Bremerhavener Forscherin Boetius: Klimareport sendet "letzten Weckruf"

Audio vom 9. August 2021
Eisbär auf kleiner Eisscholle im Wasser
Bild: Imago | McPhoto/Hinrich Bäsemann
Bild: Imago | McPhoto/Hinrich Bäsemann
  • Weltklimarat stellt neuen Bericht vor
  • 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens könnte bereits 2030 überschritten sein
  • Erneute Bestätigung: Globale Erwärmung menschengemacht

Der neue Bericht des Weltklimarates kann nach Auffassung der Bremerhavener Meeresbiologin und Klimafolgen-Forscherin Antje Boetius "nur als letzter Weckruf" verstanden werden. "Wir haben keine Wahl mehr, sondern müssen als Gesellschaft alles in unserer Macht Stehende tun, um die globale Erwärmung zu stoppen und uns bestmöglich auf unvermeidbare Risiken und Gefahren vorzubereiten", sagte die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven am Montag.

Steigende Temperaturen, intensivere Hitzewellen, länger anhaltende Dürren und mehr Starkregen infolge eines veränderten Wasserkreislaufes: Der Klimawandel macht sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Weltklimarates IPCC zufolge schon heute in allen Regionen der Welt bemerkbar. An dem Bericht der Arbeitsgruppe I zum Sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarates über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels, der am Montag veröffentlicht wurde, haben mehr als 230 Forschende aus 66 Ländern mitgewirkt.

Extremwetter im Fokus der Wissenschaft

"Ich halte es für einen ganz entscheidenden Fortschritt, dass die Autorinnen und Autoren der Arbeitsgruppe I mittlerweile sagen können, mit welcher Wahrscheinlichkeit Einzelereignisse wie die schweren Waldbrände in Australien oder aber die Hitzeglocke im Westen Nordamerikas auf den Klimawandel zurückzuführen sind", sagte AWI-Klimaforscher Hans-Otto Pörtner. Schließlich ginge es in der Klimadebatte längst nicht mehr nur um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur, sondern insbesondere auch um Extremereignisse und wie sie sich im Vergleich zur Vergangenheit veränderten.

"Der menschliche Einfluss ist nicht nur der wesentliche Treiber für die Erwärmung des Klimasystems, sondern auch für die Zunahme von Wetter- und Klimaextremen", sagt auch die an dem Bericht beteiligte Veronika Eyring vom DLR-Institut für Physik der Atmosphäre und der Universität Bremen. "Die Häufigkeit und die Intensität etwa von Starkregen-Ereignissen oder Hitzewellen steigen durch den Klimawandel an", so Eyring.

Wetterereignisse laut Forschung bedrohlicher als gedacht

Eine weitere Schlüsselinformation des Berichtes stecke in der Erkenntnis, dass einige dieser Ereignisse bedrohlicher seien als bisher gedacht. "Diese Aussage wird hoffentlich viele Menschen verstehen lassen, dass der Klimawandel da ist, dass er schon jetzt extreme Seiten hat und dass er letztendlich auch extreme Schäden anrichtet und Menschenleben kostet", bekräftigte Pörtner, der auch Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates ist.

Wer heute noch meint, sich nicht um den Klimawandel kümmern zu müssen, der handelt meiner Ansicht nach sträflich. Wir müssen Klimaschutz an allen denkbaren Fronten angehen und alle Optionen ausnutzen.

Hans-Otto Pörtner im Interview bei buten un binnen.
Hans-Otto Pörtner, AWI-Klimaforscher

Klimareport sagt drastische Folgen voraus

Dazu gehöre der Einsatz aller verfügbaren Technologien ebenso wie die Umstellung unserer Ernährungsweise. Außerdem gelte es, unsere Anpassungsmaßnahmen zu maximieren.

Die Bevölkerung im Süden und Westen Deutschlands hat in den zurückliegenden Wochen auf tragische Weise erleben müssen, welche unvorstellbaren Ausmaße Extremwetterereignisse heute bereits infolge des Klimawandels erreichen und welche schwerwiegenden Zerstörungen sie mit sich bringen.

Die Leiterin des AWIs Antje Boetius im Studio von buten un binnen.
Antje Boetius, AWI-Direktorin

Ohne deutliche Gegenmaßnahmen werden dem Klimareport zufolge die 2015 im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Obergrenzen von 1,5 Grad Celsius bis zu 2 Grad Celsius in diesem Jahrhundert überschritten. Der Anstieg der Meeresspiegel sei bereits jetzt unumkehrbar und werde noch Hunderte Jahre andauern. Den Küsten stünden dadurch zunehmend schwere Überschwemmungen bevor. Was bisher als Jahrhundertflut galt, könnte somit in etwa 80 Jahren schon jährlich vorkommen.

Wie denken die Radio Bremen Meinungsmelder über Klimaschutz?

Video vom 3. August 2021
Ein Kraftwerk unter einem düsteren Himmel, hinter einer Steinmauer.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Mittag, 9. August 2021, 12 Uhr