Pizarro, der Mann für Werders Wohlfühlmomente

Schon vor dem Anpfiff versetzte Claudio Pizarro die Werder-Fans in Ekstase – während und nach dem Spiel änderte sich daran auch nichts. Pizarro bleibt ein Phänomen.

Claudio Pizarro bedankt sich klatschend bei den Werder-Fans.
Applaus für eine starke Saison: Oldie Pizarro kam auf 30 Pflichtspieleinsätze und erzielte dabei sieben Tore. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Da stand er also, verschwitzt und etwas atemlos, aber überglücklich. Sein Trikot mit der Nummer vier hatte sich Claudio Pizarro schon abgestreift und trug bloß sein grünes Muskelshirt. Die Ärmelansätze waren aber so abgewetzt, als hätte die reine Muskelkraft seiner Oberarme die Ärmel abgerissen. Pizarro wirkte ein bisschen wie der unglaubliche Hulk, der grüne Koloss aus den Marvel-Comics. Und Pizarro verkörperte an diesem Nachmittag tatsächlich einmal mehr so etwas wie Werders Wohlfühl-Monster.

Es hatte vor dem Anpfiff keine drei Minuten gedauert, nachdem Max Kruse nüchtern mit seinem Abschiedsblumenstrauß in die Menge gewunken hatte, da schwebte die grün-weiße Fan-Seele schon wieder im Ausnahmezustand. Pizarro war auf der Videowand erschienen und versetzte mit seiner kurzen Botschaft das Weser-Stadion in Ekstase. "Die Entscheidung steht, wir werden noch ein Jahr weitermachen, und ich bin sehr stolz, hierzubleiben und mit euch viel Spaß zu haben", verkündete er. Mehr brauchte es nicht, nur drei Worte: Ich mache weiter.

Zu jung für Rheumadecken

Claudio Pizarro im grünen Muskelshirt beim Interview nach dem Spiel.
Immer noch fit: Claudio Pizarro wird im Oktober 41 Jahre alt. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Und die 41.000 Werder-Fans hüllten ihren Liebling mit ihrem frenetischen Jubel ein wie in eine warme Decke – die ausdrücklich keine Rheumadecke ist. Pizarro ist und bleibt mit seinen 40 Jahren ein Phänomen und läuft und läuft und trifft. Trainer Florian Kohfeldt hatte Pizarro in der 74. Minute gegen Leipzig eingewechselt, und es lief wie immer in diesen Momenten im Weser-Stadion: Die grün-weiße Wand auf den Rängen erhob sich und die "Pizarro-oh-oh"-Gesänge echoten durchs weite Runde. Vorhang auf für die "Pizza-Party".

Werder kassierte zunächst den Ausgleich, und im Grunde war das schon nebensächlich, denn die Europa League war da bereits passé. Doch es war eben wieder einer dieser Nachmittage, an denen es nur ein Claudio Pizarro vermag, die grün-weiße Tristesse aufzuhellen. Ein Flachschuss aus 20 Metern, nicht unhaltbar, aber Yvon Mvogo hielt ihn nicht – 2:1 für Werder in der 88. Minute, das Stadion erbebte. Es ging in diesem Augenblick nicht mehr um viel für Werder, doch Pizarro schenkte den Fans und sich zum Abschluss dieser Saison einen dieser unnachahmlichen Wohlfühlmomente. Pizarro verteilte Kusshände, und die Fans reckten als Antwort ein Transparent hoch mit der Aufschrift "#pizarroliebe".

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"Das war keine Romantik"

Es lag einfach Liebe in der Luft und die steckte auch Kohfeldt auf der Trainerbank an. "Ich werde hoffentlich noch häufiger denken: 'Ball Pizarro – fertigmachen zum Jubeln!'", erzählte er später und strahlte glücklich. Doch Romantik war es ausdrücklich nicht, die Kohfeldt und Werder dazu bewegten, mit dem Methusalem der Bundesliga ein weiteres Jahr zu verlängern.

Claudio kann ein Spiel verändern und Impulse bringen, auf und neben dem Platz. Es war eine rationale sportliche Entscheidung, ihn noch für ein Jahr zu binden, und das ist das größte Kompliment, das man ihm machen kann. Das war keine Romantik.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt über Pizarros Vertragsverlängerung

Legende und schon wieder der Älteste

Claudio Pizarro bejubelt ausgelassen seinen Treffer gegen Leipzig.
Fertig machen zum Jubeln: Pizarro (links) bescherte Werder gegen Leipzig noch den Siegtreffer. Bild: Imago | DeFodi

Pizarros Mitspieler hatten vor dem Anpfiff gar nicht mitbekommen, dass der Oldie weitermachen wird. Sie wurden wie Vize-Kapitän Niklas Moisander von der Nachricht hinterher überrascht – durchweg positiv. "Er ist eine Legende", schwärmte Moisander: "Fast in jedem Spiel spielen wir besser, wenn er reinkommt. Er hat so viel Qualität. Er ist fast 41 Jahre alt, aber sehr gut. Er hilft uns so viel, auch in der Kabine." Und ganz nebenbei knackte Pizarro auch gegen Leipzig einen weiteren Rekord. Mit 40 Jahren und 227 Tagen ist der Peruaner nunmehr der älteste Werder-Profi der Bundesliga-Geschichte. Diese Bestmarke hielt bisher der langjährige Bremer Kapitän Mirko Votava (40 Jahre und 225 Tage).

Zudem steuerte Pizarro seinen 197. Treffer in der Liga bei – und bleibt damit Bayerns Robert Lewandowski (202) in der Liste der erfolgreichsten ausländischen Torjäger weiter auf den Fersen. "Deswegen habe ich verlängert", meinte Pizarro augenzwinkernd: "Ich möchte ihm noch ein bisschen Druck machen." Genug Energie dürfte Werders Wohlfühl-Monster dafür sicherlich haben. "Die Liebe der Fans geht direkt in mein Herz und gibt mir Kraft", schwärmte er. Keine Frage, #pizarroliebe eben.

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Pizarro exklusiv über WM-Frust, Bambi und seine Zukunft

Claudio Pizarro in einer VIP-Loge im Weser-Stadion im Interview mit buten un binnen.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: ARD, Sportschau, 18. Mai 2019, 18 Uhr