Warum Studenten der Bremer Jacobs University einen Ersatzvater haben

Fußballtrainer, Zuhörer, Chef: Fast 24 Stunden täglich ist Robert Rennie für die Studenten da. Eine seiner Hauptaufgaben ist es, zu vermitteln – und zu "erziehen".

Bild: Radio Bremen

Im Büro von Robert Rennie ist alles grün: Vom Sparschwein über die Kaffeekanne bis zu den Kissen und der Wand hinter den Sofas. Der Raum macht einen gemütlichen Eindruck, sieht eher aus wie ein Clubheim, nicht wie ein Büro. Und überall sieht man Drachen, ob als Stofftier oder aufgemalt. Der Drache ist das Maskottchen von College Drei. Für College Drei und seine rund 240 studentischen Bewohner ist Rennie der sogenannte Resident Mentor: Ein Mann für alles, der auch selbst im Gebäude lebt. Den Job hat die Hochschule vor einigen Jahren geschaffen, um Studenten einen direkten Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen.

Mentor führt neue Studenten in Campusleben ein

Gerade läuft an der privaten Jacobs University in Bremen-Grohn die Einführungswoche für die neuen Erstsemester-Studenten. Rennie hat alle Neuen in der Mensa zusammengetrommelt. Was er und seine Helfer, ältere Studenten und Doktoranden, da präsentierten, sind erst einmal viele Ge- und Verbote. "Das ist euer Zuhause und auch mein Zuhause", macht Rennie klar.

Und dazu gehört auch eine Latte von Regeln. Machen: An den Campus-Aktivitäten teilnehmen, sich gut mit seinem Zimmergenossen vertragen, immer den Müll wegbringen. Nicht machen: sich rücksichtslos verhalten, die Gemeinschaftsräume verkommen lassen, den Feuerlöscher grundlos benutzen.

Studenten schätzen enge Betreuung

Campus der Jacobs University Bremen
Auf dem Campus in Bremen-Grohn leben und lernen die Studenten. Bild: Jacobs University Bremen

Einen zentralen Punkt macht die 18-jährige Heinke Pietsch klar: Wenn dich etwas stört, sprich es aus. Pietsch ist eine der studentischen Ansprechpersonen, den sogenannten Resident Associates. Sie arbeitet mit Robert Rennie zusammen, schätzt ihn aber auch als Fußballtrainer – und als Kümmerer.

Es ist einfach nett, eine Person zu haben, die immer ansprechbar ist, der man Fragen stellen kann, der man einfach sagen kann: Hey, heute ist ein schlechter Tag, kannst du mir einfach mal zuhören? Und das macht Rob immer. Er hat mir auch selbst schon sehr oft geholfen.

Heinke Pietsch, Studentin

Die Familie von Heinke lebt in den USA. Gerade für die Studenten, die von weit her nach Bremen kommen, kann der Resident Mentor zur wichtigen Figur werden. Harmonie Willis zum Beispiel kann die eigene Familie in den USA nur selten besuchen.

Rob ist wie unsere Familie, wie ein großer Bruder.

Harmonie Willis, Studentin aus USA

Obwohl sie weit weg ist von Zuhause, fühlt die 19-Jährige sich in Bremen gut aufgehoben. An der Jacobs University gehört sie schon fast zu den älteren Studenten. Manche sind erst 16, wenn sie ihr Studium beginnen.

Mit 40 noch an der Uni?

Robert Rennie mag sein Leben mitten unter jungen Leuten. Tiefsitzende Jeans, Turnschuhe, T-Shirt – zunächst fällt er gar nicht auf. Doch den Altersunterschied zu seinen Schützlingen merkt er mit 40 nun doch. Mehr Vater sei er nun, weniger großer Bruder, sagt er und lacht. Er ist Zuhörer, Streitschlichter, Helfer in allen Lebenslagen. Eine seiner Hauptaufgaben ist: vermitteln.

Man spürt die Energie und die Begeisterung, die die haben. Das macht einfach Lust, zu arbeiten. Das einzige Problem ist: Die bleiben immer siebzehn, sechzehn, achtzehn, und ich werde immer ein Jahr älter.

Robert Rennie, Resident Mentor an der Jacobs University Bremen

Studenten sollen lernen, mit allen klarzukommen

Zum Beispiel dann, wenn ein Erstsemesterstudent unbedingt ein Einzelzimmer haben will. Das gibt es nicht und da werden auch keine Extrawürste gemacht, sagt Rennie. "Die sollen ja nicht nur akademisch ausgebildet werden, sondern auch sozial, so dass sie, wenn sie hier weggehen, gut mit Leuten umgehen können, egal, woher diese kommen oder was sie für eine Persönlichkeit haben."

Einige Studenten der Jacobs-University beim Abschluss
An der Privatuniversität studieren Menschen aus mehr als 100 Ländern. Bild: Radio Bremen

Rennie hat in seinem Studium in Schottland selbst das Campusleben erlebt, wie man als Student zu einer verschworenen Gemeinschaft werden kann, wenn man zusammenlebt. Er ist studierter Pädagoge, stammt aus Großbritannien und lebt seit elf Jahren in Deutschland. Viele Jobs hatte er schon, bevor er Resident Mentor wurde, konnte sich lange nicht richtig entscheiden, erzählt er.

Uni stellt weitere Mentoren ein

Den Job "Resident Mentor" gibt es an der privaten Jacobs University erst seit vier Jahren. Mittlerweile hat Rennie zwei Kollegen, ein weiterer soll dazukommen. Früher übernahmen Professoren die Betreuung der Studenten. Es stellte sich aber heraus, dass sie dafür neben der Lehre einfach nicht genug Zeit hatten, sagt Rennie. Und: "Oft ist ein Mathelehrer nicht der Beste, um über das Leben zu beraten", sagt er und lacht.

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. August 2018, 19:30 Uhr

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