Kommentar

Weihnachtsmarkt light: Bremen macht sich locker – wie lange noch?

Mit dem Budenzauber in der City schafft die Politik Hotspots, meint unser Autor Folkert Lenz. Weil sie sich nicht traut uns zu sagen, dass die Zeit der Zumutungen nicht zu Ende ist.

Ein Pärchen teilt sich eine Bratwurst an einer Weihnachtsmarkt-Bude.
Der "Budenzauber" in der Vorweihnachtszeit ist gefährlich, meint unser Autor Folkert Lenz. (Symbolbild) Bild: Imago | Westend61

Nun also doch: Die Schausteller haben den "Weihnachtsmarkt light" in der Bremer City durchgesetzt. Sie dürfen bis zum Vorweihnachtsabend exakt 17 Buden auf den Plätzen zwischen Hauptbahnhof und Markt aufstellen. Das hat das Bremer Ordnungsamt entschieden – mitten im sogenannten "Lockdown light".

Das ist mutig! Denn anderswo in Deutschland stimmen Landesregierungen und Kommunalverwaltungen die Bevölkerung gerade darauf ein, dass die Corona-Maßnahmen wohl nochmal angezogen werden. Weitere Kontaktbeschränkungen, doch keine Lockerungen zum Fest oder sogar Ausgangssperren sind bekanntlich im Gespräch, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Denn überall im Land ist die Zahl der Infektionen und Toten noch viel zu hoch – und das nach über vier Wochen im "Lockdown light". Auch in Bremen ist das übrigens so!

Trotzdem hat der Senat in der vergangenen Woche das angestrebte Glühweinbuden-Verbot nach Protesten einzelner Fraktionen in der Bürgerschaft gekippt. Und jetzt erlaubt das Ordnungsamt den Schaustellern, dass sie ihre Stände und Wagen zum Anziehungspunkt in der City machen – obwohl das Publikum doch eigentlich zu Hause bleiben soll.

Hotspots ausgerechnet in der Innenstadt?

Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen:

  • Nein, ich habe nichts gegen Punschstände in der Adventszeit.
  • Nein, ich bin kein Weihnachtsmarkt-Hasser.
  • Ja, ich mag den Geruch von gebrannten Mandeln und Schmalzgebackenem.

Und ja, ich sehe die Not von Marktbeschickerinnen, Schaustellern und Gastronominnen, die sich an jeden Strohhalm klammern, damit ihre Betriebe nicht koppeister gehen. 

Aber sollten wir jetzt nicht alle mal die Füße stillhalten, damit uns das Pandemie-Geschehen nicht um die Ohren fliegt? Alle möglichen Gelegenheiten, einander zu treffen und uns zu amüsieren, verkneifen wir uns derzeit: Kein Sport, keine Kultur, keine Partys. Und da müssen ausgerechnet in der Innenstadt Hotspots geschaffen werden, an denen die Menschen Schlange stehen?

Klar, an den City-Buden dürfen nur "Mitnahme-Artikel" angeboten werden, und es ist verboten, dort zu verweilen. Dass das wohl kaum funktionieren wird, zeigen aber die – anderswo verbotenen – Glühweinstände, die nicht nur im Viertel, in den Stadtteilen oder im Blockland regelmäßig für regelwidrige Cluster-Bildungen sorgen. Ohne Maske, ohne Abstand und schön kuschelig. Wenn nicht am Tresen, dann am nächsten Straßeneck. Das liegt in der Natur der Sache.

Öffentlich erlaubt wird, was privat verboten ist

Die Innenbehörde ist sich sicher: Niemand kommt wegen der Schausteller-Buden "extra in die Stadt". Die Stände würden "auch keine Strahlkraft vergleichbar mit dem Weihnachtsmarkt" entwickeln. Ja, warum machen die Betreiber sich dann die Mühe? Weil keiner kommt?

Es ist ein fatales Signal, wenn in der Öffentlichkeit jetzt ermöglicht wird, was im Privaten seit Wochen verboten ist: Nähe und Geselligkeit im Rudel. Nur, weil Politik und Verwaltung sich nicht trauen, uns zu sagen, dass die Zeit der Zumutungen noch lange nicht vorbei ist.

Worauf ich keine Lust habe: Von einem halbherzigen Lockdown in den nächsten zu stolpern, weil man keine Strategie hat. Lange mit angezogener Handbremse zu fahren, scheint ja (zu) wenig Wirkung zu zeigen. Also vielleicht doch mal eine kurze Vollbremsung? Buden-Zauber hilft da jedenfalls nicht!

Bremer Ordnungsamt genehmigt Weihnachts-Buden in der Innenstadt

Video vom 7. Dezember 2020
Kleine weihnachtlich geschmückte Häuschen vor dem Einkaufszentrum Waterfront Bremen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Folkert Lenz

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. Dezember 2020, 19:30 Uhr