Pro & Contra

Lockdown-Verlängerung: Bremer Kultur dicht machen – oder nicht?

Mit der Lockdown-Verlängerung bleiben Kultureinrichtungen vorerst geschlossen. Ist das sinnvoll? Arne Schumacher und Georg Bukes vertreten verschiedene Ansichten.

Die Inszenierung des Stücks "Imagine" wird auf der Bühne vom Theater Bremen geprobt
Diesen Anblick wird das Bremer Publikum vorerst nicht mehr haben. Grund ist die Verlängerung der Vorsichtsmaßnahmen. Aber ist das wirklich sinnvoll? Bild: DPA | Sina Schuldt

PRO

Der sogenannte "Lockdown light" geht in die Verlängerung und ich finde das richtig. Zwar kann ich andere Argumente gut nachvollziehen. Aber die entscheidende Frage bleibt: Wo kommen die ganzen Infektionen her? Bei der großen Mehrheit ist das leider unbekannt und die Infektionszahlen sind weiterhin so hoch, dass auch die Gesundheitsämter das nicht nachvollziehen können.

Fragt man in den einzelnen Bereichen nach, sagen natürlich alle: Wir haben ein super Hygienekonzept. Im Kino kein Problem, im Konzert, in der Gastronomie in Hotels und im Museum – alle sagen, bei ihnen sei das Hygienekonzept perfekt. Aber irgendwo müssen sich all die Menschen ja angesteckt haben. Und sei es in der Straßenbahn, auf dem Weg zum Kulturevent. Da man aber über die Infektionswege so wenig weiß, müssen wir leider pauschal das soziale Leben begrenzen. Und da wir Supermärkte nicht schließen können, weil wir sonst nichts zu essen haben, Fabriken schlecht dicht machen können, weil sonst die Wirtschaft ganz zusammenbricht, müssen wir also die Bereiche herunterfahren, die nicht absolut existenziell sind.

Und natürlich leiden wir alle darunter. Auch ich vermisse Konzerte, Theater, das Kino und einen netten Abend im Restaurant mit Freunden. Deshalb ist es ja auch richtig, viel Steuergeld zum Erhalt all dieser Einrichtungen auszugeben. Ganz klar: Auch die Kultur ist systemrelevant und wir haben die Pflicht alle Beteiligten mehr recht als schlecht durch die Pandemie zu bringen.

Aber letztlich helfen uns in der aktuellen Situation keine auch noch so detaillierten Hygienepläne. In der Abwägung, dass in dieser Pandemie die Menschlichkeit insgesamt auf dem Spiel steht, nämlich dann, wenn Ärzte entscheiden müssten, wer überhaupt noch im Krankenhaus behandelt werden kann, in dieser Abwägung bin ich bereit, für die Wintermonate auf Kino, Konzert und vieles schöne mehr zu verzichten.


CONTRA

Ja – wir müssen weiterhin Vorsicht walten lassen. Ja – Einschränkungen sind offenbar unumgänglich, um die Pandemie in Schach zu halten. Warum aber schaffen es die Entscheidungsträgerinnen und –träger der Politik, noch immer nicht, differenzierter zu reagieren? Warum haben sie einmal mehr fast Alles über einen Kamm geschoren und unter anderem dafür gesorgt, dass kulturelle Einrichtungen schließen müssen, dass Kultur-Veranstaltungen trotz ausgefuchster, behördlich abgesegneter Hygienekonzepte nicht stattfinden dürfen?

Wer vor dem 2. November mal in Museen und Kunsthallen, im Kino oder Konzert war, konnte feststellen: es gibt derzeit kaum sicherere Orte in der Öffentlichkeit. Abstände, Laufwege, Belüftung, Desinfektion gemäß der wissenschaftlichen Erkenntnisse: Alles wurde strengstens reguliert und kontrolliert und von den – abgezählten – Besucherinnen und Besuchern gewissenhaft eingehalten. Nirgendwo wird es eng, auch nicht beim Weg hinein oder hinaus. Da ist jeder Gang in den Supermarkt, die Drogerie-Filiale, die Boutique oder das Kaufhaus vergleichsweise "riskanter".

Aber: es ist ja "nur" Kultur. Die scheint der Politik im Zweifelsfalle so nahe zu sein wie der jährliche Repräsentationsbesuch bei den Festspielen zu Bayreuth. Kultur wird geopfert im Zahlen-Kompromiss, egal ob es Sinn macht oder nicht. Der Schaden, den diese pauschale Entscheidung auf vielen Ebenen anrichtet, wird nicht einfach so verklingen.

In Sonntagsreden beschwören Politikerinnen und Politiker gerne die Bedeutung von Kultur. Die Pandemie hat den bisherigen Verdacht bestätigt: wenn es drauf ankommt, sind das Lippenbekenntnisse.

Kultur ist kein Luxus – sie ist weit mehr als eine beliebige Art von Freizeitvertreib, den man an- oder abschaltet. Kultur in all ihren Facetten reflektiert unsere Gesellschaft – sie ist ein essentieller Faktor für die Demokratie und das Wohl der Menschen. Für mich gibt es keine nachvollziehbaren Gründe, warum wir vorerst – und für wie lange noch? – vom Kultur-Erleben jenseits der heimischen Kommunikationsmittel abgeschnitten sind.                 

Autoren

  • Arne Schumacher Musikredakteur
  • Georg Bukes Redakteur

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 1. Dezember 2020, 8:45 Uhr