Kolumne

Dank Corona sind die Zeiten der Bremen-Witze vorbei

Impfquoten, Inzidenzen und Testzentren: Es gibt gute Gründe, zufrieden mit Bremen zu sein, findet unser Redakteur Jochen Grabler. Dennoch wünscht er sich weitere Maßnahmen.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Jochen Grabler lobt den Bremer Weg in der Corona-Pandemie. Aber geht´s noch besser? Ganz sicher, meint er. Bild: Radio Bremen

Die Bremer an sich werden ja gerne mal belächelt. Sie kennen das: Wenn man in der Republik unterwegs ist... dann kassiert man gerne mal mattlustige Sprüche von Schulden und Pisa und Werder ist auch nicht mehr das, was es mal war. Naja. Hamwergelacht!

Wenn diese elende Pandemie für irgendwas gut war, dann allerdings dafür: Die Zeiten der Bremen-Witze sind vorbei. Es gibt gute Gründe, ausnahmsweise mal richtig zufrieden zu sein. Und wer auf Speckflaggenpatriotismus steht: auch stolz.

Vom Corona-Hotspot ins Inzidenz-Mittelfeld

Erinnern wir uns mal an den November. Da war die Stadt Bremen im Vergleich der Großstädte über 500.000 Einwohnern DER Corona-Hotspot mit Inzidenzen von über 200. Und jetzt? Liegt Bremen mit knapp 75 sehr ordentlich im Mittelfeld.

Telefonieren Sie mal mit Leuten, deren Kinder in anderen Bundesländern auf Distanzunterricht angewiesen sind. Die träumen von den Bremer Verhältnissen. Der Kollege in Baden-Baden: "Das ist hier ´ne Katastrophe!" Dass es ausgerechnet der gebeutelten Bremer Bildungsbehörde gelungen ist, in Turbogeschwindigkeit Lehrer und Lehrerinnen sowie Schülerinnen und Schüler mit iPads und Netzzugängen auszustatten, eine vergleichsweise deutlich stabilere Lernplattform an den Start zu bringen und in den Schulen einen derart gewaltigen Kulturwechsel in eine digitale Zukunft anzuschubsen – hätten Sie mich vorher gefragt, ich hätte hohe Summen dagegen gehalten. Und verloren. Hut ab! Das war (und ist) eine große Leistung.

"Vorbildlich, Bremen!"

A propos Wetten: Hätte mir vor ´nem Jahr jemand erzählt, dass in Kooperation von Behörden und lokaler Wirtschaft ein vorbildliches Impfzentrum mit funktionierender Hotline aus dem Boden gestampft wird, hätte ich so etwas im Süden der Republik erwartet, aber niemals in Bremen. Und hätte noch ´ne Wette verloren. Nun guckt man ganz neidisch auf uns. Kommentar der Ärztin: "Ich hab vorher in Niedersachsen gearbeitet. Da funktioniert ja gar nichts." Bei der Hamburger Impf-Hotline soll man angeblich ab 23 Uhr die Chance haben, durchzukommen.

Bei der Impfquote liegt Bremen im Ländervergleich an der Tabellenspitze. Und das Impfzentrum könnte locker noch viel mehr Dosen verabreichen. Wochenanfangs kam die Ankündigung, dass auch Lehrer und Erzieherinnen geimpft werden, Freitag waren die ersten durch. Vorbildlich!

"Da geht aber noch mehr"

So! Das ist doch mal was! Aber da geht noch mehr! Wer hindert uns eigentlich daran, unsere beiden muckeligen Heimatstädte zu Deutscher Meistern im Corona-Schutz zu machen?

Jaja, wer alle Latten am Zaun hat, weiß genau, dass die dritte Welle kommt, dass von einer taumelnden Bundesregierung nichts zu erwarten ist. Was macht die Bundeskanzlerin eigentlich beruflich, dass die Pharmariesen der EU auf der Nase rumtanzen und Lieferverträge für Impfstoffe einhalten – oder auch nicht, dass im Bund weit und breit niemand zu sehen ist, der politisch die Zügel in die Hand nehmen möchte... Zum Verrücktwerden!

Luft nach oben bleibt trotzdem

Jaja: Die Lage ist beschissen! Aber sollen wir uns jetzt auf den Boden schmeißen und strampeln? Oder einen depressiven Eierlikör nach dem nächsten kippen? Bringt das irgendwem irgendwas? Natürlich nicht! Die Berliner Verhältnisse sind erstmal nicht zu ändern, die in den Zentralen der Pharmakonzerne erst recht nicht (man nennt es globalisierten Kapitalismus). Also müssen wir auf uns selbst gucken. Worauf sollen wir auch warten? Wir haben keine Zeit! Es scheint noch nicht in allen Köpfen angekommen zu sein: Die britische Mutante hat alles verändert. Die Mutante ist deutlich ansteckender und tödlicher. Umso drängender, dass wir jetzt noch ´ne Schippe drauflegen. Und damit meine ich nicht die soundsovielte Idee, was alles dichtgemacht und verboten werden soll.

Schulterschluss für Homeoffice

Ich wünsche mir einen gemeinsamen Vorstoß von Handelskammer, Unternehmen und Senat für Homeoffice. Wenn es stimmt, dass neben dem privaten Bereich die beruflichen Zusammenhänge für ein hohes Infektionsrisiko sorgen, dann ist das endlich mal dran. Wenn man sich so umhört, dann ist bei vielen Unternehmern und Unternehmerinnen die Bereitschaft dazu ziemlich übersichtlich. Begründung: kein Bock. Denen muss man jetzt Feuer unterm Hanseatenhintern machen. Mit Verordnungen, wenn das geht. Mit Kampagnen. Mit Transparenz. In einer Zeit mit so vielen Einschränkungen kann es nicht sein, dass solche Leute durchkommen. Dann sollen sie sich im Notfall mal vor laufender Kamera erklären. Hauptsache, es wirkt.

"Höhere Bußgelder für Maskenignoranten"

Ich wünsche mir drastischere Strafen bei Verstößen gegen die Hygieneregeln. Man kann sich bei der Erhöhung der Bußgelder ja an der Mutante orientieren. Die ist 22 bis 35 Prozent ansteckender, die Wahrscheinlichkeit, ins Krankenhaus zu müssen, ist 60 bis 70 Prozent höher, es ist 50 Prozent tödlicher. Vorschlag: 50 Prozent höhere Bußgelder. Irgendwie muss man den Maskenignoranten ja mal signalisieren, dass es sich bei ihrem geistlosen Treiben nicht um ein Spiel handelt. Die Lage ist todernst.

Ich wünsche mir noch mehr Schnelltests, und zwar für die Schulen wie für den Einzelhandel wie für die Kultur nach Tübinger Modell – das wäre super. Die Freitestungen wie in Tübingen wären ein intelligentes Instrument. Die Luca-App ein zweites. Das Rad muss ja nicht neu erfunden werden. Wer sich nicht testen lassen will oder meint, seine Daten wären zu heilig, kann das Thema ja auf Facebook diskutieren oder bei Google nach Amazon oder Lieferando suchen. Herzlichen Glückwunsch dann zum effektiven Datenschutz!

Ich wünsche mir, dass die Vernünftigen in Bremen die Atmosphäre bestimmen. Und auch genau so öffentlich sprechen – von Marco Bode und Thomas Schaaf über Kurt Zech, Bernd Kuschnerus von der Evangelischen Kirche bis zu den Bürgermeistern, den früheren wie den aktuellen. Es ist doch kein Naturgesetz, dass jede noch so kleine "Lockerung" unmittelbar zu flächendeckendem Schlendrian führt. Sorgen wir dafür, dass das nicht passiert.

Die Wunschliste ist erweiterbar.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. März 2021, 19.30 Uhr