Lennard Kämna vor Comeback: "Der Radsport ist immer in meinem Herzen"

Bild: Saarländischer Rundfunk

Im Mai 2021 ist der Bremer Radprofi sein letztes Rennen gefahren. Dann haben ihn mentale Probleme aus der Bahn geworden. Jetzt wagt er einen neuen Versuch in einer neuen Saison.

Anfang Februar soll es soweit sein: Dann fährt Lennard Kämna sein erstes Rennen seit Mai vergangenen Jahres. Die Saudi-Tour. Einige andere sollen im Frühjahr folgen, beispielsweise die Baskenland-Rundfahrt und die Tour des Alpes im April. Trotz der langen Pause: "Ich habe eigentlich ein gutes Gefühl, wenn ich Richtung April schaue. Ich glaube, ich brauche ein paar Rennen, um mich wieder an den Rennspeed zu gewöhnen. Das ist ja eine andere Intensität, aber im Großen und Ganzen gehe ich davon aus, dass es ganz fix funktioniert", sagt Kämna im Interview mit dem Saarländischen Rundfunk. Das wäre die körperliche Fitness. Die war eigentlich selten sein Problem.

Wie es ihm im Inneren geht, darüber redet er nicht gerne – und gibt doch einige Einblicke. Schließlich hatte er in einem großen Interview mit dem "Weser Kurier" im vergangenen Oktober bemerkenswert offen erzählt, warum er die Lust am Radfahren verloren und monatelang ausgesetzt hatte. Verkürzt gesagt, hat Kämna Rückschläge nicht gut wegstecken können. Er habe es verpasst, sich "für andere Dinge zu öffnen, andere Interessen zu entwickeln. Für andere Menschen ist es diese Work-Life-Balance, die ich nicht mehr gefunden habe", sagte Kämna damals. Er habe sein Leben falsch gelebt, sich am Ende nicht mehr motivieren können, aufs Rad zu steigen.

Den Schritt an die Öffentlichkeit bereut er nicht. Die Reaktionen auf das Interview seien durchweg positiv gewesen: Von Freunden und Familie, aber auch von seinen Teamkollegen. "Die waren ehrlich glücklich, mich wieder zu sehen", sagt Kämna heute. "Es war für mich wichtig, einmal drüber gesprochen zu haben, einfach damit da nicht so ein riesiges Fragezeichen in der Welt hängt."

Er habe immer noch eine Riesen-Leidenschaft für den Radsport, auch wenn der Job seine Schattenseiten habe. "Es ist jetzt nicht so, dass ich im letzten Jahr einen Hass auf Radsport geschoben habe, sondern ich hatte eben die Freude am Fahren an sich verloren. Aber der Radsport ist immer in meinem Herzen. Es ist nicht immer eine Qual gewesen, das würde der Sache nicht gerecht werden", sagt er. Es habe auch viele Phasen gegeben, wo er seinen Beruf sehr genossen habe.

Leistungssportler berichten häufiger über mentale Probleme

Und das will er wieder: genießen, ohne Druck. Die Last des großen Talents hat schon früh auf dem heute 25-Jährigen gelegen. Er war schon Junioren-Weltmeister im Zeitfahren, Weltmeister im Mannschaftszeitfahren und gewann 2020 beim Critérium du Dauphiné seine erste Etappe bei einem UCI-Profirennen. Aber spätestens als er kurz danach auch eine Etappe bei der Tour de France gewann, beim wichtigsten Radrennen der Welt, als einziger Deutscher seit 2018, spätestens da wurde der Druck noch größer, die Erwartungen, die Hoffnungen. Kämna selbst gilt als sehr ehrgeizig, hat schon in früheren Interviews gesagt, den meisten Druck würde er sich selbst machen. Der Profisport: Ein Metier, das seine Schattenseiten hat.

Immer öfter berichten Leistungssportler von psychischen Problemen. Das Thema ist längst kein Tabu mehr. Gut für die Athleten, die wissen, dass es anderen auch so geht. Der Rückzug der Ausnahmeturnerin Simone Biles bei den olympischen Spielen in Tokio ist ein Beispiel. Auch der deutsche Radsprinter Marcel Kittel beendete 2019 plötzlich und früh seine erfolgreiche Karriere – wegen mentaler Probleme. Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben, um das Thema mehr in den Fokus zu rücken. Auch der frühere Giro d'Italia-Sieger Tom Dumoulin hatte Anfang 2021 monatelang wegen mentaler Probleme pausiert.

Giro d'Italia der Saison-Höhepunkt

Und dann Kämna: Der Bremer hat sich Hilfe geholt und sich mittlerweile Techniken angeeignet, um mit Rückschlägen besser umgehen zu können, sagt er, und um die Lust am Radfahren nicht wieder zu verlieren. "Das ist natürlich alles sehr privat, wenn ich jetzt sagen würde, was ich genau mache. Mir hat es auf jeden Fall gezeigt, dass Freunde, Familie, einfach Zeit verbringen mit anderen Menschen, mir viel gebracht hat. Es gibt jetzt aber keine Akutlösung, was mir die Freude am Radfahren erhält. Am meisten macht es mir Spaß, wenn ich merke, ich bin auf einem guten Weg, das Training schlägt an und ich habe ein Ziel vor Augen.“

Das Ziel für diese Saison: Der Giro d'Italia im Mai – eine der drei großen Rundfahrten im Radsport, die Nummer Zwei hinter der Tour de France. Dort will sein Rennstall Bora-hansgrohe mit einer starken Mannschaft einen Podestplatz ergattern und Lennard Kämna ist als Edelhelfer für die drei starken Bergfahrer Emanuel Buchmann, Wilco Keldermann und Jay Hindley dabei. "Ich hoffe, dass für mich ein paar Chancen entstehen, gerade in Ausreißergruppen. Wenn ich gute Beine habe, traue ich mir viel zu und von daher gehe ich da mit einem guten Gefühl rein", sagt Kämna.

Lennard Kämna wirkt im Interview nachdenklicher als früher. Sein schwieriges Jahr 2021 will er nun ruhen lassen. Nach vorne schauen und nicht zurück. "Ich sehe mich eher darüber reden, wie ich Rennen fahre und nicht wie das letzte Jahr gelaufen ist." Es reicht jetzt, die neue Saison kann kommen, mit einem Lennard Kämna, der wieder Spaß an seinem Job hat.

Lennard Kämna will auf dem Mountainbike den Spaß wiederfinden

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 23. Januar 2022, 19:30 Uhr