Interview

Ansturm bei Bremer Hausärzten: "Man kann schon von Impfneid sprechen"

Immer mehr Menschen im Land wollen geimpft werden. Und es werden laut dem Vorsitzenden des Hausärzteverbandes mehr. Eine Aufhebung der Impfpriosierung sei illusorisch.

Zwei Hände in blauen Handschuhen halten eine Spritze und ein Fläschen mit einer Impfdose.
Der Vorsitzende des Bremer Hausärzteverbandes sagt, man freue sich darüber, mitimpfen zu dürfen. Es gebe allerdings auch einige Hürden. (Symbolbild) Bild: DPA | Valery Sharifulin

Lockerungen für vollständig Geimpfte und die Aufhebung der Impfpriorisierung rücken etwas näher und könnten schon in wenigen Monaten Realität sein. Darauf zielt die Bundesregierung, und auch der Bremer Senat strebt nach buten-un-binnen-Informationen eine Gleichstellung von Geimpften und negativ Getesteten an.

Es wundert daher nicht, dass sich immer mehr Menschen impfen lassen wollen, wie der Vorsitzende des Hausärzteverbandes in Bremen, Hans-Michael Mühlenfeld, bestätigt.

Dr. Mühlenfeld, seit etwa drei Wochen dürfen Hausärzte gegen Corona impfen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Das war ein guter und überfälliger Schritt. Wir haben Patienten erreicht, die bis dato in Bremen aus verschiedenen Gründen noch nicht erreicht worden waren. Wir konnten also die Impflücken auffüllen. Und es ist auch für uns eine erfüllende Aufgabe, die Menschen freuen sich – und die Mitarbeiter auch. Aber die Impfung ist für uns auch eine zusätzliche Belastung. Denn man darf nicht vergessen, dass die Aufgaben der Arztpraxen auch andere sind, und diese laufen nebenbei weiter.
Offenbar wollen sich immer mehr Menschen impfen lassen. Entspricht dies auch Ihrer Erfahrung?
Ja, das ist so. Wir merken vor allem, dass sich jetzt auch Menschen ohne Vorerkrankungen melden, weil sie ebenfalls geimpft werden möchten. Ich glaube, dass es dabei einen Zusammenhang mit der Diskussion über die Vorteile für Geimpfte gibt.
Sollten tatsächlich bald Lockerungen für Geimpfte kommen, werden sich voraussichtlich noch mehr Menschen impfen lassen wollen. Befürchten Sie einen Ansturm auf die Praxen?
Ja, das wird passieren. Das ist doch klar.
Aber kann man tatsächlich von einem "Impfneid" sprechen?
Ja, das kann man sagen. Die Menschen möchten geimpft werden und man kann auch wahrscheinlich nicht verlangen, auf individueller Ebene, dass jemand sagt: "Ich warte, bis jemand anders geimpft worden ist". Das ist auch mit der Diskussion über die Aufhebung der Priorisierung verbunden. Wenn dann ein Mensch in die Praxis kommt und sagt: "Ich habe jetzt einen Anspruch auf die Impfung", wird es dann für uns schwer, ihm zu sagen: "Ja, aber ich habe hier jemanden, der einen gefährlichen Verlauf bei einer Covid-19-Infektion haben könnte, wir müssen Sie zurückstellen." Das ist ein ethisches Problem.
Was tun Sie aktuell, wenn junge Patienten ohne Vorerkrankung bei Ihnen anrufen?
Wir nehmen die Impfwilligkeitserklärung auf und tragen die Patienten je nach Priorisierungsgruppen in die Listen ein. Wöchentlich gehen wir diese Listen durch, wir fangen dann immer mit der höchsten Priorisierungsgruppe wieder an und rufen die Patienten wegen der Termine an.
Wie viele Patienten müssen Sie dann jede Woche anrufen?
Für nächste Woche sind uns für unsere Praxis 400 Impfdosen angekündigt worden. Das bedeutet, dass meine Mitarbeiter bis Montag etwa 450 Patienten anrufen müssen. Das ist eine aufwendige Sache. Denn solche Telefonate sind auch nicht in 30 Sekunden zu Ende.
Mussten Sie dann zusätzliches Personal dafür einstellen?
Ich hätte Bedarf, denn die zwei Mitarbeiter, die dies erledigen, werden aus der Sprechstunde abgezogen. Die anderen verbleibenden müssen dann versuchen, die Arbeit aufzufangen. Wir haben auch ehemalige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angefragt, ob sie bei uns bei den Impfungen mithelfen könnten. Aber medizinische Fachangestellte gibt es nicht wie Sand am Meer; der Bedarf ist da, kann aber nicht gestillt werden. Es ist auch schwierig, langfristig zu planen, wenn ich die Menschen stundenweise einstellen muss. Ich weiß ja nicht, wie es mit den Impfungen nächste Woche aussieht, wie viele tatsächlich vorgenommen werden können. Und nebenbei, die Vergütung für die Impfung in den Praxen entspricht etwa einem Zehntel von dem, was das Impfzentrum bekommt.
Hausärzte hatten sich kürzlich auch über die Beschaffung und Verteilung des Impfstoffes beklagt. Wie läuft sie inzwischen?
Es ist an vielen Stellen ärgerlich, wie die Impfversorgung organisiert wird. Wir müssen dienstags den Impfstoff bestellen und erfahren dann donnerstags welche Menge von welchem Impfstoff wir bekommen. Freitags und montags werden dann die Patienten angerufen. Aber zum Beispiel vergangene Woche ist es passiert, dass am Samstag die Lieferzusage revidiert wurde. Das macht es uns zusätzlich schwer.
Woher bekommen Sie die Impfdosen?
Wir bestellen sie in unseren Apotheken, von denen wir auch andere Impfstoffe beziehen. Wer darüber bestimmt, wie viel jeder von welchem Impfstoff bekommt, dazu habe ich keine offiziellen Informationen.
Wie ist Ihre Haltung gegenüber einer Abschaffung der Impfpriorisierung?
Für mich ist das, was die Politiker ankündigen, eine Illusion. Weil es gar nicht machbar ist. Selbst wenn – und davon sind wir noch weit entfernt – man ausreichend Impfstoff hätte, wäre es problematisch, das in den Praxen logistisch umzusetzen. Insofern finde ich die Diskussion nicht wirklich ehrlich, weil die Priorisierung in den Praxen dann weiter stattfinden wird. Das ist bedauerlich, weil in letzter Zeit den Menschen immer wieder Hoffnung gemacht wurde, die dann wieder enttäuscht werden musste.
Welche Lösungen sehen Sie in der aktuellen Situation?
Zum einen wäre es sinnvoll, dass jeder Arzt so viel Impfstoff bestellen könnte, wie er meint, in den nächsten Wochen verimpfen zu können. Also: eine größere Verlässlichkeit bei Bestellung und Lieferung. Dann könnte man besser planen und effektiver arbeiten. Und dann darf man den Menschen nicht versprechen, dass Sie einen Anspruch auf Impfung haben werden, ohne zu berücksichtigen, dass es weiterhin zu einer Priorisierung in den Praxen kommen wird. Denn es können plötzlich Fälle auftreten, in denen eine Impfung dringender benötigt wird. Man sollte also den Ärzten die Entscheidung überlassen, wen sie impfen. Und nicht sagen: "Sie haben jetzt einen Anspruch darauf".

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Lukas Fuhrmann äußert sich im Interview zu den Rechten von vollständig geimpften Bremern Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 30. April 2021, 7:36 Uhr