Interview

Wieso die SWB Bremens kurzfristige Klimaziele unrealistisch findet

Der Stromanbieter ist skeptisch: Bremen will seinen CO2-Ausstoß drastisch senken und bis 2038 klimaneutral sein. "Nicht zu schaffen", sagt der SWB-Pressesprecher.

So kompliziert sich der Abschlussbericht der Enquete-Kommission zur "Klimaschutzstrategie für das Land Bremen" auch liest: Das "langfristige Leitbild", das die Kommission unter der Überschrift "Zielzustand der Klimaneutralität" vorstellt, ist ganz einfach. So steht dort zu den Häusern Bremens und Bremerhavens: "Die Wärme- und Stromversorgung der Gebäude wird ausschließlich über erneuerbare Energien und Müllverbrennung sichergestellt."

Auf dem Weg zu diesem Ziel müssen das Land Bremen und die swb als größter Energieversorger vor Ort allerdings eine Reihe von Hürden nehmen. Wir sprachen mit SWB-Sprecher Friedhelm Behrens über Bremens Klimaschutzstrategie und die Konsequenzen allein für die Versorgung der Gebäude.

Swb-Sprecher Friedhelm Behrens
Swb-Sprecher Friedhelm Behrens hält Bremens Klimaziele nicht kurzfristig für umsetzbar. Bild: Radio Bremen
Herr Behrens, das Land Bremen wünscht sich auf lange Sicht eine Wärme- und Stromversorgung der Gebäude ausschließlich aus erneuerbaren Energien und der Müllverbrennung. Lässt sich das nicht auch kurzfristig hinkriegen?
Nein, das ist schon auf lange Sicht ein sehr ambitioniertes Ziel. Man muss sich vorstellen: Wir haben heute ein Fernwärmenetz von rund 420 Kilometern Länge, das etwa zehn Prozent der Bremer Haushalte mit Fernwärme versorgt. Um weitere Haushalte mit Fernwärme zu versorgen, müssten neue Leitungen gebaut werden.

Die Enquetekommission hat vorgeschlagen, das Fernwärmenetz bis zum Jahr 2030 um 120 Kilometer zu erweitern und bis zum Jahr 2038 sogar um 220 Kilometer. Es ist aber in einem dicht besiedelten Gebiet wie der Stadt Bremen nicht so einfach, mal eben eine Leitung zu verlegen. 

Zur Erinnerung: Wir bauen gerade eine sieben Kilometer lange Transportleitung, um das Fernwärmenetz im Bremer Osten mit dem der Bremer Uni zu verbinden. Die Abwärme aus der Müllverbrennungsanlage soll auch im Osten Bremens genutzt werden. Dort soll 2023 das mit Kohle betriebene Heizkraftwerk Hastedt abgeschaltet werden. Aber: Wir haben für den Bau der Leitung rund vier Jahre Vorlauf gebraucht, um nun endlich, voraussichtlich Anfang Februar, den ersten Spatenstich vornehmen zu können.
Weshalb haben Sie dafür einen derartig großen Vorlauf gebraucht?
Unter anderem, weil es für den Bau der Leitung ein breites Bevölkerungsbeteiligungsverfahren gegeben hat. Das ist ja auch gut so, hat aber viel Zeit in Anspruch genommen. 

Man sieht daran, wie ambitioniert es ist, innerhalb der kommenden acht Jahre weitere 120 Kilometer und dann noch einmal 100 Kilometer in weiteren acht Jahren bauen zu wollen, wie es sich die Enquetekommission vorstellt.

Am Ende werden die Kunden darüber entscheiden, ob eine Fernwärmeleitung an ihrem Haus vorbeiführen wird. Denn eine Fernwärmeleitung ergibt nur dort einen Sinn, wo es auch die Abnehmer dafür gibt. Schließlich muss sich das Ganze über den Wärmeabsatz refinanzieren.
Müllheizkraftwerk Bremen
Die Abwärme des Bremer Müllheizkraftwerks soll demnächst auch dem Bremer Osten zugute kommen. Bild: SWB AG
Wie teuer ist der Bau einer solchen Fernwärmeleitung?
Wir können das grob hochrechnen. Jetzt bauen wir eine sieben Kilometer lange Transportleitung. Daran sind noch keine Verteilnetze angeschlossen. Es geht erst einmal nur um den Transport von Wärme von einem ins andere Netz. Trotzdem reden wir für die sieben Kilometer von einem Investitionsvolumen in Höhe von 60 Millionen Euro. Demnach würde eine 120 Kilometer lange Transportleitung über eine Milliarde Euro kosten. 

Das wäre auch ein Kraftakt für swb. Wir müssen unsere Unternehmen selbst finanzieren und können keine großen Projekte stemmen, die nicht auf Dauer wirtschaftlich sind. Wir haben jetzt schon rund 200 Millionen Euro in den Kohleausstieg und in die Energiewende investiert. 
Blick von der Weser auf das Kraftwerk Bremen-Hastedt
Das Kohlekraftwerk in Hastedt wird voraussichtlich 2023 vom Netz genommen. Bild: Radio Bremen | Christian Bordeaux
Wer wird das alles bezahlen?
Am Ende kommt das Geld immer von den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Ob sich eine Investition wie der Bau einer Leitung für den Energieversorger rechnet, hängt von der Anzahl der profitierenden Verbraucher beziehungsweise von der Höhe des Verbrauchs ab. Im Falle der Fernwärmeleitung vom Müllheizkraftwerk zur Vahr werden rund 25.000 Haushalte etwas davon haben. Dadurch ist die Investition von 60 Millionen Euro refinanzierbar.
Und was passiert, wenn Sie sich verkalkulieren? Wird es dann richtig teuer für die Verbraucherinnen und Verbraucher?
Fehlplanungen führen dazu, dass ein Unternehmen unwirtschaftlich wird und im schlimmsten Fall die Bücher zuklappen muss. Man kann nicht einfach beliebig hohe Energiepreise am Markt durchsetzen. Die Preise müssen immer vergleichbar bleiben. Gerade bei der Fernwärme guckt das Kartellamt, ob die Preise angemessen sind. Der Preis, den wir in Bremen derzeit haben, ist kartellrechtlich geprüft. Wir passen die Preise nur in dem Maße anpassen, wie sich die Preisindizes des Statistischen Bundesamtes entwickeln.
Die Enquete-Kommission stellt sich für die Gebäude Bremens einen "Mix aus hauseigenen Wärmepumpen, Fernwärmeanschlüssen und Nahwärmeversorgung" vor. Inwiefern könnten hauseigene Wärmepumpen eine Alternative zur Fernwärme darstellen?
Für Wärmepumpen eignen sich nur Häuser, die eine gute Wärmedämmung haben und deren Heizung eine niedrige Vorlauftemperatur erfordert, so dass die Wärmepumpe nicht zu viel Wärmeenergie zur Verfügung stellen muss. In der Regel handelt es sich dabei um neuere, energieeffiziente Häuser. Letztlich muss aber der Eigentümer entscheiden, ob er eine Wärmepumpe haben will. Fernwärme wird sicherlich den größten Anteil in dem Energiemix ausmachen, den sich die Enquete-Kommission für Bremen und Bremerhaven vorstellt.
Bitte skizzieren Sie, aus welchen Energiequellen sich das Bremer und das Bremerhavener Fernwärmenetz zur Zeit speisen und aus welchen Quellen sich unsere Fernwärmenetze künftig speisen sollen.
In Bremerhaven ist das ein Müllheizkraftwerk und in Bremen betreibt swb zwei Müllheizkraftwerke sowie das Steinkohlekraftwerk in Hastedt, die Fernwärme zur Verfügung stellen. Künftig werden wir noch mehr Wärme aus dem Müllheizkraftwerken in Findorff auskoppeln – wenn die angesprochene Verbindungsleitung steht. Wir werden den Steinkohleblock voraussichtlich im Jahr 2023 außer Betrieb nehmen und durch ein Erdgas-Blockheizkraftwerk ersetzen. Dadurch werden wir rund 550.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. 
Weshalb kommt der umweltfreundlichen energetischen Versorgung der Gebäude überhaupt so eine große Bedeutung zu? Wird in der Industrie nicht viel mehr Kohlendioxid erzeugt?
Beide Sektoren haben große Einsparpotentiale. Um die angestrebte Klimaneutralität zu erzielen, muss der CO2-Ausstoß in allen Sektoren gesenkt werden: in der Energieerzeugung genauso wie im Verkehr, in der Industrie und eben bei den Gebäuden. Im Gebäudesektor lassen sich mit vergleichsweise günstigen Investitionen hohe CO2-Einsparungen erzielen. Die Enquetekommission hat als Ziel ausgegeben, dass Bremerinnen und Bremer bis zum Jahr 2030 gegenüber 1990 den CO2-Verbrauch bei den Gebäuden um 69 Prozent senken. 
Bis 2038, so der Plan der Enquete-Kommission, soll Bremen klimaneutral sein. Welches Zeitmaß halten Sie mit Hinblick auf die Gebäude für realistisch?
Dazu Prognosen abzugeben, steht uns als Energieversorger gar nicht zu. So viel kann ich aber sagen: Es hat vier Jahre gedauert, bis wir mit dem Bau einer sieben Kilometer langen Transportleitung für Fernwärme beginnen konnten. Vor diesem Hintergrund kann ich mir kaum vorstellen, wie wir in Bremen 120 Kilometer neue Leitungen in acht Jahren realisieren sollen. Das ist planerisch kaum hinzukriegen, und man wird auch die nötigen Baufirmen nicht ohne weiteres kriegen. Die Baupreise werden explodieren, weil ja auch andernorts, beispielsweise in Hamburg, eine große Nachfrage nach Fernwärmeleitungen aufgekommen ist. 

Was die Enquete-Kommission aufgeschrieben hat, beschreibt aus unserer Sicht eine gute Guideline, ein Ideal. Aber diese Idealvorstellung muss sich jetzt an den gegebenen Realitäten messen. 

Das wird Bremen der Klimaschutz kosten

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Januar, 19.30 Uhr