Kolumne

Wo steckt man sich an? Hört auf, mit dem Finger auf andere zu zeigen

Wir sind nicht das Problem, sagen Gastrobranche, Hotels, Veranstalter und Schulen. Falsch. Wir alle sind Teil des Problems, meint Radio-Bremen-Regionalchef Frank Schulte.

Ein Konterfei von Frank Schulte, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Radio-Bremen-Regionalchef Frank Schulte sieht das Verhalten vieler Politiker und Lobbyisten in der Corona-Krise kritisch. Bild: Radio Bremen

Ich habe die große Hoffnung, dass mancher Bürger aus Gröpelingen, aus Schwachhausen und aus Geestemünde besser verstanden hat, um was es gerade geht, als mancher Volksvertreter und mancher Lobbyist. Denn was passiert momentan? Jeder zeigt mit dem Finger auf die anderen. Ansteckungen in der Gastronomie? Ne, die gibt's doch nicht. Hotels? Wir haben doch die besten Hygienekonzepte. Schulen? Kommt unbedingt weiterhin alle gleichzeitig zum Unterricht, hier steckt man sich nicht an. Man gewinnt den Eindruck: Eigentlich dürfte sich dieses Virus gar nicht mehr verbreiten. Es hat ja keine Möglichkeit dazu. Pandemie? Welche Pandemie? Also an uns liegt es nicht.

Tatsächlich ist die Situation komplett anders. Bremen liegt bundesweit an erster Stelle, was die Ansteckungsdynamik in den letzten sieben Tagen angeht. Die Situation in den Krankenhäusern ist noch in Ordnung, aber täglich kommen neue Patienten hinzu. Wissenschaftler haben ausgerechnet: Wenn Bremen den Infektionstrend jetzt nicht stoppt, dann kollabiert das Gesundheitssystem Mitte Dezember. Bremen war seit Beginn der Pandemie in keiner heikleren Lage als momentan. Kurz gesagt: Bremen braucht den Corona-Wellenbrecher jetzt ganz unbedingt. Und hoffen wir alle miteinander, dass der jetzt funktioniert, sonst wird es richtig finster. Die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden, die dann folgen, die möchte ich mir nicht einmal vorstellen.

Gesundheitsämter haben längst die Kontrolle verloren

Es hilft schlichtweg nicht weiter, einfach zu sagen: "Hier steckt man sich nicht an". Wir wissen das einfach nicht. Das RKI sagt: Nur 25 Prozent der entdeckten Infektionen können einem klaren Ausbruchgeschehen zugeordnet werden. Anders herum: In 75 Prozent der Infektionsfälle wissen wir nicht, wo sie passiert sind. Die Gesundheitsämter haben längst die Kontrolle verloren, die Kontaktnachverfolgung funktioniert nicht mehr. Alles ist diffus. Niemand kann aktuell sagen, welche Rolle öffentliche Verkehrsmittel, Restaurants und Kulturstätten wirklich im Infektionsgeschehen spielen.

Und natürlich geht es auch nicht nur um die konkrete Ansteckung, es geht darum, wo und wie das Virus weitergetragen wird. Und da spielen nun einmal alle Orte eine Rolle, an denen viele Menschen zusammen kommen, an denen es viele Begegnungen gibt.

Der Großteil der Bürgerinnen und Bürger ist schlau

Warum ich trotzdem optimistisch bin? Weil der Großteil der Bürgerinnen und Bürger schlau ist und tief im Inneren weiß, dass da jetzt ganz dringend was passieren muss. Und dass dieses "was passieren" bedeutet, persönliches Verhalten zu verändern. Man feiert keinen Geburtstag in großer Runde, weil das richtig so ist. Man macht keinen Party-Abend, weil das jetzt nicht mehr geht. Man trifft nur noch ein paar ausgesuchte Freundinnen und Freunde, mit den anderen muss man anders in Kontakt bleiben. Und auch davon bin ich überzeugt: Wir finden das alles furchtbar, eine Zumutung, es regt uns auf und verärgert uns. Aber der Großteil weiß, dass es richtig ist.

Mathematische Prognose: Wann wären Bremens Kliniken überlastet?

Video vom 29. Oktober 2020
Transport eines Sarges von Personen in Isolationsanzügen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Frank Schulte Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Oktober 2020, 19:30 Uhr