Was bedeutet eine Neuaufstellung der deutschen Häfen für Bremerhaven?

Was bedeutet eine Neuaufstellung der deutschen Häfen für Bremerhaven?

Audio vom 21. Oktober 2021
Blick auf einen Containerterminal.
Bild: Imago | Eckhard Stengel
Bild: Imago | Eckhard Stengel

Bremen und Hamburg wollen ihre Häfen zusammenschließen, denn die Konkurrenz ist stark. Aber welche Rolle wird Bremerhaven spielen und was wird aus den Hafenarbeitern?

Geht es nach Bremens Häfensenatorin Claudia Schilling (SDP), dann sollen die Häfen von Bremen und Hamburg so schnell wie möglich gemeinsame Sache machen. In den vergangenen Wochen hat sie sich mehrfach auch mit Senatoren aus Hamburg dazu ausgetauscht. Doch die Verhandlungen stocken nach wie vor. Die beteiligten Unternehmen können sich offenbar nicht einigen. Dabei ist der Konkurrenzdruck beim Containerumschlag durch ausländische Häfen groß.

Die Reederei Hapag-Lloyd mit Sitz in Hamburg plant den Wilhelmshavener Tiefwasserhafen jetzt in ihre Routen mit ein. In den nächsten Jahren will das Unternehmen den Jade-Weser-Port nutzen, um ihn mit den bisher größten Containerschiffen der Welt voll beladen anzusteuern. Denn bislang gibt es in Deutschland keinen anderen Hafen, den diese Schiffe direkt von Asien aus anfahren können. Dass das künftig möglich sein wird, freut auch Bremen, schließlich ist das Bundesland im Gegensatz zu Hamburg am Jade-Weser-Port beteiligt.

Jetzt bestätigt sich, dass wir strategisch auf dem richtigen Weg sind, auch wenn sich zunächst die Zahlen nicht so entwickelt haben.

Porträt von Claudia Schilling im Fernsehinterview bei Radio Bremen
Claudia Schilling (SPD), Bremens Häfensenatorin

Die weltgrößte Reederei Maersk hat entschieden, ihren Anteil am Terminal in Wilhelmshaven an Hapag-Lloyd abzugeben. "Wir sehen da große Chancen, wie es sich mit Maersk entwickelt, könnte für uns auch positiv sein", sagt Schilling. Sie hofft, dass Maersk künftig Bremerhaven noch stärker einbezieht. "Ich kann es zwar nicht vorhersehen, aber das wäre meine Hoffnung."

Bremen und Hamburg gegen Antwerpen und Rotterdam

Ohnehin geben die großen Reederei-Allianzen weltweit den Ton an, wie und wo die Verkehre künftig laufen. Hamburg und Bremen müssen dieser Marktmacht mit einer Kooperation mehr entgegensetzen, sagt Schilling: "Wir müssen durch die Hafen-Kooperation den Wettbewerb verringern und uns stärker auf den Wettbewerb zu Rotterdam und Antwerpen beziehen."

Schillings Vorstoß, Bremen und Hamburg müssten jeweils zur Hälfte an einem neuen Hafenkonzern beteiligt sein, stößt in Hamburg noch auf Zurückhaltung. Zuallererst sei das eine Sache der beteiligten Unternehmen, sagte eine Sprecherin des Hamburger Senats.

Verhandlungen stocken

Die Verhandlungen zwischen den Unternehmen – der Hamburger Hafen und Logistik HHLA und der Bremer Eurogate – stocken allerdings seit einiger Zeit. Die ganz großen Containerschiffe könnten nach den Vorstellungen der Kooperationsbefürworter erst voll beladen Wilhelmshaven ansteuern, dann mit weniger Ladung und damit weniger Tiefgang Bremerhaven und Hamburg – zumal die weitere Vertiefung von Weser und Elbe aus Umweltschutzgründen immer schwieriger wird.

Manager Karl Gernandt von der Kühne Holding AG richtete kürzlich einen Appell an die Politik: "Wir müssen aufhören, alte Zöpfe zu verteidigen. Wir müssen uns überlegen, was passiert eigentlich im internationalen Seefrachtbereich? Welche Anforderungen haben Reedereien? Wie verändert sich das?" Ein neuer Hafenkonzern für Bremen und Hamburg könnte für die gemeinsamen Interessen und kommenden Herausforderungen arbeiten, glaubt auch Gernandt.

Den Kostendruck auf die Häfen sieht auch Oliver Oestreich, Vorsitzender des Vereins der Bremer Spediteure: "Die Terminals werden ja nicht von den Spediteuren bezahlt. Die werden von den Reedereien bezahlt. Und dann reicht die Reederei im Rahmen der Frachtrate weiter an den Spediteur oder an den Importeur", erklärt er. "Wenn wir meinen, wir hätten so einen eigenen Weg in Bremerhaven, der aber teurer ist als das, was die Rotterdamer oder Antwerpener oder Hamburger anbieten können, dann haben wir ein Problem."

Automatisierung kommt

In den nächsten Jahren wird aller Voraussicht nach die Automatisierung dafür sorgen, dass sich Jobs deutlich verändern werden oder gar wegfallen. Zum Beispiel, wenn Container wie von Geisterhand durch die Terminals befördert werden. Wie können da neue Perspektiven für die Tausenden Beschäftigten entstehen? Auch eine Aufgabe, die die Unternehmen vor enorme Herausforderungen stellt.

Aus Sicht von Uwe Schmidt, SPD-Bundestagsabgeordneter und Hafenarbeiter, muss es darum gehen, wie die Arbeitsplätze sinnvoll verändert werden können: "Heute sind die Anforderungen andere. Was auf jeden Fall auch für uns als Politik im Vordergrund stehen muss, sind die gut tarifierten Hafenarbeitsplätze. Da müssen wir darum streiten, wie die in Zukunft denn aussehen."

Früher war das eher so ein bisschen: Kannst Karre schieben, kannste Arbeit kriegen.

Uwe Schmidt (SPD)
Uwe Schmidt, SPD-Bundestagsabgeordneter und Hafenarbeiter

Bis 2025 gibt es für die Tausenden Hafenarbeiter im Bremerhavener Hafen noch eine Beschäftigungszusicherung. Was danach kommt – dahinter stehen zurzeit noch große Fragezeichen.

"Umschlag in Bremerhaven kann verdoppelt werden"

Das Hafenunternehmen Eurogate testet gerade ein neues Automatisierungssystem in Wilhelmshaven. Wenn das funktioniert, soll es auch in Bremerhaven zum Einsatz kommen. Das bestätigte Eurogate-Chef Mikkel Andersen buten un binnen. Wie die Häfen Rotterdam und Antwerpen müsse auch Bremerhaven auf automatischen Containertransport umstellen, sagte Andersen. Bei Eurogate in Bremerhaven arbeiten aktuell mehr als 1.000 Menschen im Containertransport. Das heiße aber nicht, dass es zu Stellenabbau kommen müsse: "Bremerhaven ist lange nicht ausgelastet. Dort, wo ich zuständig bin, setzen wir zurzeit nur die Hälfte unserer Kräne ein. Warum nicht alle Kräne einsetzen?"

Außerdem müssten die Kajen saniert und weitere Lagerflächen geschaffen werden. Das sei auch unabhängig von einer möglichen Kooperation der Häfen von Bremen und Hamburg notwendig. Andersen geht davon aus, dass der Umschlag in Bremerhaven so verdoppelt werden könnte.

Bremens Häfensenatorin unterstützt den Eurogate-Kurs. Sie sei überzeugt, dass die Jobs, die möglicherweise wegfallen werden, an anderer Stelle kompensiert werden könnten. Wie genau, sagte sie nicht.

Rückblick: Mögliche Hafenfusion zwischen Bremen und Hamburg stößt auf Interesse

Video vom 18. August 2021
Im Hintergrund sind Containerbrücken von einem Hafen sichtbar. Davor sind Autos und Lkws zu sehen und Fahnen mit dem Schriftzug "Eurogate".
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorinnen und Autoren

  • Dirk Bliedtner
  • Sonja Harbers Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag: Live aus Bremerhaven, 21. Oktober 2021, 16:45 Uhr