So sollen Bremen und Bremerhaven bis 2038 klimaneutral werden

Klimaneutrales Bremen bis 2038: Empfehlungen der Enquete-Kommission

Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Die Enquete-Kommission hat ihren Klimabericht für das Land Bremen vorgelegt. Darin wird sichtbar, was konkret auf Menschen und Firmen zukommen kann. Es gibt auch Chancen.

Eineinhalb Jahre hat die Enquete-Kommission des Landes Bremen zum Klimaschutz gearbeitet, gerade eben hat sie nun ihren Abschlussbericht vorgestellt. Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft und Sachverständige, die die Fraktionen benannt hatten, haben sich Gedanken gemacht – darüber, wie das Land Bremen künftig klimaneutral werden kann. Bremen ist das erste Land, das einen solchen Bericht vorlegt.

Vor allem wird im Bericht das große Ziel definiert: 2030 will das Land Bremen die Treibhausgas-Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 um 60 Prozent senken, drei Jahre später sollen es 85 Prozent sein. 2038 schließlich sollen dann 95 Prozent erreicht werden.

Nur neun Jahre Zeit bis zur ersten Groß-Etappe

Diese Ziele können als ehrgeizig gelten – bis zur ersten 60-Prozent-Etappe bleiben gerade neun Jahre Zeit. Wie das Land dort hinkommt, wird im Bericht ebenfalls beschrieben. Der größte Posten der Emissionen ist etwa das Bremer Stahlwerk – es ist laut Bericht für 50 Prozent aller Emissionen verantwortlich. "Die Industrie ist der wichtigste Schlüssel im Kampf gegen den Klimawandel", sagt der Sachverständige Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer-Institut dem Bericht zufolge. Das Stahlwerk wird allerdings gegensteuern: Es soll schon früher als bisher geplant klimaneutral umgebaut werden.

Doch auch auf die Bürgerinnen und Bürger kommen Veränderungen zu – in vielen Lebensbereichen, wie der 350 Seiten starke Bericht aufzeigt. Dazu gehört das Thema Wärme und Strom:

  • Zielvorstellung: Ab 2035 soll kein Erdgas mehr verbraucht werden
  • Das Erdgas-Netz soll zu einem Wasserstoff-Netz werden – aber nur noch die Industrie versorgen
  • Ein- und Mehrfamilienhäuser müssen entweder an Wärmenetze angeschlossen werden oder eigene Wärmepumpen haben
  • Strom soll nur noch aus erneuerbaren Quellen kommen, obwohl der Bedarf durch die Klimaziele steigen wird

Zwei Drittel weniger Autos, Quote für vegane Nahrung

Deutliche Veränderungen wird es laut Enquete-Bericht auch im Bereich Verkehr geben müssen, sagt der Bericht. Es soll weniger Autos geben, wird gefordert – bis 2030 soll die Zahl der Autos um ein Drittel sinken, bis 2038 um zwei Drittel. Außerdem soll künftig die Hälfte aller Autos E-Autos sein. Es soll weniger Parkplätze, aber mehr Ladestationen geben – davon sollen rund 80 Prozent auf Privatflächen liegen. Vermieter sollen die Einrichtung der Ladepunkte möglich machen müssen, die Kosten sollen auf die Mieter umgelegt werden.

Auch für den Konsum macht der Enquete-Bericht Zielvorgaben. Eine der umstritttensten dürfte das Ziel sein, den Fleischkonsum bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren, dafür solle unter anderem ein höherer Anteil an vegetarischer und veganer Nahrung erreicht werden. Auch in Mensen und Kantinen solle es mehr klimafreundliche Ernährung geben. Konkret wird hier vorgeschlagen: "Ein Viertel der Essensstände bei öffentlichen Veranstaltungen muss rein vegan bzw, rein vegetarisch sein."

Was die Sachverständigen sagen

Mit dem Bericht konkretisiert das Land Bremen also, wie es die Klimaziele erreichen will. Was das kostet, hat Sachverständiger Bernhard Stoevesandt schon einmal überschlagen: "Es geht um lockere sieben bis acht Milliarden Euro. Aber wenn Bremen das nicht tut, werden die zukünftigen Generationen das doppelt bezahlen", sagt er.

Eine Porträtaufnahme von Benjamin Wagner vom Berg, Experte für die Enquete-Kommission
Benjamin Wagner vom Berg, einer der Sachverständigen. Bild: Benjamin Wagner vom Berg

Vor allem aber mach der Bericht mit dem vorgeschlagen Maßnahmenkatalog für Viele zum ersten Mal sichtbar, wie sich der Kampf gegen den Klimawandel im Leben ganz konkret auswirken könnte. Das dürfte nicht jedem gefallen, darum hält es der Sachverständige der Hochschule Bremerhaven, Benjamin Wagner vom Berg, für wichtig, die positiven Aspekte besonders herauszustellen: "Mein wichtigster Hinweis wäre, Klimaneutralität nicht nur als Bürde zu sehen, sondern als große Chance für Wirtschaft und Gesellschaft. Weil, das haben wir ja tatsächlich, nicht. Dass die Leute sagen, das kostet erstmal wahnsinnig viel Geld. Und das ist auch mein Anliegen, dort eher die Potentiale zu sehen." Standortvorteile für Bremerhaven und Bremen sieht Wagner vom Berg etwa bei der Wasserstofftechnologie. Und das sagen weitere Sachverständige der Enquete-Kommission:

Ein wichtiger Hinweis für Bremen lautet: Diese hehren tollen neuen Ziele sind nur umsetzbar, wenn wir sofort die Ärmel hochkrempeln und anpacken. Wir brauchen neue Infrastrukturen. Wir brauchen neue Wärmenetze, die in Bremen neutrale Wärme in Gebiete reinbringen, wo es keine Wärmepumpen gibt. Und jeder muss auch selbst anpacken. Eine Solaranlage aufs Dach, eine Wärmepumpe in den Keller und das nächste Auto ist ein E-Auto. Damit schafft man auch in Bremen den Weg zur Klimaneutralität.

Sachverständiger Patrick Graichen, Agora Energiewende

Das Land Bremen und die beiden Städte sollten sukzessive ihre eigenen Gebäude und Liegenschaften klimafit machen, zum Beispiel durch die Installation von Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden oder auch durch Dachbegrünung und Entsiegelungsmaßnahmen. Damit signalisieren sie der Bevölkerung sowie Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen, dass Klimaschutz und Klimaanpassung nicht nur notwendig, sondern auch machbar sind.

Sachverständige Cornelia Rösler, Deutsches Institut für Urbanistik

Mein wichtigster Hinweis für die Bremer wäre, dass sie sich jetzt vorrangig um die Gebäude kümmern müssen, die schlechtes energetische Verhalten haben, gleichzeitig aber nicht vergessen dürfen, dass die Neubauten auch besser werden müssen. Denn letztendlich sind die Neubauten die Altbauten von morgen. Man muss jetzt Instrumente suchen, dass man Gebäude, die den fünf- bis zehnfachen Energieverbrauch von Neubauten aufweisen, verbessert.

Sachverständiger Hans Erhorn, Fraunhofer-Institut

Der Enquete-Bericht liegt nach fast zwei Jahren Arbeit nun vor – mit Ergebnissen, die eigentlich alle Bürgerinnen und Bürger betreffen könnten. Allerdings sind die aufgeführten Maßnahmen nur Vorschläge. Wie daraus Gesetze, Vorschriften und Regeln werden, muss nun wieder die Politik entscheiden.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Dezember 2021, 19:30 Uhr