Interview

Bremer Forscherin: "Im Grunde genommen umgibt uns ständig Diversität"

Die Meinungsmelder sehen vor allem Familie und Schule für die Aufklärung über Vielfalt verantwortlich. Eine Bremer Forscherin erklärt, wie dies gelingen kann.

Multi-ethnische Familie posiert vor einem Brunnen (Symbolbild)
Wie können Eltern dazu beitragen, dass ihre Kinder die Vielfalt der Gesellschaft kennenlernen? (Symbolbild) Bild: DPA | Blend Images

Gut 73 Prozent der Teilnehmenden einer Meinungsmelder-Befragung sehen in erster Linie die Eltern in der Verantwortung, wenn es um das Kennenlernen der Pluralität in der Gesellschaft geht. Weitere 67 Prozent denken, dass die Schule und die weiteren Bildungseinrichtungen Kinder über Vielfalt aufklären sollten. Gleichzeitig gaben die Befragten an, vorwiegend durch die Medien mit Vielfalt in Berührung zu kommen.

Wie können dann die Familien dazu beitragen, dass ihre Kinder schon relativ früh mit der Diversität und dem Anderssein konfrontiert werden? Die Bremer Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakaşoğlu hat einige Ratschläge für Eltern und Schulen parat.

Prof. Karakaşoğlu, leben wir alle in unserer Blase?
Wir alle leben in jeweils unterschiedlichen Formen der Diversität. Verschiedene Generationen, die zusammenleben; Menschen mit unterschiedlichen Sprachen, Lebensvorstellungen und in verschiedenen sozialen Verhältnissen – auch innerhalb derselben Familie. Im Grunde genommen umgibt uns permanent und überall Diversität.
Die Mehrheit der Meinungsmelder gab an, durch Medien und Freundeskreis mit Vielfalt in Berührung zu kommen. Gleichzeitig wünschen sich die meisten, dass die Eltern den Kindern Diversität beibringen. Wie kann das gelingen?
Wir lernen in unserer Familie mit Diversität umzugehen, über emotionale Bindungen. Auch wenn wir gegensätzliche Meinungen haben, lernen wir andere Aspekte der Menschen im Vordergrund zu sehen. Wir sehen, dass wir vielleicht andere Dinge teilen oder irgendwie gemeinsam haben. Dadurch entsteht so etwas wie eine Bindung, die mir die Verschiedenartigkeit meines Gegenübers nicht als Problem, sondern vielleicht als etwas Bereicherndes oder mindestens Normales vorkommen lässt.
Und was, wenn meine Familie ziemlich homogen ist?
Die Frage ist immer: Was nehme ich als Diversität wahr, was meine ich damit? Ethnische, religiöse, kulturelle und sprachliche Unterschiede sind gerade medial stark im Fokus. Oder auch Beeinträchtigungen. Die Frage ist eben: Welche Art von Diversität kennen meine Kinder aus ihrem Umfeld und welche würden Sie sich wünschen, dass sie kennenlernen? Ich kann meine Kinder zur Diversität sensibilisieren und sie diskriminierungskritisch erziehen. Ihre Augen öffnen, für die Vielfalt um sie herum.
Wenn ich in einer Region lebe, in der das Thema Migration zum Beispiel kaum spürbar ist, dann kann es Sinn machen, mediale Wege zu finden. Fernsehsendungen, Filme, Bücher, Bilderbücher. Man kann schon mit Kleinkindern damit anfangen, indem man ihnen Bücher vorliest oder mit ihnen Bilderbücher ansieht, die von Menschen in anderen Regionen Deutschlands und der Welt handeln. Im Westen, Osten, in den Großstädten. Man kann schauen, ob Kinderbücher etwas abbilden, worüber ich mit meinen Kindern ins Gespräch kommen möchte. Die Neugier darauf zu wecken, ohne, dass ich die anderen zu Exoten mache. Zeigen, dass Kinder, die zum Beispiel mit einer anderen Sprache aufwachsen, ähnliche Gefühle zu ihren Eltern haben oder ähnliche Spiele mögen. Man kann auch die Puppen oder andere Spielgegenstände dafür nutzen.
Sie haben gesagt, man müsse schauen, ob die Bücher etwas abbilden, womit man als Elternteil mit den Kindern ins Gespräch kommen möchte. Gibt es eine Altersgrenze für bestimmte Merkmale, wie zum Beispiel die sexuelle Orientierung?
Die Kinder wachsen auch mit dieser Normalität auf, dass zwei Mütter oder zwei Väter ein Kind erziehen. Sie sehen es zum Beispiel im Kindergarten oder in der Krippe. Ich würde nicht sagen, dass es ein bestimmtes Alter gibt, ab dem man über diese Dinge sprechen kann. Aber die Art, wie ich darüber rede, ist natürlich von Altersgruppe zu Altersgruppe unterschiedlich.
Und wie kann die Schule dazu beitragen?
Es ist wichtig, dass sich in den Lernmaterialien die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt. In den Aufgaben, den Bildern... dass unterschiedliche Namen und Religionen vorkommen, zum Beispiel. Oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Aber auch, dass man unterschiedliche Sprachen, die von den Kindern gesprochen werden, im Umgang miteinander nicht verbietet. Sofern es sich nicht um ein Unterrichtsgespräch handelt, das ist klar. Kinder sind auch ganz stolz, dass sie dieselben Begriffe in mehreren Sprachen kennen. Wenn die Lehrer das akzeptieren und ein natürliches Verhältnis zu der Mehrsprachigkeit in der Klasse entwickeln, hilft dies auch den Schülern. Noch besser wäre es, wenn die Schüler nicht nur Englisch, Französisch und Spanisch lernen könnten, sondern auch die Sprache, die Mitschüler und Mitschülerinnen zu Hause in der Familie lernen. Was in Bremen ganz gut ist: Wir haben einen Religionsunterricht, der über verschiedene Religionen übergreifend informiert.
Sie sind auf Migration spezialisiert. Wie weit sind wir im Hinblick auf dieses Thema in den Schulen?
Im Hinblick auf Migration kann ich Ihnen sagen, dass wir noch nicht so weit sind, wie wir sein müssten. Es gibt aktuelle Studien über Schulbücher: Sie deuten darauf hin, dass das Thema Migration immer noch negativ besetzt ist.
Bremen ist immerhin eine ziemlich multikulturelle Stadt.
Bremen ist eine multikulturelle Stadt, zwei Drittel der Schüler und Schülerinnen, die jetzt in die Schule kommen, haben einen Migrationshintergrund. Das geht oft damit einher, dass sie auch mit einer oder mehreren anderen Sprache aufwachsen – teilweise auch nur mit anderen Sprachen als Deutsch. Auch wenn das von Stadtteil zu Stadtteil variiert, gibt es überall die Möglichkeit, zusammenzukommen.
Gerade die Tatsache, dass Kinder mit unterschiedlichen Muttersprachen aufwachsen, wird jedoch oft als Problem oder Benachteiligung betrachtet, wenn sie zu Hause nicht oft genug oder gar kein Deutsch reden.
Die Vielfalt wird nicht zum Problem, wenn wir sie in unseren Angeboten in den Schulen als Normalität akzeptieren. Wir haben eine mehrsprachige, multikulturelle Stadtgesellschaft. Wenn die Eltern ihren Kindern kein Schuldeutsch beibringen können, ist es Aufgabe der Schule, den Kindern die Sprache auf einem hohen Niveau zu vermitteln – das sie benötigen, um dem Schulstoff folgen zu können. Ohne dabei die Sprache der Familie abzuwerten.

Rückblick: Alle anders: Wie wichtig ist Vielfalt in Bremen?

Video vom 10. Mai 2021
Eine Regenbogenfahne hängt im Fenster eines Büros.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 18. Mai 2021, 19:30 Uhr