Werder landet unsanft auf dem Boden der Tatsachen

Die erste Halbzeit in Mainz haben die Bremer komplett verschlafen und die 1:2-Niederlage verdient. Trainer Kohfeldt bemängelte die fehlende Mentalität seiner Spieler.

Kohfeldt schreit und gestikuliert mit weit ausgebreiteten Armen an der Seitenlinie.
So war das nicht geplant: Werder-Trainer Florian Kohfeldt sah gegen Mainz vieles, das ihm nicht gefiel. Bild: Imago | Thomas Frey

Es gibt Spieltage, an denen kann das Frage-Antwort-Spiel nach dem Schlusspfiff zur Tortur werden. Der Sonntagabend vor einer Woche war so ein Spieltag. Niemand möchte ein Spiel, das sich wie eine schallende Ohrfeige angefühlt hatte, auch noch ausführlich erklären müssen. Das 2:6 gegen Leverkusen sprach ja für sich schon Bände. Florian Kohfeldt stellte sich natürlich trotzdem – eloquent wie immer. Und schließlich ließ sich diese bittere Lehrstunde von Bayer doch irgendwie als einmaliger Ausrutscher verkaufen. In einem Spiel hatte man sich mal zu naiv angestellt, kann passieren. Das nächste Spiel wird wieder besser, sagte man sich – wurde es aber nicht.

Auch gegen Mainz 05, eigentlich der Lieblingsauswärtsgegner der Bremer, verlor man nach viereinhalb Jahren wieder. Und da stand Kohfeldt also wieder beim Frage-Antwort-Spiel, wieder an einem kalten Sonntagabend. Und wieder hatte sich der Werder-Coach zuvor an der Seitenlinie 90 Minuten lang aufgeregt und fast heiser geschrien. Dieses Mal war es ein 1:2 und kein 2:6, doch Claudio Pizarro hatte dafür nüchtern festgestellt: "Das war unsere schlechteste Halbzeit in dieser Saison."

"Haben die erste Halbzeit komplett verschlafen"

Was konnte Kohfeldt also groß sagen? "Wir haben die erste Halbzeit komplett verschlafen – es war nicht gut, in allen Belangen." Nur 20 Minuten lang hatte Werder so gespielt, wie es sich der Trainer wohl von Anfang an erhofft hatte. Doch Werder wachte viel zu spät auf. In den letzten 20 Minuten einer Partie dreht man eben nur noch selten ein verschlafenes Spiel. Da stand Kohfeldt also und sollte die schlechte Leistung seiner Mannschaft kommentieren und das war ein bisschen heikel: Ein schlechtes Spiel ist ein Ausrutscher, zwei aber können leicht der Beginn einer Negativserie sein. Werder auf dem absteigenden Ast? Diese Büchse der Pandora wollte Kohfeldt auf keinen Fall öffnen. Zwei Spiele waren schlecht gewesen, dafür wollte er sich aber nicht alles schlecht machen lassen, was er bisher mit Werder aufgebaut hat.

Wir werden sprechen, mit der Mannschaft und mit den einzelnen Spielern. Das ist das Allerwichtigste. Aber es geht nicht darum, irgendetwas infrage zu stellen. Wir hatten alle gehofft, dass es schneller geht, die Mentalität einer guten Mannschaft zu entwickeln. Aber wir müssen uns erst daran gewöhnen.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt

Diese Mentalität, diese Gier, immer gewinnen zu wollen, und das nicht nur in den Spitzenspielen, sondern auch gegen etwas farblosere Gegner wie Mainz 05 – die fehlte den Bremern am Sonntagabend. Sie spielten träge, geradezu "pomadig", wie Sportchef Frank Baumann später kritisierte. Ohne Esprit und Spritzigkeit und ohne Handlungsschnelligkeit.

Wie stabil sind die Bremer bereits?

Ratlose, leere Gesichter der Werder-Spieler nach der Niederlage in Mainz.
Ernüchtert und enttäuscht: Die Werder-Spieler waren nach dem Abpfiff ratlos. Bild: Imago | Jan Huebner

"Wenn wir oben bleiben wollen, müssen wir solche Spiele tausendprozentig angehen, mit maximaler Mentalität. Das war heute nicht der Fall", monierte Kohfeldt. Er hatte gehofft, diese Mentalität wäre seinen Spielern bereits dauerhaft in Fleisch und Blut übergegangen. Doch an diesem Abend dürfte ihm klar geworden sein, dass der Prozess noch im Gange ist. Wo Werders Weg hinführen wird, ob Richtung Europa oder doch bloß ins graue Mittelfeld, werden die letzten Wochen der Hinrunde wohl deutlich zeigen. Wie stabil sind die Bremer bereits? Wie verkraften sie diese ersten Rückschläge der Saison? Welche Antworten haben sie, wenn mit Gladbach, Bayern, Dortmund, Hoffenheim und Leipzig die schweren Kaliber bis Weihnachten warten? Die Mentalität wird der Schlüssel sein. "Das sind die Dinge, die am Ende darüber entscheiden, ob du oben bleibst oder nicht", sagte Kohfeldt. Bei seinen Spielern wie Maximilian Eggestein war nach dem Abpfiff nicht nur Ernüchterung, sondern auch Selbsterkenntnis eingekehrt.

Jetzt sind wir wieder in der Realität angekommen. Wir müssen nun wieder schnell dahin kommen, wo wir an den ersten acht Spieltagen standen.

Werder-Profi Maximilian Eggestein

Und so ist auch Kohfeldt optimistisch, dass am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach seine Mannschaft "auf jeden Fall ein anderes Gesicht zeigen" wird. Sie wird es müssen, denn sonst ist die Krise nach dem rasanten Saisonstart plötzlich da. Und die Aufgaben werden auch im neuen Jahr nicht leichter, das bekam Kohfeldt zum Abschluss des Frage-Antwort-Spiels dann auch noch mit auf den Weg. Denn dass Werder im Achtelfinale des DFB-Pokals in Dortmund antreten muss, wusste Kohfeldt nach Spielende noch nicht. "Na, das rundet unser Interview dann ja ab", sagte er und lachte ein bisschen bitter dabei auf. Das also auch noch. Es gibt eben Abende, die machen einfach so überhaupt keinen Spaß.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Bundesliga, 4. November 2018, 18 Uhr