Claudia ist an Weihnachten bei ihren Krebspatienten im Krankenhaus

Die Bremerin Claudia Thannheimer ist Gesundheits- und Krankenpflegerin im Klinikum Bremen-Ost. Besuche sind tabu – auch an Weihnachten. Das belaste ihre Patienten sehr.

Krankenhauspersonal mit weihnachtlicher Dekoration in der Kitteltasche und mit Mund- und Nasenschutzmaske neben einem geschmückten Weihnachtsbaum.
In vielen Krankenhäusern in Bremen und Bremerhaven werden es in diesem Jahr einsame Weihnachten: Wegen der Corona-Pandemie sind Besuche nur in Ausnahmefällen erlaubt. Bild: Imago | ANE Edition

"Ich feiere Weihnachten mit FFP2-Maske auf der Station 91 des Klinikums Bremen-Ost. Meine Ausbildung zur examinierten Gesundheits- und Krankenpflegerin habe ich 2013 abgeschlossen. Es ist eine pneumologisch-onkologische Station, das heißt ich betreue Menschen mit einer Krebserkrankung, oder Patientinnen und Patienten, die zum Beispiel an chronischen Lungenerkrankungen oder Lungenentzündungen leiden. Wegen des Besuchsverbots dürfen sie niemanden ihrer Liebsten sehen – das gilt auch für Weihnachten. Ausnahmeregelungen gibt es nur für Menschen, die sich im Sterbeprozess befinden, Menschen mit einer stark ausgeprägten Demenz oder Menschen, die gar kein Deutsch verstehen oder sprechen. Alle anderen können erst nach fünf Wochen im Krankenhaus zum ersten Mal Besuch empfangen.

Etwa 90 Prozent meiner Patienten werden dieses Jahr wahrscheinlich zum letzten Mal Weihnachten feiern. Ich persönlich bin der Meinung: Menschen müssen sich nicht aktiv im Sterbeprozess befinden, um ein Besuchsrecht zu bekommen. Ich setze mich deswegen für weitere Ausnahmeregelungen ein, vielleicht klappt es ja zu Weihnachten.

Krankenschwester Claudia Thannheimer trägt ein Kind auf ihren Schultern und lächelt in die Kamera.
Claudia Thannheimer, Gesundheits- und Krankenpflegerin im Klinikum Bremen-Ost

Das Besuchsverbot macht allen zu schaffen. Wir stellen hier auch Krebs-Diagnosen, der Partner oder die Partnerin kann nicht – wie sonst – mit dabei sein. Die Nachricht "Ich habe Krebs" bekommen sie dann per Telefon. Teilweise haben wir auch Patienten, die aufgeklärt werden und bei denen am nächsten Tag mit der Chemotherapie begonnen werden muss – sonst hätten sie keine Chance mehr. Dann so alleine vor diesem Berg zu stehen, ist hart. Es ist für alle eine sehr schwere und emotional belastende Zeit. Die Patienten haben mehr Gesprächsbedarf als sonst, ich und meine Kolleginnen und Kollegen versuchen, das aufzufangen.

Wir haben ein super Team, es gibt auch eine Seelsorge, ein Palliativ-Team und Psycho-Onkologen, das macht es leichter. Ich bin 32 Jahre alt und gehe jeden Tag mit einer besonderen Einstellung zur Arbeit: Ich arbeite mit Menschen und nicht mit Kartons, die mir im Weg stehen und die ich von rechts nach links schiebe. Das sind Menschen, die haben Geschichten, Erfahrungen, Ängste und Sorgen, die wahrgenommen, respektiert und akzeptiert werden müssen.

Einsame Weihnachten und akuter Personalmangel

Normalerweise verbringen wir Weihnachten mit allen Patienten zusammen in unserem geschmückten Aufenthaltsraum und essen gemeinsam zu Abend. Wir haben einen Weihnachtsbaum und es läuft Weihnachtsmusik, das Essen ist an einer langen Tafel aufgebaut. Aber selbst das ist dieses Jahr nicht drin. Durch Corona und die geltenden Abstandsregeln fällt die kleine Feier an Heiligabend flach.

Krankenschwester Claudia Thannheimer trägt ein Kind auf ihren Schultern und lächelt in die Kamera.
Claudia Thannheimer arbeitet seit 2010 im Klinikum Bremen-Ost. Gerade zu Weihnachten versucht sie ihren Patientinnen und Patienten etwas Ablenkung vom Klinik-Alltag zu schenken. Bild: Claudia Tannheimer

Eigentlich haben wir 31 Betten auf der Station aber viel zu wenig Pflegekräfte. Wir suchen schon lange nach zusätzlichem Personal. Doch das fehlt und deswegen haben wir die Kapazitäten schon seit einem halben Jahr auf 20 Betten reduziert. Davon sind derzeit 13 belegt. Durch die geringe Belegung haben die Patienten meist ein Einzelzimmer. Die Konsequenz: An den Feiertagen sind sie nahezu komplett einsam und auf sich alleine gestellt. Ich bringe ihnen das Essen rein, wünsche Guten Appetit und gehe wieder raus. Das war's.

Das möchte ich gerne mal als Beispiel all denjenigen erzählen, die jammern und sich nicht vorschreiben lassen wollen, ihre Familie an Weihnachten nicht sehen zu können. Es sind immerhin drei Tage, auf die man alles verteilen kann. Aus meiner Sicht sind die Regeln der Politik immer noch zu locker für Weihnachten.

Krankenschwester Claudia Thannheimer trägt ein Kind auf ihren Schultern und lächelt in die Kamera.
Claudia Thannheimer, Gesundheits- und Krankenpflegerin im Klinikum Bremen-Ost

Herzenswunsch für 2021: Omas 90. Geburtstag

Ich sehe zu Weihnachten weder meine Eltern, noch meine Geschwister, noch Nichten und Neffen. Auch, wenn ich nicht arbeiten würde, bin ich mir mit meinen Geschwistern einig: Wir halten die Besuche auf einem Minimum, notfalls gibt es ja auch noch Video-Anrufe, die Geschenke können auch die Eltern unter den Weihnachtsbaum stellen. Ja, das ist blöd aber mir ist wichtiger, dass wir nächstes Jahr alle zusammen den 90. Geburtstag meiner Oma feiern können, ich ihr persönlich gratulieren kann und sich die Lage bis dahin beruhigt. Das ist mein größter Wunsch, denn ich weiß nicht, wie lange ich sie noch habe. Sie wohnt in Bayern und es würde mich sehr freuen, wenn ich sie wieder besuchen könnte.

Alle Corona-Gegner und Pandemie-Leugner würde ich gerne mal mit auf Station nehmen und ihnen zeigen, wie es abläuft. Es ist nicht witzig, es ist wirklich nicht schön. Ich bin zwar nicht mit den infizierten Menschen in Kontakt aber ich sehe, was auf unserer Intensivstation los ist. Ich sehe, was da abgeht und wie die Kollegen rumrennen und wie sie sich immer wieder neu vermummen müssen. Das ist ein unglaublicher Aufwand und eine enorme körperliche und psychische Belastung. In diesem Sinne wünsche ich dennoch allen schöne Feiertage mit ihren Liebsten. Ich hoffe, es steckt sich keiner an."

Das Gesprächsprotokoll wurde von Angela Weiß verschriftlicht.

Wie feiert Bremen Weihnachten im Corona-Lockdown?

Video vom 15. Dezember 2020
Ein typisches Weihnachtsessen: Rotkohl, Klöße und Fleisch.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Angela Weiß Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Dezember 2020, 19:30 Uhr