Warum sich Missbrauchs-Opfer oft nicht wehren

Der mutmaßliche Missbrauch durch einen Bremer Masseur wirft bei unseren Usern Fragen auf: Warum wehrten sich die Frauen nicht und gingen nicht zur Polizei? Diplom-Psychologin Katharina Charzynski vom Frauennotruf Bremen gibt die Antworten.

Video vom 19. März 2018
Gespräch mit zwei unscharfen Figuren
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen
Frauen berichten, wie ein Masseur in Bremen sie missbraucht habe, schleichend immer mehr. Sogar von Vergewaltigung ist die Rede. Warum wehren sich Frauen in einer solchen Situation nicht?
In vielen Fällen geht es Frauen bei sexuellen Übergriffen und in einer Vergewaltigungssituation so, dass sie erstarren. Sie setzen sich nicht, wie viele es annehmen würden, mit Händen und Füßen oder durch Schreien zur Wehr. Oft befinden sich Frauen in einer Art des dissoziativ abgespaltenem Zustand, um einem solchen seelisch und körperlich überwältigenden Erlebnis innerlich zu entkommen.

Es tauchen innerlich Fragen auf wie: Tue ich der Person Unrecht? Ist es wirklich schlimm? Stelle ich mich empfindlich an? War es ein Versehen? Der andere meint es doch gut, ist professionell.

Katharina Charzynski, Psychologin beim Frauennotruf Bremen
Eine Frau hält ihre Hand hoch, darauf steht das Wort "Stop"
Viele Frauen schaffen es in einer Vergewaltigungssituation nicht, sich zu wehren. Bild: Imago | Mis
Auch in den von den Betroffenen beschriebenen Situationen mit dem Masseur?
In der von Ihnen angefragten Situation sehe ich noch weitere Aspekte: Eine Frau wendet sich vertrauensvoll an eine professionelle Person in ihrer Funktion, zum Beispiel als Arzt oder Masseur. Die professionelle Person erhält vorab einen Vertrauensvorschuss und den Auftrag hilfreich zu sein beziehungsweise eine Dienstleistung zu erbringen. Mit dem Vertrauensvorschuss und einer situationsbedingten hierarchischen Konstellation (Hilfesuchender-Helfer) geht die Annahme einher, dass zunächst einmal das Wohlwollen des Gegenübers vorausgesetzt wird.

Wenn es zu einem Übergriff kommt, wie zum Beispiel unangenehmen beziehungsweise ungewünschten sexuell intimen Berührungen bei einer Massage, gelingt es Betroffenen nicht immer, diese Situation auch für sich als Übergriff zu bewerten, insbesondere dann nicht, wenn es eine 'plumpe Attacke' ist. Der eigenen Gefühlslage wird in diesem Moment nicht mehr getraut, was vielleicht auch aus der Irritation zwischen zuvor angenehmen Berührungen bei zunehmend unangenehmen Berührungen herrührt.

Es tauchen innerlich Fragen auf wie: 'Tue ich der Person Unrecht? Ist es wirklich schlimm? Stelle ich mich empfindlich an? War es ein Versehen? Der andere meint es doch gut, ist professionell.' Die Grenzüberschreitung wird wie ein Überraschungsmoment erlebt. Oft besteht auch der Wunsch sich angepasst zu verhalten und 'keine große Sache' daraus zu machen. Zurück bleibt oft ein schales, schuldhaftes Gefühl, sich nicht gewehrt zu haben. Möglicherweise wird auch die Gegenaggression des Angreifers gefürchtet, sodass man selbst die Situation nicht schlimmer machen möchte als sie vermeintlich ist. Diese Mechanismen machen sich Täter zunutze und überschreiten nach und nach die Grenzen und weiten sie aus. 

Zurück bleibt oft ein schales, schuldhaftes Gefühl, sich nicht gewehrt zu haben.

Katharina Charzynski, Psychologin Frauennotruf Bremen
Viele Fälle liegen einige Jahre zurück. Warum gehen Frauen nicht sofort zur Polizei?
Viele Betroffene schämen sich nach einem erlebten sexuellen Übergriff und geben sich selbst die Schuld an dem Geschehen. Sie sehen sich oft nicht im Recht eine Anzeige zu erstatten, da sie kein ausdrückliches 'Nein' geäußert haben. Ihnen fehlt oft das Verständnis für ihr eigenes Handeln in der Situation.
Warum können Beschuldigte jahrelang mit ihren Taten weitermachen, ohne belangt zu werden?
Die Frage kann ein Jurist sicher fundierter beantworten, jedoch kann ich folgendes dazu sagen: Bei einer Anzeige gegen die sexuelle Selbstbestimmung ermittelt die Polizei alle möglichen Beweise, um einen Sachverhalt aufzuklären. Nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen werden die Ergebnisse an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Diese entscheidet, ob es zu einer Anklage kommt oder nicht. Zur Anklage kommt es durch die Behörde dann, wenn die Klage ausreichend erfolgversprechend ist – was bedeutet, dass es bei nachgewiesener Schuld zu einer Verurteilung kommen wird. Oft kommt es aufgrund mangelnder Beweise zur Einstellung des Verfahrens. Eine Vergewaltigungssituation oder ein wie auch immer gearteter sexueller Übergriff ist zumeist eine Zwei-Personen-Konstellation, bei der es Aussage gegen Aussage steht. Da man von einer Unschuldsvermutung des Beschuldigten ausgehen muss gilt: 'in dubio pro reo* – im Zweifel für den Angeklagten. 

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. März 2018, 19:30 Uhr

Archivinhalt