Kommentar

Werders Einkaufsausbeute: Große Hechte, kleine Lüge

Frank Baumann hat zum Ende der Transferperiode allen gezeigt, was für ein cleverer Manager-Fuchs er ist. Trotz Nuri Sahin – in Werders Kader bleibt eine Lücke.

Frank Baumann hinter dem Podium sitzend aus der Froschperspektive, in der seine Augen über der Bande hervor ragen.
Werders Sportchef Frank Baumann kaufte für knapp 25 Millionen Euro neue Spieler – fand aber keinen adäquaten Ersatz für Thomas Delaney. Bild: gumzmedia | Andreas Gumz

Es ist vorbei, das Transferfenster in der Bundesliga hat sich wieder geschlossen. Und es ging ordentlich rund, so kurz vor Ladenschluss. Dabei wollte Werder bei der Schnäppchenjagd ja eigentlich gar nicht mehr mitmischen. Eigentlich. Denn schließlich hatte Sportchef Frank Baumann am Donnerstag noch klargestellt: "Auf der Einkaufsseite wird nichts mehr passieren." Tags darauf wurde Nuri Sahin als Neuzugang präsentiert. Ta-Daa! So ist das eben.

Schließt sich ein Fenster, geht dafür plötzlich eine Tür auf – wie Baumann so hübsch umschrieb – und ein Sahin spaziert hindurch. Gestern nein, heute ja – was soll's. Lügen gehören zum Geschäft, erst recht in der Bundesliga. Und sogar bei einem Verein wie Werder Bremen, der sich gerne familiär, nahbar und redlich gibt. Aber seien wir ehrlich, Gutgläubigkeit ist wohl nur etwas für Fußball-Romantiker.

Geduld zahlt sich aus

Baumann hat also allen gezeigt, dass hinter dem netten Klassensprecher-Image ein abgebrühter, cleverer Manager-Fuchs steckt. Denn seine Einkaufsausbeute dieses Sommers kann sich sehen lassen. Nuri Sahin ist immer noch ein großer Name in der Bundesliga, und wenn so ein Spieler fast geschenkt auf dem Markt ist, dann wäre man ja verrückt, ihn nicht zu kaufen. Hinter Davy Klaassen war vor einem Jahr noch halb Europa her, aber nach einer eher durchwachsenen Saison wurde auf einmal ein Klub wie Werder zur Option.

Geduld muss man haben. Besonders, wenn das Geld knapp ist. Und Claudio Pizarro nach Hause zu holen, war vielleicht der bisher genialste Coup Baumanns. Den ultimativen Fanliebling, das geniale Schlitzohr, den Ausnahmeprofi, der auch mit fast 40 so manchen Youngster noch in die Ecke stellt und als Gesicht des Vereins eigentlich unbezahlbar ist.

Geschickt gewirtschaftet

Genau wie Yuya Osako sind sie allesamt Könner am Ball, Baumann hat unter den neun Neuen viel individuelle Qualität eingekauft. Es steht fast zu befürchten, dass einer wie der Nürnberger Kevin Möhwald dabei wohl das Nachsehen haben wird. Aber Werder will nach Europa, und mit seiner sehenswerten Einkaufsausbeute hat Baumann das nochmals untermauert – und zudem geschickt gewirtschaftet. Aus den eingenommenen knapp 24 Millionen Euro, von denen der 20-Millionen-Verkauf von Thomas Delaney den Löwenanteil ausmacht, hat Baumann insgesamt knapp 25 Millionen Euro ausgegeben. Sprich, nicht einmal eine Million Euro. Das wird nur noch von den Bayern unterboten.

Doch bei aller Euphorie könnten sich für die Bremer zwei Probleme ergeben: Denn obwohl nach dem Abgang von Delaney und Zlatko Junuzovic befürchtet wurde, Werder gingen die Führungsspieler abhanden, schwimmen nun vielleicht ein paar Hechte zu viel im Teich. Allen voran der neue Kapitän Max Kruse, dazu Pizarro, Niklas Moisander, Philipp Bargfrede, Martin Harnik, Klaasen und jetzt auch noch Sahin – kann das gut gehen? Alle können nicht spielen, das steht fest. Und Sahin ist sicher nicht als Bankdrücker gekommen, denn dann hätte er ja auch in Dortmund bleiben können. Angekratzte Egos sind also programmiert, dabei wollte Baumann die Anzahl der unzufriedenen Spieler doch so gering wie möglich halten.

Wermutstropfen: Kein adäquater Ersatz für Delaney

Und die Euphorie über den qualitativ sehr ansehnlichen Kader kann das zweite Problem nicht kaschieren: Baumann hat keinen adäquaten Ersatz für Delaney gefunden. Keinen robusten, aggressiven, zweikampfstarken Spieler, der vor der Abwehr die Gegner abräumt. Sahin ist das sicherlich nicht, der fühlt sich eher im Spielaufbau wohl. In Werders System bleibt also eine Lücke. Ob es Trainer Florian Kohfeldt gelingt, sie spieltaktisch zu schließen, wird wohl auch darüber entscheiden, ob sich Werders Traum von Europa erfüllt.

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 31. August 2018, 18:06 Uhr