"Ich hatte als Jugendliche eine schwere Zeit auf dem Land"

Regina Ochotzki
Als Kind wurde Regina auf dem Land gemobbt, in der Stadt liebt sie, dass jeder so sein kann, wie er will. Bild: Regina Ochotzki

Regina wollte als Kind schon nach Bremen. Auf dem Land lief bei ihr nicht alles rund. In Bremen-Walle hat die 48-Jährige nun ihr Glück und Zuhause gefunden.

Mir war als Kind schon klar, dass ich nach Bremen ziehen wollte und nicht in Vierden oder in der Nähe bleiben wollte. Ich bin in der Nähe von Sittensen auf einem Dorf mit damals rund 300 Einwohnern aufgewachsen. Nach dem Abi habe ich gearbeitet, war in den USA und in Indien. Danach wollte ich Mathe studieren – in Bremen. Als ich meinen Mann kennenlernte, bin ich aus meiner WG zu ihm in seine 1-Zimmer-Wohnung gezogen. Als ich schwanger wurde, sind wir ins Stephani-Viertel gezogen. Mittlerweile wohnen wir seit rund 16 Jahren in Walle und haben ein Haus gekauft.

Ich hatte als Jugendliche eine ziemlich schwere Zeit auf dem Land und meine Hoffnung war, dass es mir in der Stadt besser gehen würde.

Regina Ochotzki, ist vom Land in die Stadt gezogen

Als Kind wurde ich auf dem Land ziemlich viel gemobbt. Meine Eltern waren nicht in der Feuerwehr aktiv, sondern haben sich sehr in der Kirche engagiert. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine vier Geschwister und ich nicht richtig dazu gehörten.

Wenn ich als Jugendliche mal ins Kino oder in die Disko wollte, dann mussten meine Eltern immer fahren. Das nächste Kino war um die 20 Kilometer entfernt.

Regina Ochotzki, ist vom Land in die Stadt gezogen

Aus heutiger Sicht ist es kein Wunder für mich, dass meine Eltern keine Lust hatten, jedes Wochenende ihre Kinder nach Zeven oder sonst wo zu fahren. Damals war das für mich aber schlimm und ich habe viel Zeit alleine auf meinem Zimmer verbracht.

Mit 18 habe ich sofort meinen Führerschein gemacht. Das hat für mich Freiheit bedeutet. In der Rückschau hat mein Leben eigentlich erst richtig angefangen, als ich meinen Führerschein hatte und selbständig überall hinfahren konnte.

Regina Ochotzki, ist vom Land in die Stadt gezogen

Es gibt diesen Spruch 'In Walle won’se alle' und das stimmt irgendwie. Die Leute in Walle sind alles andere als homogen und das ist gut so. Walle ist multikulturell und nicht so 'chic' wie manche andere Stadtteile. Hier kann man so rumlaufen wie man möchte und es guckt keiner komisch, wenn man zum Beispiel mit Jogginghose und Latschen einkaufen geht. Genauso gut kann man auch im Anzug einkaufen gehen – das ist auch egal. Und das Beste: In Walle erreicht man alles zu Fuß – oder wenn man nicht laufen mag, mit dem Rad. Wir haben hier in Walle schon mal sieben Jahre ohne Auto gelebt und für größere Einkäufe dann ein Cambio Auto gemietet.

Die Leute, die hier leben, sind sehr divers in Kultur, Aussehen und Herkunft. Etwas, was ich auf dem Land in meiner Kindheit immer vermisst habe. Man kann hier anonym vor sich hinleben, man kann aber auch ein soziales Netzwerk haben.

Regina Ochotzki, ist vom Land in die Stadt gezogen

Ich mag Walle, weil ich hier das Gefühl habe, so sein zu können wie ich bin. Es gibt nicht die eine Norm, an der sich die Leute zu halten haben, weil sonst schlecht geredet wird.

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. November 2021, 19:30 Uhr