Interview

Radfahrer als "Hybridwesen": Das sagt eine Rad-Professorin über Bremen

Die neue Fahrradstraße am Wall in der Bremer Innenstadt
Die neue Fahrradstraße am Wall in der Bremer Innenstadt Bild: Verkehrsressort Bremen

Bremen gilt als fahrradfreundlichste Großstadt Deutschlands. Trotzdem könnte vieles besser sein. Angela Francke forscht zur perfekten Fahrrad-Stadt an der Hochschule Karlsruhe.

Der Frühling, der sich sicherlich auch hier im Norden irgendwann wieder blicken lässt, ist in Bremen ganz klar Fahrrad-Zeit. Angela Francke ist Professorin für Radverkehr an der Hochschule Karlsruhe – und weiß, wie man noch mehr Menschen aufs Rad bekommt.

Sie waren lange an der TU Dresden. Jetzt forschen und lehren Sie in Karlsruhe. Haben Sie die Verkehrspolitik in Bremen auf dem Schirm?
Natürlich habe ich IMMER eine Mobilitäts- oder Fahrradbrille auf, wenn ich in Städten bin oder neue Städte erkunde. Und in Bremen war ich auch schon unterwegs.
Was ist Ihnen aufgefallen?
Bremen ließ sich sehr gut erradeln. Ich habe mir da den Nachbarschaftsraum angeschaut. Dieses Fahrradnetz fand ich sehr spannend umgesetzt. Die Topografie der Stadt ist sehr flach, es fällt auf, dass viele Leute radeln. Das hat schon so einen holländischen Touch. Und ich finde es auf jeden Fall berechtigt, dass Bremen im Fahrradklima-Test ziemlich gut abgeschnitten hat.
Aber Bremen hat nur eine 3,6 bekommen und das hat als Durchschnittsnote unter den Großstädten über 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gereicht...
[Unterbricht] Nein, also das würde ich so nicht stehen lassen! Der Fahrradklima-Test hat ja auch eine besondere Art, wie er durchgeführt wird. Es sind ja vor allem die aktiv Radfahrenden, die hier teilnehmen, die vielen Situationen ausgesetzt sind, die nicht zufriedenstellend sind. Gerade Personen, die eine kritische Situation erlebt haben, benoten eher schlechter. Die Noten sollten relativ gesehen werden. Der Fahrradklima-Test schaut auch: Wie sind die Entwicklungen? Konnten die Städte etwas umsetzen?
Sie haben eine Typologisierung der deutschen Radfahrer – also nicht nur Bremen – erstellt. Was hat es damit auf sich?
Uns ging es darum herauszufinden, welche Personen auf der Infrastruktur unterwegs sind. Also, die Anzahl der Radfahrenden lässt sich mit Zählstationen messen, die im Straßenverkehr verbaut sind. Über Apps wissen Sie vielleicht auch, wo sie entlang fahren. Man hat aber noch kein Gefühl dafür, warum sie vielleicht bestimmte Strecken nicht nutzen, was ihre Präferenzen für bestimmte Infrastruktur-Lösungen wären, wie sicher sie sich fühlen – oder was für Personen das überhaupt sind. Deshalb haben wir eine bundesweite Befragung gemacht – und genau diese Fragen gestellt. Über 10.000 Fragebögen konnten wir auswerten – und vier Typen identifizieren, die auf den Straßen unterwegs sind.
Fahrradfahrer Typen 40% 24% 22% 15% PassionierterTyp AmbitionierterTyp PragmatischerTyp FunktionellerTyp • Sehr häufig im Sattel unterwegs, nutzt das Rad für viele StreckenAuf seinem Fahrrad fühlt er sich sicher, der Verkehr um sich herum macht ihn nicht nervös. Passionierter Typ • Viel auf dem Fahrrad unterwegs• Motto: Was muss, das muss. Sie fahren, weil auch andere in der Familie oder im Freundeskreis Fahrrad fahren.Fühlen sich eher unwohl und gefährdet Funktioneller Typ • GelegenheitsfahrendeFährt ab und zu, allerdings nicht bei schlechtem Wetter. • Im Urlaub oder am Wochenende macht er gern mal eine Radtour• Sicher im Sattel fühlt er sich dabei allerdings nicht. Ambitionierter Typ • Spaß am Rad fahren, auch wenn er selten dazu kommt.• Große Distanzen • Sport-Fahrer• Genießen das Fahren als willkommenen Ausgleich und Abwechslung Pragmatischer Typ
Quelle: Studie der TU Dresden, 2017
Wie motiviert man denn ganz grundsätzlich Menschen dazu, mehr Wege mit dem Rad zu fahren?
Es kommt darauf an, wo Sie sind. In Bremen ist vielleicht eine andere Motivation nötig, um die letzten, die noch nicht überzeugt sind, aufs Rad zu bekommen. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, wo die Infrastruktur weniger einladend war. Also die Voraussetzung ist, dass wir eine Infrastruktur haben, die Radfahrenden ein durchgehendes, sicheres Fahren ermöglicht – und zwar allen Radfahrenden von 0 bis 100. Vom Kinderrad bis zum Lastenrad. Und es ist der Ausbau dieser Rad-Infrastruktur, die vielerorts noch unzureichend ist. Die muss attraktiv empfunden werden – auch im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln. Da ist es sinnvoll, wenn eine Stadt eine Vision hat.
Bei uns sind weitere Brücken über die Weser geplant für Fahrräder und mehr Schnell-Radwege, die das Umland mit der Innenstadt verbinden sollen. Das ist alles schon länger in Planung und angekündigt. Gelegentlich bekommt man allerdings das Gefühl: So richtig viel passiert nicht. Reicht das aus Ihrer Sicht aus, um eine perfekte Fahrrad-Stadt zu werden?
Leider erinnere ich mich nicht mehr genau, wie Ihr Zentrum genau liegt und welche Gebiete angebunden sind. Ich weiß aber, dass die Stadt Bremen sehr bemüht ist, die Situation für die Radfahrenden zu verbessern. Es ist vor allem wichtig, dass ein zusammenhängendes Radfahr-Netz geschaffen wird. Und dass die Radfahrenden eine komfortable Lösung haben. Also, für sie schnell und ohne Umwege die wichtigsten Zentren und Destinationen zu verbinden, wie zum Beispiel Wohngebiete.

In Dresden gibt es sieben Brücken über die Elbe – und das sind die Nadelöhre in der Stadt. Die müssen gut für den Radverkehr gelöst werden und gut durchdacht sein. Ich kann mir vorstellen, dass das lange dauert in der Planung, um eben allen Akteuren eine ideale Lösung unter den gegeben Umständen zu ermöglichen.
Also, ein gut zusammenhängendes Netz, das komfortabel ist für die Radfahrerinnen und Radfahrer, ist mit das Wichtigste für eine fahrradfreundliche Stadt. Was braucht es noch?
Das Fahrrad-Netz muss auch sicher sein. Radfahrende sind ja sehr unmittelbar Teil des Verkehrsgeschehens und im Falle eines Unfalls tragen sie die höheren Unfallfolgen, beispielsweise bei einem Zusammenstoß mit einem Pkw. Bremen hat auch Straßenbahnen, richtig?
Ja. Wir haben eine Straßenbahn. Ich habe auch schon den typischen "Bremer Rad-Unfall" hingelegt: mit dem Vorderrad in die Straßenbahn-Schiene und dann mit dem Gesicht auf den Asphalt.
Von den Rad-Unfällen im Verkehr sind der größte Anteil rund 30 Prozent die "Alleinunfälle". Da muss man schauen: Was ist möglich? In anderen Städten habe ich zum Beispiel schon Abdeckungen für Straßenbahn-Schienen gesehen. Die sind so gestaltet, dass man sie als Radfahrender überfahren kann. Das heißt, sie gehen nur auf, wenn die Straßenbahn kommt. Da muss man immer prüfen, wo es Unfall-Häufungen gibt – und so etwas kann dann eine Lösung sein.
In Bremen fährt ja schon mehr als jeder vierte seine Strecken regelmäßig mit dem Rad. Gibt es da eigentlich ein Ziel? Also, ist es wünschenswert, dass alle nur noch Fahrrad fahren?
Jede Person, die aufs Fahrrad umsteigt – und sei es nur eine Strecke pro Woche – verbessert ja den Verkehrsfluss der gesamten Stadt. Also, die Radfahrenden sind Platzsparer in einer Stadt. Wenn Sie andererseits überlegen, dass alle, die jetzt mit dem Rad fahren, wieder aufs Auto umsteigen würden, würde das den Kollaps bedeuten. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen liegt die Antwort. Jeder Weg, den eine Person mit dem Fahrrad machen möchte und auch könnte, sollte eigentlich mit dem Fahrrad ermöglicht werden. Und das sind vor allem ein Großteil der Wege, die unter fünf Kilometern in der Stadt erledigt werden. Hier hat das Fahrrad wirklich ein großes Potenzial und viele Bremerinnen und Bremer haben das ja schon erkannt. Mit 25 Prozent haben Sie schon einen hohen Radverkehrsanteil.
Hier in Bremen fällt auf, dass sich Radfahrerinnen und Radfahrer – egal welchen Alters – eher nicht an die Verkehrsregeln halten. Das heißt zum Beispiel: Sie fahren über Rot oder biegen ab, wo es nicht erlaubt ist etc. Woran liegt das?
So ein Radfahrender ist ja ein Hybridwesen – irgendwo zwischen Auto und Fußgänger. Er kann beide Infrastrukturen nutzen – und macht das auch. Vor allem, wenn ich Ortskenntnisse habe und zum Beispiel weiß, dass manche Ampelschaltungen sehr lange Umlaufzeiten haben und ich dann als Radfahrende im typischen Bremer Sprühregen warten muss, dann ist es eventuell einladend, die Ampel rechts zu umfahren – man fühlt sich dann noch so halb sicher, so halb legal, auch wenn es nicht den Regeln entspricht. Aber das liegt am Charakter dieses Zwischenwesens, wo man die Regeln für beide Verkehrsmittel im Kopf hat. Ich möchte aber festhalten, dass sich bei allen Verkehrsmitteln der überwiegende Anteil an die Verkehrsregeln hält und nur die wenigen, die es nicht tun, auffallen.
Corona hat ja viele Leute aufs Rad gebracht. Ist das ein nachhaltiger Trend oder ein kurzfristiger, wie sehen Sie das?
Unsere Erhebungen haben gezeigt, dass der Radverkehr und der Fußverkehr stark angestiegen sind. Das hat mehrere Gründe: zum einen, dass Wege sich verändert haben, Ziele sich verändert haben und Personen dann die aktive Mobilität gesucht haben, um einen Ausgleich zu haben bei geschlossenen Schwimmbädern und Fitnessstudios. Der Radverkehr ist auch deshalb gestiegen, weil Personen sich aufs Fahrrad getraut haben, die vorher nicht gefahren sind. Einfach weil weniger Verkehr auf der Straße war oder weil eine Infrastruktur über Nacht geschaffen wurde – Stichwort Pop-up Bike-Lanes – und da den Radfahrenden ein Platz gegeben wurde.

Ich denke, das ist ein langfristiger Trend auch deshalb, weil bereits vor Corona der Radverkehr stark gestiegen ist. Corona hat wie ein Katalysator gewirkt. Wenn jetzt Infrastruktur verstetigt wird und genau diese Wertschätzung der Radfahrenden weiterhin erfolgt, dann ist es ein Trend, der nicht mehr aufzuhalten ist. Und es ist ein Trend, den wir auch brauchen, um die Klimaziele 2030 zu erreichen.
Wenn Sie in die Zukunft schauen: Was haben Sie für eine Vision von Deutschland als Radfahrer-Nation? Werden wir als Autoland da irgendwann hinkommen?
Ja, da sind wir auf einem sehr guten Weg. Das ist schon eine Entwicklung der ganzen letzten Jahre. Natürlich ist da noch viel Luft nach oben – und es gibt noch viel umzusetzen. Aber ich denke, die Vision Fahrradland und auch das Gefühl und das kollektive Gedächtnis des ersten Lockdowns mit der Ruhe am Morgen und den vielen Radfahrenden auf der Straße und dem Platz, den man hatte, das bleibt im Kopf. Wir sehen, dass es möglich ist. Nicht von einem Tag auf den anderen, das ist ein Prozess. Aber der ist gestartet.

Sicher radeln: Das Fahrrad der Zukunft

Video vom 28. April 2021
Ein Junge sitzt mit Helm auf ein Fahrrad-Simulator, neben ihm ein Forscher mit Tablet.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 7. Mai, 23:30 Uhr