Feierwütige Jugend? Warum junge Bremer 2020 ganz andere Sorgen hatten

Silvester steht vor der Tür: Gerade Jugendlichen verlangt das Partyverbot spätestens jetzt sehr viel ab. Doch was treibt sie zum Jahresende wirklich um?

Eine Discokugel wird von einem Scheinwerfer angestrahlt.
Schmeißen Jugendliche ständig Coronapartys? Wir haben mit fünf Schülerinnen und Studierenden gesprochen. Bild: Imago | imagebroker

Wie in jeder großen Krise wird auch in Bremen in der Corona-Krise immer wieder die letztlich sinnlose Frage gestellt: Wer ist schuld? Sinnlos, weil die Frage nicht so einfach beantwortet werden kann. Dafür ist die Pandemie zu komplex. Dennoch hatte beispielsweise Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor allen Dingen die jungen Menschen in die Pflicht genommen – im Kampf gegen das Coronavirus.

Sie trinken zu viel Alkohol, machen Party und halten sich nicht an die Corona-Regeln. Das ist das Bild, was einige von der Generation Z haben. Sie seien schuld, dass die Infektionszahlen nicht schnell genug sinken. Dabei wird oft vergessen, dass gerade diese Altersgruppe in ihrem Alltag besonders betroffen ist von den Maßnahmen: In der Schule herrscht Maskenpflicht, die Universität findet online statt, Ausbildungsbetriebe können nur eingeschränkt lehren. buten un binnen hat mit fünf Jugendlichen darüber gesprochen, wie sie die derzeitige Situation erleben.

"Ich möchte mich nicht auch noch virtuell mit Menschen treffen"

"Ich gehe gerne feiern, aber das vermisse ich nicht am meisten. Sondern eher das Treffen mit Freunden", erklärt Christoph Thiermann. Er studiert an der Universität Bremen Religions-, Erziehungs- und Bildungswissenschaften. Virtuelle Treffen seien für ihn momentan keine Lösung.

Ich bin schon den ganzen Tag in virtuellen Uni-Veranstaltungen, dann möchte ich mich nicht auch noch virtuell mit Menschen treffen.

Christoph Thiermann, Student

Gerade für junge Menschen sei diese Zeit eine besondere Herausforderung: "Mein Abiball fand nicht statt, ich hatte keine richtige Entlassungsfeier, ich musste mein Abitur unter Corona-Bedingungen schreiben und mir Studienplatz und Job suchen", so der 19-Jährige. "Ich finde, dass Kinder und Jugendliche damit sehr zu kämpfen haben und finde es nicht gut, dass es immer wieder heißt, wir würden uns nicht an die Regeln halten. Ich nehme das nicht so wahr."

Ein Paar lacht in die Kamera, vor der Siegessäule in Berlin stehend
Theresa Linda Schiller und ihr Freund Christoph Thiermann verzichten weitestgehend auf Treffen mit Freunden. Bild: privat | privat

Seine Freundin, Theresa Linda Schiller, besucht die elfte Klasse der KGS Leeste. "Eigentlich habe ich mich schon an die Situation gewöhnt. Auch die Maske sechs Stunden in der Schule zu tragen", sagt die 17-Jährige.

Partys nur zwischen den Lockdowns

Auch Merle Schlätzer ist unglücklich, wie die Schulen mit der Situation umgehen: "Nach acht Stunden Maske tragen kriegt man oft Kopfschmerzen. Eine Lehrerin lüftet zwei Stunden lang komplett durch, das ist echt kalt und anstrengend."

Eine junge Frau steht im Flur des Hauses und lacht in die Kamera
Merle Schätzer fordert weniger Stoff im Abitur. Durch Corona hinke ihr Jahrgang dem Stoff hinterher. Bild: privat | privat

Es werde immer betont, dass Corona keine Nachteile für Schüler haben soll. "Hat es aber. Einen Gefallen würden sie uns machen, wenn sie Themen für das Abitur streichen würden, weil wir mit dem Stoff überhaupt nicht mehr hinterher kommen. Da fühlen wir uns vergessen", sagt die 17-Jährige. Durch Probleme mit der Technik und das selbstständige Lernen sowie Lehrern, die aufgrund von Krankheit phasenweise keine Aufgaben schickten, hinke man dem Lehrplan deutlich hinterher.

Niemand aus ihrem Freundeskreis habe sogenannte Coronapartys veranstaltet, die als Superspreading-Event gelten. "Zwischen den beiden Lockdowns haben wir aber schon drei, vier Mal eine Hausparty geschmissen", so die 12.-Klässlerin.

Fahrlässig, wenn man die Corona-Regeln über die Feiertage vernachlässigt

Charlotte Schröder, Studentin der Universität Bremen, hält es für fahrlässig, "wenn man jetzt über die Feiertage die Corona-Regeln vernachlässigt." Freunde, die sich nicht daran hielten, vermeide sie zu treffen. "Die Uni Bremen hat auf hybride Lehre umgestellt. Ich habe mich dagegen entschieden, in die Uni zu fahren, weil mir das Risiko zu hoch ist."

Ein junges Mädchen lacht in die Kamera, neben ihr steht ein weißes Pferd
Charlotte Schröder freut sich, dass sie trotz Corona noch ihrem Hobby Reiten nachgehen kann. Bild: privat | privat

Vor Corona sei sie sehr gerne und regelmäßig feiern gegangen. "Natürlich vermisse ich es. Es war immer klar, dass man Samstagabend was zusammen macht." Jetzt treffe man sich eben zum Spazierengehen oder halte den Kontakt über soziale Netzwerke. "Wir müssen uns einfach der Situation anpassen." Ihr Hobby, das Reiten, unterliegt zwar einigen Einschränkungen, aber sie kann es weiterhin ausüben: "Da bin ich echt froh drüber."

Akzeptanz der Corona-Regeln bei Älteren geringer?

Anders geht es Sebastian Weirauch. Der Jura-Student kann seit dem ersten Lock-Down nicht hobbymäßig Handball spielen. Und auch Partys fallen derzeit flach. "Mich stört, dass meine Altersgruppe und Jüngere dafür verantwortlich gemacht werden, dass Regeln gebrochen und Partys geschmissen werden. Das kann ich aus meinem Umfeld nicht bestätigen", so der 23-Jährige. Die meisten seien vernünftig und hielten sich im Groben an die Beschränkungen, "während ich das Gefühl habe, dass die Akzeptanz bei der Generation meiner Eltern und älter teilweise deutlich geringer ist. Gerade wenn es um das Masketragen und Abstandhalten geht."

Wenn man diesen fünf Menschen zuhört, dann hat man nicht den Eindruck, mit einer gewissenlosen, egoistischen Altersgruppe zu sprechen. Im Gegenteil. Das belegt auch die Studie der Tui-Stiftung, unterstützt vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin.

1.000 Jugendliche im Alter von 16 bis 26 Jahren wurden zu dem Thema befragt: Demnach hält über die Hälfte der Jugendlichen die Corona-Maßnahmen für angemessen, lediglich ein Fünftel empfindet sie als übertrieben. Jeder Vierte würde sogar strengere Maßnahmen befürworten.

Autorin

  • Johanna Ewald Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, 24. Oktober 2020, 10:15 Uhr