Infografik

20 Jahre nach dem PISA-Schock: Was wurde aus den Kindern von damals?

Bild: DPA | Armin Weigel

Die PISA-E-Studie von 2002 bescherte Bremens Schulen Hohn und Spott. Hat das das Leben der Kinder begleitet oder gar beeinflusst? Fabian Siemering und Norman Schmidt erzählen.

Der 25. Juni 2002 zählt zu den schwarzen Tagen in der Geschichte Bremens – zumindest in der Bremer Schulgeschichte. Denn an diesem Tag, der sich am Samstag zum 20. Mal jährt, wurden die Ergebnisse des ersten PISA-Bundesländer-Vergleichs publik, auch bekannt als "PISA E", da es sich um eine nationale Ergänzungsstudie zu den internationalen PISA-Studien handelte. In allen Kategorien landeten Bremens Schülerinnen und Schüler auf unteren Plätzen, trugen in Mathe und bei der Lesekompetenz gar die Rote Laterne davon.

Lesekompetenz 15-jähriger bei PISA-E 2002 nach Bundesländern in Punkten

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Mathematische Grundbildung 15-jähriger bei PISA-E 2002 nach Bundesländern

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Bremen erntete in der Folge viel Kritik für sein Schulsystem. Umso mehr, als das Land auch in den Folgejahren bei diversen Vergleichstests immer wieder schlecht abschnitt, nicht zuletzt beim renommierten Bildungsmonitor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Dort hat Bremen auch 2021 den letzten Platz belegt. Doch so viele Momentaufnahmen es zur Bildung in Bremen auch gibt: Es fehlen Studien darüber, was aus Bremens PISA-Kindern und aus den Absolventen anderer Jahrgänge geworden ist.

Zum 20. Jahrestag der PISA-E-Ergebnisse haben wir mit zwei Bremer Schülern von einst gesprochen, die beachtliche Karrieren hingelegt haben. Beide eint zudem die Überzeugung, dass schulische Vergleichstests weithin überbewertet werden – heute wie damals.

Fabian Siemering zu PISA E: "Dazu hatten wir keine Lust"

Porträt von Fabian Siemering
Hat PISA E zum Trotz eine beeindruckende Karriere hingelegt: Fabian Siemering. Bild: Fabian Siemering

Noch heute bekomme er fast immer einen blöden Spruch zu hören, wenn sein Gegenüber erfahre, dass er in Bremen zur Schule gegangen sei, sagt Fabian Siemering. Er besuchte 2002, im Jahr des PISA-E-Bundesländervergleichts die Integrierte Haupt- und Realschule der katholischen St. Johannis-Schule. An den berühmten PISA E-Test selbst kann sich Siemering allerdings kaum erinnern, umso stärker aber an den "Hype", der damals an seiner Schule damit einher ging.

Keiner wusste so wirklich, was das ist: Was kommt da auf Einen zu? Was wird von uns gefordert – und wofür?

Fabian Siemering

Siemering weiß noch, dass sich seine Mitschüler und er nicht so recht mit PISA E anfreunden konnten: "Das war für uns eine zusätzliche Klausur, die wir schreiben sollten. Dazu hatten wir keine Lust." Entsprechend seien die meisten Schülerinnen und Schüler aus seinem Umfeld nicht sonderlich motiviert zur Sache gegangen. Zwar erinnert sich Siemering noch gut daran, wie nicht nur die betroffenen Schüler, sondern ganz Bremen nach Veröffentlichung der Ergebnisse mit Hohn und Spott überschüttet worden sind. Er sagt aber auch: "Wir haben das jetzt nicht so schlimm gefunden, eher sogar ein bisschen witzig."

Wenig später schließt Siemering die Schule zunächst mit einem erweiterten Hauptschulabschluss ab, um in den Folgejahren an einer Handelsschule den Realschulabschluss nachzulegen. Als "wegweisend" für seinen Werdegang aber bezeichnet er den anschließenden Zivildienst, den Siemering bei einer Pflegeeinrichtung der Caritas in Bremen ableistete. "Das war mein Ding. Ich bin dann irgendwie in der Pflege hängen geblieben", erinnert sich Siemering.

Begeisterung kam mit dem Zivildienst

Eine besonders wichtige Erfahrung während des Zivildienstes ist für ihn, dass er im Büro die Administration eines Pflegedienstes kennen lernt – ein Feld, für das sich Siemering sofort begeistern kann. Nach einer Ausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen landet er bei seinem jetzigen Arbeitgeber: bei der AS Abrechnungsstelle für Heil-, Hilfs- und Pflegeberufe AG, einem Finanzdienstleister im Gesundheitswesen. "Ich bin dann in den Vertrieb gerutscht", sagt er und fügt hinzu, dass er nun richtig Gas gegeben habe.

Und das nicht nur im Beruf. Siemering studiert berufsbegleitend am FOM Hochschulzentrum Bremen. "Das war eine harte Zeit. Da wurde ich richtig gefordert", sagt er. Gleichwohl gelingt es ihm, das Studium erfolgreich als als Marketing- und Vertriebsökonom abzuschließen. Und auch beruflich geht es für den PISA-E-Schüler von 2002 weiter bergauf. Heute ist Siemering der Vertriebs- und Marketingleiter der AS Abrechnungsstelle und zugleich Geschäftsführer einer Werbeagentur.

Unbewegliches Schulsystem?

"Ich fühle mich nicht benachteiligt, weil ich in Bremen zur Schule gegangen bin", betont er, sagt aber auch: "Ich halte generell nicht so viel von dem Schulsystem in Deutschland. Da habe ich nicht reingepasst." Der Fehler dieses Systems bestehe aus seiner Sicht darin, dass es kaum auf die Stärken und die Schwächen Einzelner eingehe: "Man muss nur bestehen und ganz viel auswendig lernen", sagt Siemering. Das sei nichts für ihn gewesen. Er sei ein Mensch, der Praxisnähe brauche.

Auch den Sinn der PISA-E-Studie von 2002 stellt Siemering infrage: "Das war eine Momentaufnahme zu Schülern an einem Tag, die keine Lust hatten auf eine Klausur. Die meisten von uns wollten einfach nur schnell nach Hause." Dennoch sei aus fast all seinen Klassenkameraden von damals etwas geworden.

Wir sind genauso erfolgreich wie die Schülerinnen und Schüler von 2002 aus Süddeutschland oder anderen Teilen der Republik.

Fabian Siemering

Ranking der Bundesländer beim INSM-Bildungsmonitor 2021

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Norman Schmidt: "Bremer Abi gilt allgemein als nicht so gut"

Porträt von Norman Schmidt
Stellt den Sinn von Vergleichstests wie PISA infrage: Unternehmer Norman Schmidt. Bild: Norman Schmidt

Der heutige Spediteur Norman Schmidt erinnert sich an PISA E nur vage. Dabei hat er daran teilgenommen: als Neuntklässler am Schulzentrum Waller Ring. "Das war eine Klausur, auf die wir nicht groß vorbereitet worden sind", blickt Schmidt auf den Vergleichstest im Jahr 2002 zurück. "Wir haben das geschrieben, abgegeben und nie wieder davon gehört – bis wir gelesen haben, dass wir angeblich ganz schlecht sind." Unangenehm sei das gewesen, irgendwie auch unfair, habe dieser Test doch nichts mit dem zu tun gehabt, was seine Mitschüler und er zuvor im Unterricht hätten lernen sollen.

Gleichwohl hindert PISA E Schmidt nicht daran, eine beachtliche Karriere hinzulegen. Nach dem Abitur macht er zunächst eine Lehre als Speditionskaufmann. Wie Siemering, so studiert auch er berufsbegleitend: Betriebswirtschaft an der Deutsche Außenhandels- und Verkehrs-Akademie Bremen. Schließlich wird Schmidt im familieneigenen Unternehmen, der GAC Internationale Spedition GmbH, geschäftsführender Gesellschafter. Er ist ein erfolgreicher Unternehmer.

Irgendwie hat es doch geklappt – trotz PISA.

Norman Schmidt

Kaum jemals wird Schmidt nach 2002 mit den PISA-Ergebnissen von einst konfrontiert. Ohnehin glaubt er nicht, dass sein Jahrgang, die Teilnehmer von PISA E aus 2002, einen anderen Ruf habe als alle andere Bremer Jahrgänge: "Das Bremer Abi und die Bremer Schulabschlüsse gelten allgemein als nicht so gut, vielleicht sogar zurecht", sagt er. Das sei heute kaum anders als vor zwanzig Jahren. Dass Bremens Schulabgänger deswegen aber wesentlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten als die Schulabgänger anderer Bundesländer, glaubt Schmidt nicht: "In vielen Berufen sind die Unternehmer froh, wenn sie überhaupt einigermaßen qualifizierte Auszubildende finden", sagt der Spediteur. Spätestens vor diesem Hintergrund trete jedes Länder-Ranking in den Hintergrund.

Zudem, so zumindest sein Eindruck, fielen die fachlichen Unterschiede, wie sie in schulischen Vergleichstests ermittelt würden, zumindest auf dem Arbeitsmarkt für Auszubildende kaum ins Gewicht. Es seien viel mehr die ganz einfachen Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, die manchen Unternehmen mit Hinblick auf Schulabsolventen Sorgen bereiteten: "Viele müssen erst einmal lernen, pünktlich zu erscheinen und sich an- oder abzumelden", nennt Schmidt ein Beispiel.

Förderung wichtiger als Vergleichstests

Dürfte Norman Schmidt Bremens Schulen mit gestalten, so würde er den Fokus stärker als derzeit auf das Miteinander der Schülerinnen und Schüler legen. Zum anderen spielten praktische Kompetenzen eine tragen Rolle, solche, die in der realen Arbeitswelt gefordert sind: "Wir beobachten immer wieder Auszubildende, die zwar gut Mathe können, die aber noch nie etwas von einer Steuererklärung und solchen Dingen gehört haben", erklärt Schmidt. Dabei komme im realen Leben kaum ein Mensch an der Steuerklärung vorbei. Dritte Ableitungen dagegen würden seltener gebraucht.

Zu PISA E und ähnlichen Vergleichstests sagt Schmidt vor diesem Hintergrund: "Ich weiß nicht, ob die wirklich etwas bringen. Außerdem müsste man sie vernünftig auswerten." So finde er es nicht in Ordnung, dass üblicherweise, wie schon seinerzeit bei PISA E, allein die Schüler für ihr Abschneiden bei den Tests verantwortlich gemacht würden: "Man müsste auch die Lehrer in die Verantwortung nehmen. Denn die haben doch die Klassen unterrichtet", sagt Schmidt dazu. Für Bremens Schüler dagegen wünsche er sich vor allem eine bessere Förderung – ob mit oder ohne Vergleichstests.

Neues Institut soll ab Februar Bremens Schulen besser machen

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 25. Juni 2022, 19.30 Uhr