Bremer Virologe: Neue Virusvariante könnte höhere Impfquote erfordern

Wegweiser zum Coronatestzentrum auf dem Boden am Frankfurter Flughafen Fraport. Neue Mutationen des Coronavirus setzen den Reiseverkehr erneut unter Druck.
Wegweiser zum Coronatestzentrum auf dem Boden am Frankfurter Flughafen Fraport. Neue Mutationen des Coronavirus setzen den Reiseverkehr erneut unter Druck.

Bremer Virologe: Neue Virusvariante könnte höhere Impfquote erfordern

Bild: DPA | Daniel Kubirski

Die südafrikanische Coronavirus-Variante B.1.1.529 ist mittlerweile in Europa angekommen. Experten erklären, was jetzt auf Bremerinnen und Bremer zukommen könnte.

Die neue Coronavirus-Variante B.1.1.529 droht sich vom südlichen Afrika aus weltweit zu verbreiten. Experten zufolge zeichnet sie sich durch ungewöhnlich viele Mutationen aus und ist möglicherweise ansteckender als bisherige Varianten des Virus. Daher haben zunächst Israel und Großbritannien, inzwischen aber auch Deutschland den Flugverkehr mit dem afrikanischen Land eingeschränkt.

Im Land Bremen sind bislang hingegen noch keine Maßnahmen geplant. Einreisebeschränkungen seien auf Landeseben auch gar nicht möglich, sagt Lukas Fuhrmann vom Bremer Gesundheitsressort. Denn hier sei der Bund zuständig. "Dass aber so schnell reagiert wird, begrüßen wir", sagt Fuhrmann.

Datenlage ist noch unsicher

Wie schnell sich die neue Variante verbreitet, zeigt der Blick nach Belgien. Dort wurde inzwischen der erste Fall vermeldet. Experten warnen dennoch vor zu frühen Schlussfolgerungen. "Noch ist sehr viel unbekannt", sagt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb. Zwar gebe es Hinweise auf eine Vielzahl von Mutationen und eine hohe Übertragbarkeit.

Das sind noch sehr frühe Daten.

Der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb im Interview.
Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

Dass die Datenlage derzeit noch zu dünn sei, um sichere Rückschlüsse ziehen zu können, sagt auch der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. "Wir haben ja schon mehrere Varianten gehabt, die sich in einigen Regionen schnell ausgebreitet, sich aber bei uns nicht durchgesetzt haben", sagt er.

So zeichne sich die in Deutschland dominierende Delta-Variante beispielsweise durch eine sehr spezifische Mutation aus, die in einer höheren Viruslast resultiere. Ob dies auch für die neue Variante B.1.1.529 gelte, sei bislang offen.

Hohe Infektionsrate erhöht Impfbedarf

"Gerade weil wir das bislang noch nicht wissen, ist es aber ratsam, Vorsorge zu treffen", sagt Dotzauer, der die verhängten Einreisebeschränkungen daher befürwortet. Das könne die Ausbreitung zumindest verlangsamen. "Das Problem ist, wenn sich eine Variante erstmal durchsetzt, dann wird sie auch kommen", sagt der Virologe. Die Delta-Variante sei dafür eine Blaupause. Sie war im Oktober 2020 in Indien entdeckt worden. In Deutschland lag ihr Anteil an allen Virusvarianten in der ersten Mai-Woche 2021 noch bei 1,7 Prozent. In der Stadt Bremen trat sie erstmals Mitte Mai auf. Mitte Juli lag ihr Anteil deutschlandweit bei 91,4 Prozent.

Auch die inzwischen bei mehr als 80 Prozent liegende Impfquote im Land Bremen ist Dotzauer zufolge kein Grund zur Beruhigung. So reiche bei der bisherigen Virusvariante eine Impfquote von rund 80 rechnerisch nur deshalb aus, weil eine infizierte Person im Schnitt ohne Maßnahmen wie Impfungen oder Masken rund fünf bis sechs andere Menschen anstecke, sagt der Virologe. Sollte sich diese Reproduktionszahl mit der neuen Variante nur leicht auf sechs bis sieben erhöhen, müsse auch die Impfquote gesteigert werden, um die Ausbreitung zu stoppen. "Sie müsste dann statt bei 80 eventuell bei 83 bis 86 Prozent liegen", sagt Dotzauer.

Stärkere Orientierung an Inzidenzwerten nötig

"Wenn eine gänzlich andere Virusvariante unterwegs ist, kann das schon zu einer ganz neuen Problematik führen", sagt Epidemiologe Zeeb. Um über mögliche Impfdurchbrüche durch die neue Mutation zu spekulieren, reiche die Datenlage bislang allerdings noch nicht aus. "Insofern ist es umso wichtiger, jetzt hohe Impfquoten zu erzielen und zumindest aktuell bestmöglichst geschützt zu sein – und reaktionsfähig, wenn mehr bekannt ist."

Eine Ansicht, die auch Andreas Dotzauer teilt. Darüber hinaus wirbt der Virologe dafür, sich wieder stärker an den Inzidenzwerten zu orientieren.

Wenn wir nur die Hospitalisierungsrate zugrunde legen, dann liegt das Kind längst im Brunnen.

Virologe Andreas Dotzauer steht auf einem Flur.
Andreas Dotzauer, Virologe an der Uni Bremen

Auch ein Weihnachts-Lockdown könnte sich seiner Ansicht nach wiederholen. "Das gilt unabhängig von der Verbreitung neuen Variante", sagt der Virologe. "Denn wir haben ja schon über die Delta-Variante keine Kontrolle mehr."

Wo steht Bremen gerade in der Pandemie?

Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Nachrichten 26. November 2021, 14 Uhr