Werder-Krise: Wie unsere Experten die prekäre Situation einschätzen

Warum steht Werder so schlecht da? Wie sicher ist der Job von Trainer Florian Kohfeldt? Unsere Fernseh-, Hörfunk- und Online-Reporter klären auf.

Maximilian Eggestein und Davy Klaassen verlassen nachdenklich den Platz.
Das 0:1 gegen den Tabellenletzten Paderborn war der bisherige Tiefpunkt der Bremer gewesen. Bild: Imago | Sven Simon

Platz 14 in der Tabelle der Fußball-Bundesliga. Nur zwei Punkte vom Relegationsplatz entfernt. Was ist bei den Bremern, die so hoffnungsvoll in die Saison gestartet sind, passiert? Warum sind die Grün-Weißen so weit von ihrem Ziel Europa entfernt? Wie sicher sitzt Trainer Florian Kohfeldt überhaupt noch im Sattel? Unsere Reporter, die sich täglich mit Werder beschäftigen, geben Antworten.

Welche Probleme haben zur Krise von Werder geführt?

Alle, auch wir Journalisten, sind leicht geblendet in diese Saison gestolpert. Der impulsive, mitreißende Trainer wirkte wie Doping. Es roch schon vor dem ersten Anpfiff nach Europa…
Wie wichtig manche Spieler sind, merkt man erst, wenn sie weg sind. Max Kruse fehlt vorne und hinten, als Kapitän, als Arbeitstier und Torschütze. Dazu verpuffte die Freude über die Rückkehr von Niclas Füllkrug durch seine langwierige Verletzung und riss ein Vakuum vorne im Sturm. Der Kader ist für das oberste Regal einfach zu schwach.

Ludwig Evertz
Ludwig Evertz, Radio-Bremen-Sportchef

Die Abwehr ist Werders größte Baustelle, hier mussten verletzungsbedingt die häufigsten Umstellungen vorgenommen werden. Dabei kamen Spieler zum Einsatz, deren Qualität nicht den Ansprüchen genügt. Werders Probleme bei Standardsituationen sind auch Folge der Torhüter-Leistung: In der Strafraumbeherrschung zeigt Pavlenka nur unteres Bundesliganiveau. Zudem fehlt Werder nach wie vor ein kreativer Kopf mit feinem Füßchen in der Schaltzentrale. Sahin ist der Einzige, der diese Rolle gelegentlich übernimmt. Hinzu kommt, dass Werder bei den vielen Unentschieden oft auch das Spielglück fehlte. Mit einigen Punkten mehr im Rücken hätte sich ein anderes Selbstverständnis vom eigenen Spiel entwickelt.

Henry Vogt
Henry Vogt, Hörfunk-Sportchef

Da kommt eine Menge zusammen: Verletzungspech, fehlende Qualität in bestimmten Mannschaftsteilen und immanente Heimschwäche. Werder hat auch gegen schlagbare Gegner zu Hause so gut wie nichts geholt. Insofern ist man bei dieser Bilanz mit Platz 14 noch gut bedient und man kann froh sein, dass man nicht schon direkt auf einem Abstiegsplatz steht.

Stephan Schiffner
Stephan Schiffner, Sportschau-Kommentator

In erster Linie die Verletzungsprobleme. Auch wenn sich die aktuelle Lage etwas entspannt hat, fehlt zum Beispiel ein Niclas Füllkrug an und bei allen Ecken und Enden. Die Mannschaft konnte sich in der gesamten Vorrunde nie richtig einspielen, und die "fußballerische Identität" nicht finden. Der, der grundsätzlichen Qualität des Kaders geschuldete, Anspruch und die verletzungsbedingte Wirklichkeit klaffen einfach zu weit auseinander.

Heiko Neugebauer
Heiko Neugebauer, Radio-Kommentator

Das Kernproblem ist aktuell der Kopf. Nach dem Sieg in Wolfsburg hielt bei Werder niemand eine Niederlage gegen Paderborn für ernsthaft realistisch. Doch im Abstiegskampf muss um jeden Zähler gekämpft werden. Dass die Bremer in diesem angekommen sind, sollten sie sich schleunigst eingestehen. Es schärft die Sinne. Die sportliche Misere ist dabei vor allem eine Folge der Verletzungsprobleme zu Saisonbeginn. Automatismen auf dem Platz konnten sich so kaum einspielen. Punktet Werder, dann zumeist dank der individuellen Klasse. Vor allem der von Milot Rashica. Nach dem Ausfall von Niclas Füllkrug fehlt im Sturmzentrum allerdings die Durchschlagskraft.

Karsten Lübben
Karsten Lübben, Online-Redakteur

Wie sicher sitzt Trainer Florian Kohfeldt noch im Sattel?

Trainer Kohfeldt hat den sichersten Stuhl der gesamten Liga. Er wird von allen geliebt, hoch wertgeschätzt, hat eine Vision und einen langfristigen Vertrag. Er ist nach Skripnik und Nouri zwar wieder ein "Eigengewächs" aus dem U23-Lager, aber er hat viel mehr Format, Charisma und Feuer. Kohfeldt brennt für Werder, darf aber weder an seinem Ehrgeiz, noch an seinen vielen Kaugummis ersticken.

Ludwig Evertz
Ludwig Evertz, Radio-Bremen-Sportchef

Ich kenne keinen Trainer aus der Werder-Vergangenheit, der das Spiel mit den Medien so gekonnt beherrscht wie Florian Kohfeldt, dazu auf authentische Art. Das wird ihm aber nicht helfen, sollte die Mannschaft weiter in Bedrängnis geraten. Nur Punkte bringen ihn aus der Schusslinie. Sollte die Stimmung kippen und auf dem Rasen erste Lähmungserscheinungen erkennbar sein, ist auch Kohfeldt nicht mehr zu halten – trotz sympathischer Ausstrahlung.

Henry Vogt
Henry Vogt, Hörfunk-Sportchef

Ein Trainerwechsel in dieser Situation würde überhaupt nichts bringen. Dafür hat Kohfeldt einfach zu viele Argumente auf seiner Seite. Die Mannschaft hat auswärts gute Leistungen abgeliefert, Kohfeldt hatte wahnsinnig viele Ausfälle zu beklagen und da möchte ich einen Trainer sehen, der das in dieser Situation besser gemacht hätte und auch besser moderiert hätte. Werder kann nach wie vor glücklich sein, dass sie diesen Trainer haben. Gleichwohl ist er jetzt gefordert und man darf gespannt sein, ob und wie er es schafft, die Mannschaft in dieser prekären Situation einzustellen.

Stephan Schiffner
Stephan Schiffner, Fernseh-Sportreporter

Werder wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, über Florian Kohfeldt auch nur nachzudenken. Für die oben genannten Faktoren kann er nichts und seine grundsätzliche Auffassung vom Fußball halte ich für absolut richtig. Obwohl Werder nicht über die großen finanziellen Mittel verfügt, war es Kohfeldt, der die Mannschaft auf ein höheres Niveau gebracht hat. Werder sollte über jeden Tag mit ihm als Trainer froh sein.

Heiko Neugebauer
Heiko Neugebauer, Radio-Kommentator

Die Konkurrenz aus Mainz, Köln und Berlin hat bereits den Trainer gewechselt. Die Bremer sind jedoch gut beraten, nicht die Nerven zu verlieren. Florian Kohfeldt hat sich in den vergangenen zwei Jahren enormen Kredit erspielt. Seine offensive Spielweise passt zum Werder-Weg. Und menschlich passt es mit ihm an der Weser ohnehin. Anzeichen, er könnte das Vertrauen der Mannschaft verloren haben, bestehen nicht. Kohfeldt besitzt das Rüstzeug, um diese schwierige Situation zu meistern. Die Geduld mit ihm wird sich langfristig auszahlen.

Karsten Lübben
Karsten Lübben, Online-Redakteur

Werder vor Bayern: Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Video vom 11. Dezember 2019
Kohfeldt steht auf dem Trainingsplatz bei Nieselwetter vor seinen Spielern, die zu einer Übung trotten.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Autor

  • Claus Wilkens

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 9. Dezember 2019, 18:06 Uhr