Werder und Europa: Doch kein Muss

Zunächst schien Werder Bremen das ambitionierte Saisonziel zu beflügeln. Doch nach zwei Pleiten in Folge droht der Traum von Europa zur Belastung zu werden.

Kohfeldt am Rande des Trainings kickt mit Händen in den Jackentaschen einen Ball hoch.
Quo vadis, Werder? Trainer Florian Kohfeldt wirkte beim Training der Reservisten am Montag zumindest recht nachdenklich. Bild: Imago | Nordphoto

Die Verblüffung war groß, als Werder Bremen zum Saisonstart offensiv verkündete, dass Europa das angestrebte Ziel sei. Nicht langfristig in ferner Zukunft, sondern bereits mittelfristig zum Ende dieser Spielzeit. Nach Jahren des Abstiegskampfes klang das überaus ambitioniert und zunächst ein bisschen zu sehr nach dem plakativen Werbeslogan des neuen Ausrüsters. "Wir trauen uns", lautet der, aber tatsächlich traute sich Werder unter Florian Kohfeldt dann etwas. In den ersten acht Spielen der Saison hamsterten die Bremer fleißig Punkte und standen zwischenzeitlich sogar auf Rang zwei der Tabelle. Werder zeigte es allen Zweiflern – doch nach zwei herben Niederlagen in Folge scheinen nun bei den Grün-Weißen erste Zweifel eingekehrt zu sein.

Der schöne Lauf hat nach dem 2:6-Debakel gegen Leverkusen und dem schlafmützigen Auftritt beim 1:2 gegen Mainz eine erste Delle bekommen. Trainer Kohfeldt bemüht sich nun, nicht das große Ganze infrage zu stellen. "Das waren jetzt zwei nicht so gute Spiele, absolut", gestand er am Sonntagabend ein, "aber jetzt etwas grundsätzlich infrage zu stellen oder zu sagen, dass etwas Grundsätzliches verloren gegangen ist, das ist falsch." Doch es stellt sich schon die Frage, wie gefestigt Werder nach den ersten Rückschlägen ist. Dass die Bremer Spieler Bayers Klatsche schon am Tag darauf in ihren Köpfen abgehakt hatten, erwies sich im Nachhinein wohl als wenig förderlich. Kohfeldt hatte erwartet, dass sie eher übermotiviert in Mainz auftreten würden, "aber das war nicht der Fall". Im Gegenteil, Werder spielte eher lustlos, anstatt mit dem tiefen Bedürfnis, es unbedingt besser als gegen Leverkusen machen zu wollen.

"Wir wollen nach Europa, aber wir müssen es nicht"

Harnik zieht sich beim Spiel in Mainz sein Trikot vor sein Gesicht.
Gesten sagen manchmal mehr als Worte: Martin Harnik über Werders Leistung in Mainz. Bild: Imago | Nordphoto

Kohfeldt selbst wirkte nach der Niederlage in Mainz natürlich enttäuscht, aber vor allem ratlos. Die blutleere Leistung über 70 Minuten hinweg hatte er sicherlich nicht erwartet und konnte sie ad hoc auch nicht erklären. Sein erster Reflex nach dem Spiel war allerdings: zurückrudern, Druck rausnehmen. "Wir haben schon nach dem Sieg auf Schalke gesagt, dass wir keine Top-Mannschaft sind", betonte Kohfeldt und schob hinterher: "Wir wollen nach Europa, aber wir müssen es nicht."

Der Trainer stellt sich mit seinen 36 Jahren mit der schützenden Hand eines besorgten Vaters vor seine Spieler, denn sein Instinkt als Fußball-Lehrer sagt ihm wohl, dass in dieser sensiblen Phase Entspannung zielführender ist, als den Erwartungsdruck immer weiter zu erhöhen. Der Ziel Europa funktionierte zum Saisonstart als Motivation, als Anreiz, und es setzte Kräfte frei, die man so nicht erwartet hatte. Nach den beiden desolaten Spielen jedoch, scheint das Wunschtraum von Europa eher zur Belastung zu werden. Also heißt Kohfeldts Credo jetzt: alles kann, nichts muss – entweder Europa klappt oder eben nicht. "Wir sind immer noch Sechster und haben eine Top-Ausgangsposition für das, was wir uns vorgenommen haben", betonte Kohfeldt: "Deswegen werden wir ganz sicher die Ruhe bewahren." Doch angesichts des heftigen Restprogramms der Hinrunde könnte es mit der Ruhe in Bremen schneller vorbei sein, als Werder lieb ist.

Werders restliches Hinrundenprogramm

SpieltagGegnerTabellenplatz (Stand: 6.11.)
11.Mönchengladbach2
12.SC Freiburg10
13.Bayern München3
14.Fortuna Düsseldorf17
15.Borussia Dortmund1
16.TSG Hoffenheim7
17.RB Leipzig4

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Bundesliga, 4. November 2018, 18 Uhr