Infografik

Streit um Windkraft: Müssen die Landbewohner die Energiewende tragen?

Ein Windrad mit einer Gesamthöhe von 207 Metern vor einem bewölktem Himmel
Fünf Windkrafträder sollen im niedersächsischen Nartum gebaut werden. Doch nicht alle sind mit den Plänen einverstanden. (Symbolbild) Bild: DPA | Daniel Kubirski

Erneuerbare Energien sollen die CO2-Emissionen senken, doch wohin mit den Windparks? Ein Blick ins niedersächsische Nartum. Dort sind fünf 245 Meter hohe Windkrafträder geplant.

Träge ruhen die Felder nach der letzten Ernte. Zwischen Wiesen, Bäumen und Äckern tauchen Wohnhäuser, Höfe und drei Bushaltestellen auf. Knapp 800 Einwohner leben im niedersächsischen Nartum im Landkreis Rotenburg. Ein Ort zwischen Bremen und Hamburg, nah an der Autobahn. Eigentlich ganz idyllisch. Doch die Ruhe trügt. Es schwelt ein Konflikt, denn in Nartum und umzu sollen Windkrafträder gebaut werden.

"Jeder möchte alternative Energien haben, aber natürlich nicht vor der eigenen Haustür", sagt Lars Rosebrock (SPD), ehrenamtlicher Bürgermeister von Nartum. Dabei stehen laut Bundesverbandes Windenergie mehr als 6.000 Windräder in Niedersachsen, deutschlandweit betrachtet, ist das jedes fünfte.

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Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie wies Niedersachsen 2019 mit 17,3 Gigawatt die zweithöchste installierte Kraftwerksleistung an erneuerbaren Energien aus. Diese Leistung steht 8 Gigawatt aus fossilen Energieträgern und 2,8 Gigawatt aus Kernenergie gegenüber. In Bremen liegt die Stromerzeugung bei 0,3 Gigawatt Leistung aus erneuerbaren Quellen und 1,5 Gigawatt aus konventionellen Energieträgern. Im Jahr 2019 wurden nach Daten der Bundesnetzagentur in Niedersachsen 20,8 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Onshore-Windenergieanlagen eingespeist. In Bremen waren es 408 Millionen Kilowattstunden.

In Nartum gab es anlässlich der geplanten Windkraftanlagen eine Bürgerbeteiligung. Fünf Windkrafträder sollen auf die Flächen verteilt werden. "Was uns mittlerweile beängstigt, ist zum einen die Anzahl der Anlagen und zu anderen auch die im Landkreis Rotenburg verbaute Höhe", sagt Bürgermeister Rosebrock. 245 Meter hoch will das Unternehmen Energie Kontor Bremen bauen. Das ist das absolute Maximum.

Damit sind viele im Dorf nicht einverstanden. Jan Zegarek ist einer von ihnen. Sein Haus liegt am dichtesten am geplanten Windpark. 2014 hat er sein Haus in Nartum gekauft, erst danach habe er von den Plänen erfahren, sagt er. Er fürchtet nicht nur den Wert-Verlust seines Hauses.

Ich habe einfach Angst vor den Schlagschatten.

Jan Zegarek steht in seinem Garten
Jan Zegarek, Anwohner

Auch die Geräuschkulisse bereitet ihm Sorgen: "Klar, wir haben hier auch die Autobahn nah dran. Aber je nach Windrichtung hört man sie meist kaum. Bei Windkraftanlagen habe ich da eine andere Erfahrung gemacht, die hört man."

Verpachten lukrativer als Landwirtschaft

Ganz anders sieht das Claus Jagels, er gehört zu den Gewinnern der geplanten Windkraftanlagen. Denn der ehemalige Landwirt will einen Teil seiner Flächen an den Windpark-Betreiber verpachten. Das ist lukrativer als die Landwirtschaft selbst, sagt er. Das hätten auch immer mehr Nartumer Bauern erkannt.

Die Pachten sind enorm gestiegen. Da sagen sich viele, wenn ich schon keinen Nachfolger hab, dann stell ich den Betrieb ein und lebe von der Pacht.

Claus Jagels vor einem Feld
Claus Jagels, Landwirt

Früher gab es in Nartum 30 Bauern, heute sind es nur noch drei. 15 Eigentümer teilen sich insgesamt 61 Hektar Fläche. Der Bürgermeister schätzt, dass die Verpachtung für die Windkraftanlagen 500.000 bis 600.000 Euro im Jahr bringt. "Öffentlich hat es keinen Streit gegeben. Es gibt unter der Hand sicher eine Neiddebatte, aber das wird nicht offen ausgetragen. Dafür sieht man sich zu häufig auf Schützenfesten oder Geburtstagen", sagt Rosebrock.

Finanzielle Anreize

Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz würde auch die Gemeinde Geld abbekommen. Ja nach Menge des erzeugten Stroms. Und auch die Verpächter wollen der Gemeinde etwas abgeben von ihren Pachteinnahmen. "Da sind wir noch in Verhandlungen, aber der Ort wird schon davon profitieren", sagt Landwirt Jagels.

Rosebrock hofft, dass das Anreize sind, die die Dorfgemeinschaft am Ende überzeugen. Im Januar wird es eine letzte Bürgerversammlung geben. Die letzte Entscheidung trifft der Gemeinderat.

Was passiert mit alten Windkraftanlagen?

Die Dauer des Genehmigungsverfahrens einer Windkraftanlage hängt zwar vom Einzelfall ab, dauert im Schnitt aber rund sechs Jahre von der ersten Planung bis zur tatsächlichen Inbetriebnahme. Windkraftanlagen sind auf eine Laufzeit von etwa 25 Jahren ausgelegt. Danach können die Anlagen weiterbetrieben werden. Mittels Gutachten ist ein sogenanntes Repowering möglich. Dabei werden alte Anlagen durch leistungsstarke neue ersetzt. Wird die Windkraftanlage zurückgebaut, werden die Bestandteile recycelt.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. November 2021, 19.30 Uhr