Werder am Tiefpunkt: "Schwierigste Phase, die ich hier erlebt habe"

Das 0:3 gegen Leipzig kam wenig überraschend. Die Verletztenmisere lastet auf Werder, mehr noch nach dem Füllkrug-Schock. Trainer Kohfeldt will aber dem Schicksal trotzen.

Florian Kohfeldt hält umringt von seiner Mannschaft auf dem Spielfeld eine Ansprache.
Ansprache nach Abpfiff: Werder-Trainer Florian Kohfeldt richtet seine Mannschaft nach der 0:3-Niederlage gegen Leipzig auf. Bild: Imago | Nordphoto

Florian Kohfeldt hatte sie gar nicht bemerkt, die kleine Schnittwunde an der Innenfläche seiner rechten Hand. Wie das während des Spiels passiert war, wusste der Werder-Coach auch nicht, doch er meinte augenzwinkernd: "Keine Sorge, ich werde es schaffen." Eigentlich war Kohfeldt gar nicht zu Scherzen aufgelegt, aber angesichts der beinahe schon grotesken Häufung von Verletzungen bei Werder Bremen bleibt dem 36-Jährigen bald nichts mehr übrig, als sich in Galgenhumor zu flüchten. Neun Spieler hatten Kohfeldt gegen RB Leipzig am Samstagabend gefehlt, hinzu kam noch der Gelb-Rot gesperrte Nuri Sahin. "Wir haben die schwierigste Phase, die ich hier je erlebt habe", resümierte Kohfeldt.

Doch keiner würde sich beklagen, keiner in der Kabine weinen, das betonten die Bremer. Sie hatten Mentalität gezeigt, alles gegeben gegen den Tabellenführer aus Leipzig. Und das goutierten die 41.000 Fans im Weser-Stadion auch. Nach der verdienten 0:3-Niederlage gab es sogar Applaus von den Rängen, keine Pfiffe. Und auch Gäste-Coach Julian Nagelsmann wollte den Sieg nicht zu hoch bewerten, schließlich sei "Werder auf einigen Positionen extrem ersatzgeschwächt" gewesen. Gestandene Bundesliga-Profis wie Theodor Gebre Selassie müssen auf ungewohnten Positionen spielen, hinzu kamen einige junge Spieler, die eigentlich eher in der Regionalliga Zuhause sind. Die Youngster Benjamin Goller und Luc Ihorst mussten auf einmal auf der Bundesligabühne ran, U23-Kapitän Christian Groß mimt weiter den Abwehrchef. "Es ist eben eine Notsituation", erklärte Kohfeldt.

"Das war der traurigste Moment"

Alles nicht ganz einfach, vor allem nicht für den Kopf. So holte der Werder-Coach sein gesamtes Team nach dem Abpfiff noch einmal zusammen. Lob für das Ergebnis gab es natürlich in der sehr leidenschaftlich geführten Ansprache nicht. Doch Lob für die Einzelnen. "Jeder hat alles rausgehauen, was er hatte", meinte Kohfeldt: "Daher habe ich immer wieder gesagt: 'Positiv bleiben!'" Das war ihnen gar nicht leicht gefallen nach dem Schock beim Abschlusstraining am Vortag. Stürmer Niclas Füllkrug hatte sich das Kreuzband im linken Knie gerissen. "Das war der traurigste Moment", sagte Kohfeldt sichtlich bewegt.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Twitter anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Er kennt "Lücke", wie er wegen seine markanten Zahnlücke genannt wird, schon seit dessen Jugendzeiten. Stets hatten sie Kontakt gehalten, auch in den schwierigen Verletzungsphasen, von denen Füllkrug schon einige hatte. Zuletzt in der Zeit, bevor Kohfeldt ihn im Sommer zu Werder geholt hatte. "Ich erinnere mich, wie ich im März in Hannover bei Lücke in der Küche saß und sagte: 'Junge, weiter machen, dranbleiben.'" Und Füllkrug hatte sich zurückgekämpft, sich seinen Platz in der Werder-Elf erarbeitet. Bis zu jenem verhängnisvollen Moment am Freitagnachmittag.

Und dann geht er eine Minute vor Trainingsschluss in einen Zweikampf, für den keiner etwas kann, reißt sich das Kreuzband und liegt da. Jeder weiß in diesem Moment: Es ist etwas Schlimmes passiert. Das sind wieder sechs Monate Reha, das ist wieder der ganze Scheiß von vorne. Das ist einfach nur traurig.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt über Niclas Füllkrugs Kreuzbandriss

Ab sofort mit der "Jetzt-erst-recht"-Mentalität

Am Freitagabend im Mannschaftshotel hatte sich dann die befürchtete Diagnose Kreuzbandriss bestätigt und Kohfeldt teilte sie seinen Spielern mit. "Das war ein schwerer Moment für uns alle. Und dann sitzt man da und fragt sich: Was denn noch?" Doch schnell schlug die Verzweiflung und das Genervtsein über die weiterhin nicht greifbare Ursache von Werders Verletzungsmisere bei Kohfeldt in Trotz um: jetzt erst recht. "Das mit Lücke war die Krönung, aber jetzt ist echt Schluss. Ich werde nur noch sagen: Jetzt passiert nichts mehr. Und wir machen weiter."

Positiv bleiben – Kohfeldts Mantra scheint beim ihm selbst zumindest schon zu wirken. Aber irgendwie schwingt auch der Subtext mit: Schlimmer kann es ja kaum noch werden. Die Bremer hoffen, dass wie Philipp Bargfrede und Milot Rashica auch andere Spieler wie Ömer Toprak bald schon langsam wieder eingegliedert werden können. "Jetzt haben wir sechs Punkte, noch eine Menge Spieltage vor uns und Spieler kommen wieder", meinte Kohfeldt: "Ich sehe keinen Grund, jetzt den Kopf in den Sand zu stecken."

Abschlusstraining vor Spiel gegen Leipzig: Füllkrug verletzt

Niclas Füllkrug liegt verletzt auf dem Boden beim Abschlusstraining von Werder Bremen

Mehr zum Thema:

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 22. September 2019, 19:30 Uhr