV-Torschütze Robert Glatzel, nicht nötig. Und der Werder-Kapitän wusste, was das bedeutet. Trotzdem grätschte Groß in der 32. Minute Torwart Heuer Fernandes völlig übermotiviert vor der Torauslinie von den Beinen. Schiedsrichter Sascha Stegemann zückte die Gelb-Rote Karte und schon spielte Werder nur noch zu zehnt.

Groß wusste selbst, welchen Bärendienst er seiner Mannschaft da geleistet hatte. Die Bremer hatten Glück, dass zu Beginn der zweiten Halbzeit auch HSV-Kapitän Sebastian Schonlau vom Platz gestellt wurde. Werder-Coach Markus Anfang fand die erste Gelbe für Groß unberechtigt, doch der Platzverweis war vermeidbar.

Die zweite Gelbe Karte war nicht nötig, das weiß er auch. Da braucht er gar nicht so durchgehen. Ich glaube, er wollte ein Zeichen setzen. Aber mit dem Wissen, dass du Gelb hast, darfst du so etwas nicht machen. Er weiß, dass es ein Fehler war und war in der Kabine sehr geknickt.

Werder-Trainer Markus Anfang über Christian Groß

2 Kleine Regelkunde, Teil 1

Stellen wir uns mal ganz dumm: Wie nah darf ein Spieler eigentlich an der gegnerischen Freistoßmauer stehen? Keine Ahnung? So ging es den meisten im Weser-Stadion. Aber Mitchell Weiser musste die Antwort in der 42. Minute auf die ganz harte Tour lernen: mit einem Meter Abstand.

Wusste der Werder-Neuzugang nicht und so wurde er zur tragischen Figur des Abends. Der furiose Treffer von Marvin Ducksch wurde nicht anerkannt, weil Weiser an die Mauer gerückt war. Ganz bitter.

Wenn du 15 Jahre Fußball spielst und die Regel gab es nie und jetzt gibt es sie seit zwei Jahren und du hast ein Jahr gar keinen Fußball gespielt, dann kann das passieren. Aber er wird die Regel nie wieder vergessen.

Werder-Trainer Markus Anfang über Mitchell Weiser

3 Kleine Regelkunde, Teil 2

Werder-Spieler Roger Assale diskutiert mit Trainer Markus Anfang und dem Schiedsrichter vor der Einwechslung, warum es ein Problem mit seiner Hose gäbe.
Schwarze Hose unter der weißen Trikot-Hose: Werder-Spieler Roger Assale und Trainer Markus Anfang sind irritiert, warum das moniert wird. Bild: Imago | Nordphoto

Und schließlich wurde die falsche Farbe von Roger Assales Unterhose moniert, das fehlte an diesem Abend dann auch noch. Werder wollte in der 67. Minute seinen Neuzugang für Niklas Schmidt bringen. Aber die Hose unter den weißen Hosen war schwarz und das durfte nicht sein. Steht so im Regel-Buch.

Dabei seien es medizinische Radlerhosen, wie Werder später angab, von der das Schiedsrichtergespann vorab gewusst haben soll. Doch bei der Einwechslung wurde abgewunken. Es ging hin und her, Assale tauschte auf der Ersatzbank kurzerhand die Hose und durfte aufs Feld – nur, um sich Sekunden später direkt eine Gelbe Karte für ein Foul abzuholen.

4 Elfmeter oder nicht?

In der 36. Minute haderte Werder besonders: Nach einem langen Pass kabbelten sich Marvin Ducksch und Sebastian Schonlau im Laufduell um den Ball. Der Bremer Stürmer kam zu Fall, aber der Elfmeter-Pfiff blieb aus. Die Werder-Seele kochte.

Das ist für mich ein ganz klarer Elfmeter. Ich bin mit dem Körper vor ihm, er klemmt meine Arme ein und trifft mich mit dem Knie. Ich weiß nicht, was man heutzutage für einen hundertprozentigen Elfer braucht.

Werder-Stürmer Marvin Ducksch bei Sky

Auch für Trainer Markus Anfang war die Sache klar und somit "ein Knackpunkt" im Spiel der Bremer. Doch Schiedsrichter Sascha Stegemann hatte die Szene als noch regelgerechten Zweikampf bewertet, was keine klare Fehlentscheidung war. Eben nur bitter für Werder.

5 Füllkrug, Füllkrug und kein Tor...

Werder-Stürmer Niclas Füllkrug schaut etwas verunsichert hoch auf die Ränge und applaudiert den Fans.
Wieder ein unglücklicher Auftritt des Werder-Stürmers Niclas Füllkrug im Nordderby. Bild: Imago | Eibner

Die Bremer hätten das nicht gegebene Tor und den Elfmeter aber selbst noch locker kompensieren können. Trainer Markus Anfang machte in der Schlussphase eine Chancenverteilung von 19:5 aus und "sechs der 19 waren hundertprozentige" Torgelegenheiten. Doch Werder versemmelte sie alle.

Allen voran Niclas Füllkrug, dem das Pech weiterhin treu bleibt. Zwei dicke Möglichkeiten wusste der eingewechselte Stürmer nicht auszunutzen. "'Fülle' fehlt das Tor", meinte Anfang: "Nur so holst du dir Sicherheit. Aber es wird kommen." Gegen den HSV kam es nicht. Auch bei Ducksch und Romano Schmid nicht, die dickste Chancen liegen ließen und die Nerven der Werder-Fans überstrapazierten. Besonders bitter: In der fünften Minute der Nachspielzeit kam Milos Veljkovic frei aus acht Metern zum Schuss – und verzog weit über die Latte.

'Fülle' war nicht der einzige. Marvin hätte auch das Tor machen können und trifft den Ball nicht richtig. Romano hatte Chancen, Milos stand vor dem leeren Tor. Aber wenn wir das Tor nicht machen, brauchen wir uns auch nicht beschweren. Die Chancen müssen wir machen. Das ist ärgerlich.

Werder-Trainer Markus Anfang

Werders Weiser über seinen Freistoß-Fauxpas: "Scheiße..."

Video vom 19. September 2021
Werder-Spieler Mitchell Weiser steht nach dem Spiel vor einer Werbewand im Weserstadion beim TV-Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Petra Philippsen Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Das Wochenende, 18. September 2021, 22:25 Uhr