Interview

Virtuelle Borgward-Worldtour in Bremen: "Da ist auch viel Kunst drin"

Dutzende Borgwards fahren am Samstag durch Bremen, weltweit noch mehr. Monica Borgward erzählt, was dahinter steckt – und welche Rolle sie in der Autodynastie hatte.

Monica Borgward sitzt in einem alten Auto.
Ihr Familienname steht untrennbar für die Zeit des Wirtschaftswunders: Monica Borgward. Bild: Radio Bremen

Es wird ein Oldtimer-Treffen der etwas anderen Art, die erste Borgward-Worldtour an diesem Samstag. Liebhaber der ehemaligen Bremer Automobilmarke treffen sich virtuell und weltweit. Die Teilnehmer in den verschiedenen Ländern können sich beim Fahren in ihren Wagen aufzeichnen und die Clips oder Bilder an die Organisatoren schicken. Daraus soll dann ein Film entstehen.

Die Corona-Pandemie hat den Borgward-Club in Bremen und die Organisatoren auf die Idee gebracht, erwartet werden schätzungsweise etwa 300 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem Ausland, 150 in Deutschland und mindestens 50 in Bremen. buten un binnen hat zu diesem Anlass mit Monica Borgward gesprochen.

Frau Borgward, am Samstag treffen Sie sich mit anderen Borgward-Fans zur ersten Borgward-Worldtour am Rhododendronpark. Wo soll es dann entlang gehen?
Wir werden den Rhododendron-Park erreichen und dann zurückfahren, zum ehemaligen Wohnhaus meiner Eltern bis 1953, am Osterdeich 59a. Denn das war der wöchentliche Spaziergang meiner Eltern.
Sie fahren ja nicht allein. Menschen aus aller Welt nehmen zum ersten Mal an ihren jeweiligen Wohnorten an dieser insgesamt virtuellen Tour teil. Was bedeutet das für Sie?
Es ist schon ein anderes Gefühl, wenn man weiß, dass in so vielen Ländern so viele Menschen etwas gemeinsam unternehmen, um meinem Vater oder dem Werk meines Vaters die Ehre zu erweisen. Das ist schon ein Unterschied.
Sie werden auf einem Hansa 1700 von 1936 fahren. Was ist das Besondere an diesem Auto?
Es ist eines der ältesten Borgwards, die es gibt. Ich bin kein Kenner der Borgward-Szene, aber ich glaube, dass es nicht mehr so viele davon gibt.
Besitzen Sie selbst noch Borgward-Autos?
Ich habe schon seit Jahren kein Borgward mehr selber besessen, das war ein Teil meines früheren Lebens. Wissen Sie, ich teile mein Leben in etwa vier Episoden ein: glückliche Kindheit und Jugend als Tochter Borgward, die aber nichts mit Autos zu tun hatte, Jahre als Ehefrau, Mutter und Geschäftsfrau, dann wieder Borgward in der Betreuung meiner Mutter und das Kennenlernen der Borgward-Szene in Europa. Für die Autos waren aber immer meine Brüder zuständig. Als sie leider zu früh verstorben sind, habe ich als letzter lebender Nachfahre übernommen.
Die Automobilwelt wird traditionell als ein männerdominierter Bereich angesehen. Wie war das für Sie?
Nicht relevant, meine Brüder waren dafür vorgesehen und verplant. Nach dem Abitur durfte ich machen, was ich wollte, aber ein Platz im Werk war nicht vorgesehen. Bis zum Abitur habe ich mich auch wenig darum gekümmert. Damals interessierte einen wenig, was die Väter machten. Auch bei anderen Klassenkameradinnen war das so. Ich war vielleicht fünf Male im Werk – was hatte ich da als Mädchen zu suchen? Als dann das Werk kaputtgemacht wurde, hat mein Vater uns gesagt: "Jetzt müsst ihr euren eigenen Weg gehen". Ein Bruder ist in der Autobranche geblieben, ich und der andere Bruder, wir haben einen anderen Weg eingeschlagen.
In der Tat haben Sie sich in Ihrem Leben vornehmlich der Kunst gewidmet, zuerst als Inhaberin eines Antiquitätengeschäfts und später als Galeristin. Kunst und Autos – ein Widerspruch?
Wenn Sie sich die Autos meines Vaters anschauen, da ist auch ziemlich viel Kunst drin. Heute würde man es Design nennen. Die Erfolge, die er mit den Autos hatte, wären gar nicht möglich gewesen, wenn er dieses nicht gut beherrscht hätte.
Sie haben dann erst in ihrer späteren Lebensphase angefangen, sich mit Autos zu beschäftigen.
Ja, meine Brüder waren ja nicht mehr da. Und ich habe gelernt, dass es den Menschen doch etwas bedeutet, wenn sie mit der Tochter noch persönlich Kontakt haben. Weil sie mich mit meinem Vater in Verbindung bringen. Auch, wenn ich zu seinem Tun nichts Wesentliches beigetragen habe. Und für mich persönlich ist diese Beschäftigung es ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die so viel Zeit, Geld und Energien in den Erhalt dieser Autos investieren – und in die Organisation der Treffen. Denn für so viele waren die Borgwards in den Nachkriegsjahren ein Teil ihres Lebens. Ich empfinde sehr viel Dankbarkeit, denn unsere Familie alleine hätte das nicht geschafft.
Wie betrachten Sie jetzt Ihre Rolle in der Familie?
Ich verstehe mich als "Mater Familias", das heißt, dass ich mich um den Zusammenhalt der Familie und den Kontakt zwischen den Nachfahren kümmere. Dies ist für mich eine ganz wichtige Aufgabe. Ich habe so viele Erinnerungen, an meinen Vater, an die entscheidende Rolle meiner Mutter, die einen wesentlichen, wenn auch weitgehend unterschätzten, Anteil an seiner Entwicklung und seinen Entscheidungen hatte.
Haben Sie noch weitere Pläne für die Zukunft?
Ich werde mich weiterhin bei der Angewandten Kunst Bremen (AKB) engagieren, die in diesem Jahr wieder die Veranstaltung Angewandte Kunst im Park des Focke-Museums "Ins Grüne" veranstaltet, und ich bin nach wie vor im Verein der Freunde des Rhododendron-Parks und der Uni-Wildnis aktiv. Und ich werde hoffentlich mal wieder an Borgward-Treffen teilnehmen.

Rückblick: Interview mit dem Autobauer Borgward (1960)

Video vom 10. November 1960
 Interview mit Carl F. W. Borgward.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Serena Bilanceri Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 1. Mai 2021, 8:40 Uhr