Keine Termine vor 9 Uhr

Darf man in Corona-Zeiten einfach jemanden bitten, Geld zu wechseln? Eine Frage, die sich buten-un-binnen-Fernsehchef Lars Rosentreter stellte – im alltäglichen Wahnsinn.

Ein Konterfei von Lars Rosentreter, unten sieht man einen Zollstock der bei 150 cm markiert ist.
buten-un-binnen-Chef Lars Rosentreter macht keine Termine mehr vor 9 Uhr. Bild: Radio Bremen

Eigentlich mache ich keine Termine vor 9 Uhr. Aber Ausnahmen gibt es. Heute war so eine. Mein Personalausweis läuft ab. Der freundlichen schriftlichen Erinnerung durch die Stadt bin ich sofort nachgekommen und habe einen Termin im Bürgerservice-Center vereinbart. Ging telefonisch, schnell – dauerte schließlich keine Woche.  

7:30 Uhr: die Schlange vor der Tür überschaubar. Keiner genervt, alle entspannt. Einlass einzeln, eingewiesen durch Security. "Haben Sie ein Passfoto dabei?", werde ich beim Check-In gefragt. "Nein, das wollte ich hier bei Ihnen machen! Geht das?" - "Ja, dann bitte einmal durch die Tür!"

Er will immer wieder zurück zu mir

Der Automat hinter der Tür nimmt Münzen und 5-Euro-Scheine. Doch alle Versuche, das Papier irgendwie in den Automaten zu bekommen, scheitern. Gestrichen, geglättet, einmal draufgesetzt, von jeder Seite, vorwärts und rückwärts – vergeblich. Der Schein will immer wieder zurück zu mir. Auf Nachfrage werde ich an den Wechselgeldautomaten im ersten Stock verwiesen. Ich hätte auch noch einen Zwanziger. "Der Apparat nimmt nur 5- und 10-Euro-Scheine. Aber da gab es gestern schon Probleme", sagt ein Mann vom Sicherheitsdienst. Ja, und heute auch!

5 Euro gestrichen, geglättet, einmal draufgesetzt, von jeder Seite, vorwärts und rückwärts – vergeblich.

Und jetzt? Während ich mich frage, ob man in Corona-Zeiten einfach jemanden bitten darf, einem Geld zu wechseln, schreitet der Sicherheitsmann hilfsbereit zur Tat: "Haben Sie vielleicht zwei Zehner für den Herrn?" Da ich dem Papiereinzugsfach am Geldwechsler nicht mehr traue, ergänze ich: "Oder können Sie 'nen Fünfer klein machen?" Kann jemand, macht auch jemand. Auf einem Bistrotisch legen wir Schein und Münzen ab, der Tausch geht ohne Körperkontakt über die Bühne.  

Kein Scherz?

Direkt zurück zum Foto-Automaten. Münzen fallen, biometrisch gucken, es dröhnt. Der dritte Versuch gefällt.

Am Schalter: "Darf ich die Bilder mal sehen?" - "Klar!"

"Da sind unten zwei kleine Lichtreflexionen auf den Brillengläsern. Die Fotos gehen so nicht. Können Sie bitte noch welche machen?"

In meinem Kopf: "Echt? Ernsthaft? Kein Scherz?"

Aus meinem Mund: "Leider nein, ich habe kein Kleingeld mehr, und Ihr Automat wechselt nicht. Wissen Sie was, ich komme ein andermal wieder. Mit genügend Kleingeld oder vielleicht auch mit Fotos. Dann hätte ich jetzt gerne einen neuen Termin."

"Den kann ich Ihnen leider nicht geben. Ich habe keinen Zugriff auf das System. Da müssen Sie die 115 anrufen oder sich online einen Termin holen …"

7:44 Uhr, nicht mein Tag, nicht meine Uhrzeit. Nächster Versuch in einer Woche, dann aber nicht vor 9.

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Lars Rosentreter Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 10. März