Interview

AWI-Forscher vor UN-Klimagipfel: Nicht nur zuhören, sondern handeln!

Bild: DPA | empics / Andrew Milligan

Der Bremerhavener Wissenschaftler Marcel Nicolaus fordert die Staaten zur Sonntag beginnenden Klimakonferenz auf, endlich schärfere Schritte einzuleiten. Und er hat vage Hoffnung.

Wenn am Sonntag im schottischen Glasgow die 26. UN-Weltklimakonferenz (COP26) beginnt, stehen die Politikerinnen und Politiker unter enormem öffentlichen Handlungsdruck – seit Jahren steigt das Interesse anlässlich des Klimawandels deutlich. Bei dem Gipfel ringt die internationale Gemeinschaft nun um schärfere Maßnahmen zum Klimaschutz. 2015 hatten sich in Paris mehr als 190 Staaten auf das Ziel geeinigt, die Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit möglichst auf 1,5 Grad, zu begrenzen. Jetzt geht es um die Umsetzung. Mit den aktuellen Plänen steuert die Welt einem UN-Bericht zufolge auf 2,7 Grad Erderwärmung zu.

Ein Mann steht an der Reling der "Polarstern" und lächelt in die Kamera.
Marcel Nicolaus ist Meereis-Physiker am AWI und war einer der leitenden Mosaic-Wissenschaftler auf der "Polarstern". Bild: Radio Bremen | Sonja Klanke

Zu den Teilnehmern gehört der Meereis-Physiker Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven. Der Forscher wird die einjährige Mosaic-Expedition und bisherige Ergebnisse vorstellen. Für das bisher größte und teuerste Forschungsprojekt unter AWI-Leitung ließen sich internationale Forschende mit dem Bremerhavener Eisbrecher "Polarstern" im Nordpolarmeer einfrieren und treiben, um das Klima zu erforschen. Seit der Rückkehr vor gut einem Jahr werden die Daten ausgewertet. Nicolaus war einer der Expeditionsleiter. Zum Start des Gipfels schlägt er im Interview Alarm.

Wieder einmal berät eine Konferenz über das Klima, bisher blieben Entscheider aber weit hinter den Forderungen der Wissenschaft – wie genervt sind Sie?
Als Wissenschaftler kann man in der Tat frustriert sein. Aber ich bin natürlich nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein Mensch, der genauso im Alltag steht. Und da gibt es auch eine Menge Verständnis. Dennoch denke ich, muss der Wille Maßnahmen umzusetzen wesentlich stärker sein. Bei mir kommt Frustration auf, wenn ich merke, dass gutgemeinte Ansätze wie Photovoltaikanlagen auf Häusern am Ende politisch zerredet werden und es plötzlich um Zwänge geht. Ich glaube da liegt vieles an der Kommunikation und das ärgert mich dann wirklich.

Es liegen ja Konzepte auf dem Tisch. Die Frage ist nur, wie man sie umsetzt, wie man sie verkauft. Das Wesentliche ist: Es muss attraktiv sein, Leute und Staaten zum Mitmachen anzuregen. Häufig wird die Diskussion von Pflichten und Strafen bestimmt. Es muss allen klar sein, was ich heute tue, zahlt sich für mich, meine Kinder, meine Enkelkinder in den nächsten Generationen aus. Diesen Punkt müssen wir rüberbringen.

Ich bin kein Freund von Zwang, aber davon, stärkere Anreize zu setzen. Ich glaube da sind wir wirklich zu schlecht.

Der Wissenschaftler Marcel Nicolaus sitzt an seinem Schreibtisch, im Hintergrund sein Computer Bildschirm mit Aufnahmen vom Meer.
Marcel Nicolaus, AWI-Wissenschaftler
Sie können als Wissenschaftler Daten erheben und Prognosen erstellen, aber wer muss für die Taten sorgen?
Da ist die Kette der Informationen, die wir weitergeben müssen. Am Ende müssen wir selbst für Taten sorgen, jeder für sich – aber die politischen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Und das sind eben Veranstaltungen wie die Weltklimakonferenz. Dort müssen die Weichen gestellt werden, damit wir alle dazu beitragen können.

Sie (Klimakonferenz Anm.d.Red.) ist das Forum, das die größte Möglichkeit hat, globale Entscheidungen zu treffen. Auch, wenn die Richtlinien bei jedem einzelnen Staat liegen: Die Erwärmung und der Klimawandel sind ein globales Problem. Und damit etwas, womit wir alle auf der Welt in ein Boot holen müssen. Das ist der Prozess, der über die Weltklimakonferenz jetzt zum 26. Mal begleitet wird. Das geht nur gemeinsam.
Die "Polarstern" im Polarmeer
Für die einjährige Mosaic-Expedition unter Bremerhavener Leitung ließen sich internationale Wissenschaftler mit der "Polarstern" in der Arktis einfrieren. Bild: AWI | Jan Rohde
Welche Rolle spielt das Bremerhavener AWI auf der Konferenz?
Das AWI ist im Hintergrund in vielen Arbeitsgruppen vertreten und wird in verschiedenen Beiträgen vor Ort sein. Ich selbst werde in einer von der EU organisierten Session sein, wo wir unsere Mosaic-Expedition und ihre Ziele vorstellen. Wir werden in verschiedene politische Diskussionen eingebunden sein. Das sieht man am Ende nicht im Fernsehen, aber läuft bei so einer Konferenz in ganz vielen Verhandlungen in den Hinterzimmern.

Die Rolle des AWI geht dort aber weit über Mosaic hinaus. Wir haben zum Beispiel unsere Glaziologen, die sich mit dem Schmelzen der Polkappen beschäftigen. Wir haben Herrn Hans-Otto Pörtner, der in leitender Funktionen im IPCC – also am Weltklimabericht – mitarbeitet. Und wir haben viele Kollegen, die Gremienarbeit machen, die Beschlussvorlagen erarbeiten und Beratern der Bundesregierung zuarbeiten.
Welche zentralen Punkte möchten Sie in Glasgow vermitteln?
Der Kernpunkt, den ich wirklich rüberbringen möchte ist: Wir haben das Meereis als Frühwarnsystem, den Wandel sehen wir seit 20 Jahren. Und wir sagen seit 20 Jahren: Leute, die Erde erwärmt sich, es passiert etwas. Wir müssen dahin kommen, dass wissenschaftliche Stimmen und Fakten nicht nur gehört, sondern umgesetzt werden. Aus der politischen Lage wissen wir, langsam kommen wir da hin, aber das Tempo ist viel zu gering.

Wir sagen seit 20 Jahren: Leute, die Erde erwärmt sich, es passiert etwas. Wir müssen dahin kommen, dass wissenschaftliche Stimmen und Fakten nicht nur gehört, sondern umgesetzt werden.

Der Wissenschaftler Marcel Nicolaus sitzt an seinem Schreibtisch, im Hintergrund sein Computer Bildschirm mit Aufnahmen vom Meer.
Marcel Nicolaus, AWI-Wissenschaftler
Was erwarten Sie denn ganz realistisch von dieser Klimakonferenz?
Meine Haupterwartung ist nicht, dass es große Beschlüsse gibt. Sondern, dass das was schon beschlossen ist, ernsthafter umgesetzt wird. Selbst in Deutschland sehen wir, dass wir ermahnt werden und unsere eigenen Klimaziele nicht ausreichend sind. Dass es diese Mechanismen gibt ist ein Erfolg, aber ein zu langsamer.

Ich hoffe, dass es uns gelingt, mit Deutschland und anderen Ländern voran zu gehen. Dass man Kompromisse findet und sich nicht wieder auf die kleinsten Nenner vereinigt. Dass man zumindest national Ziele festlegt und sagt, wir können das und hoffen, die anderen zu überzeugen. Es wird in politischen Diskussionen immer Bremser geben. Die musst du mit der Zeit überzeugen. Besonders gespannt bin ich, wie weit sich die aus meiner Sicht optimistischen Stimmen durchsetzen – und wie weit sehr viele Skeptiker, kritische, zurückhaltende Stimmen.
Und was ist denn Ihrer Meinung nach ein Beschluss, der jetzt notwendig wäre?
Ganz ehrlich, darauf habe ich keine Antwort. Da stecke ich nicht drin. Es bringt nichts Beschlüsse zu fordern, die sowieso ganz weit weg sind. Ich weiß nicht, wo die Gremien inzwischen in ihren Kompromissen sind. Es gibt einiges, was wir in Deutschland tun können, aber das ist sicher nicht mehrheitsfähig auf der großen Staatenebene.
Angeblich betreiben reiche Länder Lobbyismus, um die Klimaschutzziele zu senken – was macht das mit Ihnen?
Meine erste Reaktion: Das kann doch gar nicht wahr sein! Haben die aufgepasst, in den letzten 20 Jahren? Ich verstehe natürlich, dass in allen Ländern persönliche, wirtschaftliche oder andere Interessen große Rollen spielen. Und, dass jeder das bei sich zu Hause verkaufen muss.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind ganz klar: Wir haben den Wandel und die Erwärmung, wir müssen etwas tun. Und zwar nicht erst morgen, sondern heute und am besten schon vorgestern.

Der Wissenschaftler Marcel Nicolaus sitzt an seinem Schreibtisch, im Hintergrund sein Computer Bildschirm mit Aufnahmen vom Meer.
Marcel Nicolaus, AWI-Wissenschaftler
Haben Sie Hoffnungen, dass die neue Regierung in Deutschland etwas besser macht?
Davon bin ich sogar überzeugt. Ich glaube, dass mit der neuen Regierung stärkere Stimmen kommen, die das vorantreiben. Und die zum Teil auch aus ihrer Vergangenheit und ihren Erfahrungen gelernt haben, wie gewisse Dinge nicht gut kommuniziert sind. Wie man sich ein Eigentor schießt, wenn man es so kommuniziert, obwohl man im Endeffekt das gleiche möchte.
Blick in die Zukunft: Eine Analyse sieht Bremen eines Tages unterhalb des Meeresspiegels, wie schätzen Sie diese Gefahr ein?
Das ist das zweite ganz große Thema, das in Glasgow diskutiert wird: Die Vorbereitung auf das, was kommt. Ich sehe keine Gefahr, dass Bremen unter dem Meeresspiegel versinken wird. Wir brauchen ja nicht erst seit gestern einen Deich in Bremen oder Bremerhaven. Da haben wir in unseren Breiten gute Möglichkeiten uns vorzubereiten. Die Probleme werden in anderen Teilen der Welt liegen. In Regionen, die man nicht mit einem Deich schützen kann, vor Unwettern und Stürmen, vor den schmelzenden Permafrostböden und Polkappen. Das sind Dinge, die wir nicht können.

Der Meeresspiegel wird uns das Leben hier schwerer machen. Wir werden weiter an Deichen arbeiten und mit Sturmfluten kämpfen, keine Frage. Aber die Leidtragenden der Erwärmung sitzen nicht in Bremen oder Bremerhaven.

Der Wissenschaftler Marcel Nicolaus sitzt an seinem Schreibtisch, im Hintergrund sein Computer Bildschirm mit Aufnahmen vom Meer.
Marcel Nicolaus, AWI-Wissenschaftler
Haben Sie das Gefühl, dass im Vorfeld der Konferenz eine Aufbruchsstimmung herrscht?
Ich denke Aufbruchsstimmung herrscht auf jeden Fall. Aber nicht zwangsweise wegen der Konferenz, sondern durch das Engagement der Bevölkerung – ob Fridays-for-Future, jeder einzelne oder auch in der Wirtschaft mit klimaneutralen, umweltfreundlichen Angeboten. Es gibt inzwischen einen ganz starken, gefühlten Druck, Dinge CO2-neutral, mit Öko-Verpackungen und ohne Plastik zu machen. Ich glaube, das ist ein großer Erfolg einerseits. Andererseits hoffe ich, dass dieser Druck weitergelebt wird und sukzessive in Entscheidungen umgesetzt wird.
Sind sie eigentlich aufgeregt vor der Weltklimakonferenz?
Ja, auf jeden Fall. Also für mich ist es eine der größten und bedeutendsten Konferenzen bisher. Und dort auch in die Rolle zu kommen, unser Institut und unsere Expedition – immerhin ein riesiges, internationales Projekt – mit einem sehr angesehenen Vortrag über 45 Minuten Redezeit vertreten zu dürfen, das ist schon ein Highlight.

Das macht dieser AWI-Klimaforscher auf der UN-Klimakonferenz

Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorinnen und Autoren

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 29. Oktober 2021, 19:30 Uhr