Interview

Warum Krippenspiele abgesagt werden – und das Bremer Stadion voll ist

Blick in das vollbesetzte Weserstadion im Abendrot mit Fans, die grün-weißen Fahnen schwenken.
Aerosolforscher Christof Asbach erklärt den Unterschied zwischen "direkter und indirekter" Infektion. (Archiv) Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Bremerhaven diskutiert wieder eine Maskenpflicht im Unterricht, die Fußballstadien sind voll – wie passt das zusammen? Aerosolforscher Christof Asbach schätzt die Lage ein.

Weihnachtsmärchen und Krippenspiele wurden abgesagt, Bremerhaven diskutiert über eine Maskenpflicht im Unterricht. Währenddessen haben am Samstag Köln gegen Gladbach vor vollem Haus gespielt. Bei Werder dürfen immerhin noch 31.575 zum Heimspiel am Freitag gegen Aue. Wie passt das zusammen? Aerosolforscher Christof Asbach erklärt, wie sich die Viren am schnellsten übertragen – und wie Bremerinnen und Bremer sich am besten dagegen schützen können.

Viele Krippenspiele sind schon abgesagt worden, Fußballspiele finden aber weiterhin statt. Machen wir gerade dieselben Fehler wie im vergangenen Jahr?
Was die Infektionslage angeht, ist es ja noch deutlich drastischer als im vergangenen Jahr. Es ist aber bei diesen unterschiedlichen Veranstaltungen immer wichtig zu unterscheiden, ob etwas drinnen oder draußen stattfindet.

Woran liegt es, dass sich die Übertragung im Innenraum so stark von der Übertragung draußen unterscheidet?
Es gibt direkte und indirekte Infektionen. Die direkte Infektion kann passieren, wenn zwei Personen sehr nah nebeneinanderstehen. Die eine Person würde dann die Viren einatmen, die die andere Person ausatmet. Das ist aber nur möglich, wenn die Menschen sehr nah beieinanderstehen.

Wenn der Mindestabstand von 1,50 Meter, oder besser noch zwei Metern, eingehalten wird, dann ist die direkte Infektion unwahrscheinlich. Die Maske kann ebenfalls sehr gut gegen direkte Infektionen schützen. Diese direkte Infektion kann es sowohl im Innenraum als auch draußen an der frischen Luft geben.
... und was ist mit der indirekten Infektion?
Die kommt praktisch nur in Innenräumen vor: Im Laufe der Zeit kann sich die Virenkonzentration immer weiter anreichern, zum Beispiel wenn nicht gelüftet wird. Und so kommt es dann zur Übertragung.

Die indirekte Infektion ist der deutlich kritischere Übertragungsweg: Eine Untersuchung aus China mit mehreren Tausend Fällen hat gezeigt, dass fast alle zurückverfolgten Infektionen auf die indirekte Übertragung zurückgingen. Bei indirekten Infektionen kann es aus diesen Gründen viel eher zu Superspreader-Events kommen.

Außerdem kann ich mich mit Abstand und Maske sehr einfach gegen die direkte Infektion schützen. Bei der indirekten Infektion ist das schwieriger. Da hilft zum Beispiel regelmäßig lüften.

Aerosolforscher Christof Asbach
Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung
Laut Christof Asbach, Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung, ist die Gefahr einer Corona-Infektion draußen deutlich geringer als im Innenraum. Bild: dpa | Rolf Vennenbernd
Heißt das, bei Großveranstaltungen unter freiem Himmel kann mir weniger passieren als im Büro?
Mögliche Ansteckungen bei Großveranstaltungen an sich sind tatsächlich eher unwahrscheinlich, solange der Mindestabstand eingehalten wird oder die Menschen Masken tragen. Wenn die Menschen dicht gedrängt Karneval feiern oder im vollen Stadion sind, dann kann es natürlich auch zu direkten Infektionen kommen. Aber auch hier würden sich nur Menschen mit direktem Kontakt gegenseitig anstecken.

Das Problem bei den Großveranstaltungen ist viel mehr der Weg – zum Beispiel in der Straßenbahn zum Stadion und zurück, der Kneipenbesuch nach dem Spiel oder wenn Menschen nach dem Spiel im privaten Umfeld weiterfeiern. Die Ansteckungsgefahr steigt eigentlich immer nur in geschlossenen Räumen.
Und wie bewerten Sie dann, dass Weihnachtsmärkte aktuell stattfinden?
Solange ich den Abstand einhalten kann oder Maske trage, ist das relativ sicher.
Es haben sich immer wieder neue Corona-Varianten entwickelt, hat sich auch der Übertragungsweg in der Luft damit verändert?
Bei den Schutzmaßnahmen hat sich nichts geändert. Der Mindestabstand und die Maske sind genauso wirksam wie zu Beginn der Pandemie. Allerdings hat sich die Menge an Viren, die es braucht, um sich zu infizieren, verändert. Früher hieß es, man könne maximal 15 Minuten Kontakt mit einer infizierten Person haben, ohne sich anzustecken.

Heute bei der Delta-Variante werden diese Angaben nicht mehr gemacht, weil sich Menschen mit engem Kontakt schon innerhalb kürzerer Zeit infizieren können.

Aerosolforscher Christof Asbach
Was würden Sie empfehlen, damit die Infektionszahlen wieder sinken?
Durch die ersten drei Wellen haben wir gelernt, dass Innenräume das Kritische sind und dass wir Kontakte in Innenräumen vermeiden sollten. Deshalb würde ich empfehlen, Homeoffice überall dort, wo es möglich ist, anzuwenden. Aus diesem Grund empfehle ich auch allen, die im Nahverkehr unterwegs sind, wirklich eine gute Maske zu tragen, die tatsächlich an den Seiten gut ansitzt.

Wenn Großveranstaltungen stattfinden, dann sollte die Politik dabei besonders die Innenräume im Blick behalten, also insbesondere den Weg hin und zurück.
Und was müsste in Schulen und Kitas passieren, wo sich Kontakte im Innenraum schwer vermeiden lassen?
Bei Schulen und Kitas plädiere ich dafür, sich nicht auf Einzelmaßnahmen zu verlassen. Regelmäßiges Lüften könnte zwar helfen, aber das Fenster wird im Winter bei Minusgraden sicher nicht so oft geöffnet wie im Sommer. Und wir wissen auch, dass Raumluftreiniger tatsächlich etwas bringen würden. Außerdem könnte die Maskenpflicht dabei helfen, Schülerinnen und Schüler zu schützen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat vorgeschlagen, die Weihnachtsferien vorzuziehen, ist das für Sie eine sinnvolle Maßnahme?
Um die Kontakte in Innenräumen zu beschränken, ist das sicher eine plausible Forderung. Allerdings bin ich mir bewusst, dass bei dieser Entscheidung auch andere Gründe mit reinspielen.

Für die Eltern wäre das logistisch eine sehr starke Herausforderung.

Aerosolforscher Christof Asbach

Dummys, die atmen: Eisarena in Bremerhaven misst Aerosol-Ausbreitung

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Der Vormittag, 29. November 2021, 11:15 Uhr