Werder entdeckt ungeahnte Qualitäten

Mit nur zwei eigenen Toren holten die Bremer zuletzt sieben Punkte aus drei Partien. Die Gründe für Werders neue Effizienz sind vielfältig.

Leonardo Bittencourt setzt sich gegen zwei Gegenspieler durch.
Glänzte gegen Schalke mit einem sehenswerten Schlenzer zur 1:0-Führung: Leonardo Bittencourt (Mitte). Bild: Gumzmedia/Pool/Nordphoto | Andreas Gumz

Etwas mehr als eine halbe Stunde war zwischen Werder und Schalke gespielt. Die Bremer dominierten das Geschehen, hatten zwischenzeitlich sogar mehr als 80 Prozent Ballbesitz. Gute Torchancen hatten sie sich aber keine erspielt. Doch als sich Schalkes ballführender Verteidiger Jean-Clair Todibo der Mittellinie näherte, witterten sowohl Milot Rashica als auch Davy Klaassen ihre Chance und griffen an. Am Rande des Foulspiels eroberte Klaasen den Ball. Auf einmal waren die Grün-Weißen in Überzahl. Rashica ging ins Tempo und bediente Leonardo Bittencourt, der mit einem sehenswerten Schlenzer das 1:0 erzielte. Wieder hatte den Bremern ihre neue Stärke einen Treffer beschert: aggressives Pressing, gefolgt von so schnellem wie effektivem Umschaltspiel.

Dass Schalke so tief stand, hat es uns nicht leicht gemacht. Es war in der Phase sehr schwer durchzukommen, man hatte immer einen Gegenspieler im Nacken. Dann haben wir eine Situation genutzt, in der sie vorstoßen wollten. Wir haben es gut gemacht, sind mit drei Mann draufgegangen und haben gekontert.

Werder-Angreifer Leonardo Bittencourt

Zwei Torerfolge reichen für sieben Punkte

Auch beim 1:0 gegen Freiburg hatte Werders neues Erfolgsrezept den Sieg ermöglicht: Marco Friedl erkämpfte in eigener Hälfte den Ball, Klaasen schlug ihn direkt hoch und plaziert nach vorne, wo Bittencourt ihn aufnahm und einnetzte. Beim 0:0-Remis gegen Gladbach hatte wiederum Joshua Sargent den Sieg auf dem Fuß, nachdem Gladbach-Goalie Yann Sommer gegen pressende Bremer vertändelt hatte. Sein Schuss wurde jedoch abgeblockt. Und auch beim 1:4 gegen Leverkusen war Werder mit der Kombination aus Pressing und Umschaltspiel fast zum Torerfolg gekommen, als Davie Selke in der Schlussphase am gegnerischen Sechzehner den Ball eroberte. Den darauf folgenden finalen Pass spielte er jedoch nicht quer zum freistehenden Rashica, sondern zum überraschten Maximilian Eggestein, der die Chance vergab.

Davy Klaassen spielt den Ball in der Luft weiter
Gegen Schalke leitete Davy Klaassen mit starkem Zweikampfverhalten das entscheidende Tor ein. Bild: Gumzmedia/Pool/Nordphoto | Andreas Gumz

Mit inzwischen sieben Punkten aus den vergangenen drei Spielen haben die Grün-Weißen einen Lauf. Weil die Defensive inzwischen gut verteidigt und seit 282 Minuten kein Gegentor mehr kassierte, benötigte Werder für die starke Punkteausbeute nur zwei eigene Tore. Die Bremer haben also etwas entdeckt, was sie in dieser Saison selten gezeigt haben: Effizienz. Möglich machte diese unter anderem ihre hohe Laufarbeitet. Gegen Freiburg etwa legte das Team 123,6 Kilometern zurück, was an jenem 27. Spieltag den Liga-Höchstwert bedeutete. Der Schlüssel hierfür ist der gute Fitnesszustand, den sich die Mannschaft in der Corona-Pause erarbeitete. Zu verdanken hat sie diesen Athletiktrainer Günther Stoxreiter, der in der Zeit, in der kein richtiges Training möglich war, den Kader mit anspruchsvollen Laufplänen versorgte – wofür ihn der ein oder andere Spieler, wie etwa Kevin Vogt, verfluchte: "Wer sagt, dass er neben den Läufen noch etwas gemacht hat, den bestelle ich zum Rapport", so Vogt.

Kurzfristige Neuverpflichtungen machen sich bezahlt

Zum anderen scheinen die Bremer im Vergleich zu den Partien vor dem Neustart der Bundesliga auch mental in besserer Verfassung zu sein – vom Leverkusen-Spiel mal abgesehen. Auch hieran hat die Corona-Pause ihren Anteil. Immer wieder haben Kohfelt und einige seiner Schützlinge betont, dass sie die spielfreie Zeit als Chance begreifen, um der Negativspirale zu entkommen, in der sich das Team befand. Trotz gewisser anfänglicher Skepsis von außen scheint die Mannschaft die Chance ergriffen zu haben. In jedem Fall tritt sie auf dem Platz inzwischen nicht nur mutiger, sondern auch gedankenschneller auf.

Gut möglich, dass auch Werders jüngste Verpflichtungen daran ihren Anteil haben: Seit Anfang des Monats umsorgen Sportpsychologe Mathias Kleine-Möllhoff und Mentaltrainer Jörg Löhr den Gemütszustand der Profis. Offenbar haben die beiden die richtigen Worte und Wege gefunden, die Spieler vom Kopf her passend einzustellen. Und den Rest besorgt eine alte Fußball-Weisheit: Wenn's läuft, dann läuft's. Denn wenn man einmal ein Tor erzielt, einmal zu Null gespielt und einmal gewonnen hat, liegt das zweite Mal nicht mehr so fern. Und aktuell läuft's bei Werder.

3 Gründe für Werders kleinen Aufschwung

Video vom 29. Mai 2020
Werder Bremen Trainer Florian Kohfeldt bei der Pressekonferenz.

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Autor

  • Helge Hommers

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 30. Mai 2020, 19 Uhr