Interview

Bremer "Start"-Stipendiat: "Leon, du hast was drauf!"

Video vom 24. Oktober 2021
Ein junger Mann sitzt an einem Schreibtisch.
Leon Kospo sitzt an einem Schreibtisch. Bild: Radio Bremen | Catherine Wenk
Bild: Radio Bremen | Catherine Wenk

Zehn Bremer Schüler und Schülerinnen haben sich dieses Jahr unter den 1.800 Bewerbern des Start-Stipendiums durchgesetzt. Einer erzählt, was das für ihn bedeutet.

Jedes Jahr konkurrieren Schüler und Schülerinnen aus ganz Deutschland um ein Start-Stipendium. Dies ermöglicht Jugendlichen mit Migrationshintergrund, an Veranstaltungen und Seminaren in verschiedenen Bildungsbereichen teilzunehmen, und hilft ihnen, die Schulzeit zu finanzieren. Bei der Bewerberauswahl zählen vor allem Werte und Haltung. Dieses Jahr sind auch zehn junge Menschen aus Bremen unter den Stipendiaten. Einer von ihnen ist Leon Kospo. Im Gespräch mit buten un binnen erzählt der 15-jährige Gymnasiast seine Geschichte.

Leon, was bedeutet für dich, dieses Stipendium bekommen zu haben?
Am Anfang habe ich mich natürlich über das Geld gefreut, aber jetzt habe ich gemerkt, dass es eigentlich was anderes ist. Es geht nicht nur darum, dass ich mir jetzt Schulsachen kaufen kann, sondern darum, dass ich mich mit anderen Menschen verbinden kann. Dass ich lerne, wie die Menschen in Deutschland sind. Wie geht es den anderen Kindern, haben wir die gleichen Probleme? Das ist eine kleine emotionale Unterstützung. Das freut einen.
Wie hast du dich gefühlt, als du es erfahren hast?
Das war so, als hätte mich jemand mit einer Nadel in den Popo gestochen. Ich bin so hochgesprungen. Allein, dass man mich genommen hat, alleine diese Bestätigung, das hat mich schon glücklich gemacht. Das hat mir gezeigt: "Ich kann auch anderes schaffen, ich werde Jobinterviews gut machen können". Das hat mir eine Absicherung gegeben: "Leon, du hast was drauf!"
Wie kam es dazu, dass du dich um das Stipendium beworben hast?
Meine Mutter hat eine E-Mail von der Schule bekommen und mir davon erzählt. Ich fand es sehr interessant, ich war begeistert. Aber dann, nach einigem Nachdenken, wollte ich mich nicht mehr anmelden, weil ich Angst hatte, dass ich abgewiesen werde. Ich hatte Angst, dass ich nicht gut genug dafür bin. In den letzten zwei Stunden habe ich mich dann doch umentschieden.

"Viele Bremer Jugendliche wissen nicht, dass es Stipendien gibt"

Video vom 24. Oktober 2021
Ingeneurin Vivien Walura zu  Gast im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen
Wofür möchtest du dein Stipendium nutzen?
Um mich weiterzubilden. Damit ich in Zukunft weiterkomme und mir nicht Sorgen machen muss um Dinge wie: "Habe ich jetzt genug Geld für dieses Heft?". In einer Woche werde ich zum Beispiel meinen Erste-Hilfe-Kurs haben. Das kann auch später hilfreich sein. In meinem Umfeld zum Beispiel, falls es meiner Mutter nicht gut geht. Und sie haben auch einen Grafikdesign-Kurs. Den könnte ich für meine Zukunft nutzen. Und, wenn sie etwas finden, das für uns Stipendiaten gut sein könnten, schicken sie es uns. Vor zwei Wochen habe ich eine E-Mail bekommen, dass wir einen Austausch in China machen könnten. Das wird durch ein anderes Stipendium gefördert.
Wie liefen bislang die ersten Treffen?
Bei dem ersten Treffen in Bremen war ich total nervös. Aber als wir alle zusammen miteinander reden konnten und gegessen haben, war das anders. Es ist schwer zu erklären, man hat im Brustkorb so eine Wärme gespürt, als hätte man diese Menschen schon sein ganzes Leben lang gekannt.
Ein Migrationshintergrund ist Voraussetzung für das Stipendium. Welche Migrationserfahrung hast du in deinem Leben gemacht?
Ich bin vor sechs Jahren nach Deutschland gekommen. Am Anfang hatten wir fast nichts, nicht mal einen Esstisch. In den ersten zwei Wochen haben wir alle zusammen auf den Knien an einem kleinen Kaffeetisch gegessen. Für mich persönlich war es am Anfang sehr schwer. Nach dem Deutschkurs kam ich in eine Schule, aber ich konnte keine Hilfe von meinen Eltern bekommen: Mein Vater konnte sich auf Deutsch vorstellen, aber mehr nicht. Meine Mutter konnte Englisch. Bei den Aufgabestellungen hatte ich große Probleme. Ich hatte Google-Übersetzer, mein Handy und ein Wörterbuch, musste mir aber alles selbst beibringen. Das war natürlich schwer.
Willst du dich in Zukunft gesellschaftlich engagieren? Wie siehst du deine Zukunft?
Das möchte ich gern, ich möchte mich gern viel mehr für die anderen einsetzen. Ich habe von anderen Stipendiaten gehört, dass sie sich bei Fridays for Future (FFF) engagieren und wir hatten schon einen Klima-Workshop. Obwohl ich das schon wusste, ist mir noch mal deutlich geworden, dass der Klimawandel ein ernstes Problem ist.
Mein Wunsch für die Zukunft wäre, ein ganz normales Leben zu haben und als eine Person, die sich durchgesetzt hat, betrachtet zu werden. Als jemanden, der sich Mühe gegeben hat. Ich würde dann gern Kunst studieren – oder Lehramt. Da bin ich mir noch nicht ganz sicher.
Was möchtest du anderen Jugendlichen sagen, die vielleicht überlegen, sich zu bewerben?
Jeder hat Angst davor, abgelehnt zu werden. Ich war auch einer davon. Bis ich darüber nachgedacht habe: "Was wird passieren, wenn du abgelehnt wirst? Wird dich jemand zusammenschlagen? Wird dir etwas genommen?" Nein, es wird dir nichts genommen. Man kann nur etwas bekommen, es ist nur ein Gewinn. Die meisten haben Angst, dass sie für dieses "Nicht-gut-genug-sein" eine Bestätigung bekommen. Aber, auch wenn man abgelehnt wird, bedeutet das nicht, dass man nicht gut genug ist. Das bedeutet, dass man andere Chancen hat und man sich weiter einsetzen sollte. Man sollte es noch stärker versuchen.

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Autorinnen

  • Catherine Wenk Redakteurin und Autorin
  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. Oktober 2021, 19:30 Uhr