Interview

5 Fragen an eine Sportpsychologin zur aktuellen Lage bei Werder

Pokal hui, Liga pfui – wie ist das möglich? Und können sich die Bremer Spieler hinter Trainer Kohfeldt verstecken? Sportpsychologin Frauke Wilhelm hat es uns erklärt.

Video vom 13. Februar 2020
Die Mannschaft von Werder Bremen beim Training
Bild: Radio Bremen
Frau Wilhelm, warum hat der Pokal-Coup gegen den BVB die Bremer nicht für die Bundesliga beflügelt?
Die Situation im Abstiegskampf ist sehr, sehr angespannt. Das Wort impliziert ja bereits, dass ich kämpfen muss und auch etwas verlieren kann. Für die Profis ist das eine schwierige Situation, die sie den ganzen Tag mit sich herumtragen. Ich unterstelle den Spielern, dass sie das Beste für Werder wollen und sich reinhauen. In der Liga gehe ich es als Spieler dann aber vielleicht wieder vorsichtiger und mit weniger Mut an, weil ich nicht derjenige sein möchte, der den Fehlpass vor dem Gegentor gespielt hat. Von vielen wird das dann als "blutleer" empfunden.
Frauke Wilhelm schaut in die Kamera und lächelt.
Sportpsychologin Frauke Wilhelm betreut beim DFB Nachwuchsfußballer. Zuvor hat sie jahrelang Spieler von Hannover 96 und dem FC St. Pauli gecoacht. Bild: Frauke Wilhelm
Wie kommen die Bremer aus dieser Misere heraus?
Grundsätzlich führen positive Gefühle zu einer besseren Leistung. Wenn ich aber in einer negativen Glocke bin, weil Angst und Zweifel immer größer werden, führt die Anspannung zu einer schlechteren muskulären und dann auch zu einer schlechteren fußballerischen Leistung. Der Gedanke muss sein, sich trotz allem wieder auf das Positive und die eigenen Stärken zu besinnen. Das Gefühl darf nicht mehr jeden Tag "Ich-kann-hier-etwas-verlieren", sondern muss "Ich-kann-hier-etwas-gewinnen" sein. Wenn Mannschaften im Abstiegskampf das gelingt und sie die Situation annehmen, wird auch die Leistung wieder besser. Mit Freude und Spaß ist Leistung sehr viel einfacher. Es ist aber nicht leicht, das in so einer schwierigen Situation hinzubekommen.
Werder-Coach Florian Kohfeldt forderte im Dezember, dass die Spieler das Bremer Tor mit ihrem Leben verteidigen müssten. Ist solch eine Ansage für die Spieler eine Belastung oder stachelt es sie an?
Das ist unterschiedlich. Es gibt Spieler, die es mögen, wenn der Trainer emotional und martialisch ist. Wenn das sehr glaubwürdig ist, kann eine Mannschaft ins Rollen kommen und sich dann eine Kriegermentalität und die nötige Leidenschaft entfachen. Andererseits kann es sich auch schnell verschleißen. Es gibt auch Spieler, die keine emotionale Ansprache vor dem Spiel brauchen, sondern sagen: Trainer, was ist der Plan? Und wenn sie an den Plan glauben, reicht ihnen das.
Werder Profis im Kreisspiel während des Kurz-Trainingslagers.
Seit Mittwoch absolvieren die Werder-Profis ein Kurz-Trainingslager in Leipzig. Ihre Einheiten bestreiten sie dabei auf dem Gelände von Regionalligist Chemie Leipzig. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
In dieser Woche ist Werder in ein Kurz-Trainingslager aufgebrochen. Eine hilfreiche Maßnahme oder ist die Abschottung von Familie und Freunden eher kontraproduktiv?
Ein Trainingslager kann es einfacher machen. Vor allem als Spieler im Abstiegskampf in einer fußballbegeisterten Stadt wie Bremen. Als Spieler hast du da vielleicht auch rund um die Uhr das Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen. Dann kann es eine gute Idee sein, zu sagen: Wir gehen jetzt mal raus und sind unter uns. Wir haben Phasen, in denen wir uns in die Augen schauen und vielleicht auch mal einer auf den Tisch haut. Wir haben aber auch Phasen, in denen wir uns gegenseitig wieder aufbauen und einfach mal Spaß miteinander haben. Wir Deutschen denken ja immer, dass man noch härter und verbissener sein muss, damit es wieder gelingt. Manchmal ist aber auch der Trick, ein Stück weit wieder loszulassen. Fußball ist Kreativität. Und zur Kreativität gehört auch, wieder Leichtigkeit zuzulassen.
Die Vereinsführung hält weiterhin an Cheftrainer Florian Kohfeldt fest. Ist ein Trainerwechsel in dieser Situation unabdingbar, damit neuer Schwung reinkommt?
Wenn die Führung vom Trainer überzeugt ist und die Beziehung zwischen Mannschaft und Trainer stimmt, ist es gerechtfertigt, am Trainer festzuhalten. Wenn die Beziehung zwischen Mannschaft und Trainer kaputt ist, könnte über einen Trainerwechsel nachgedacht werden. Im normalen Fußball-Business ist es so, dass bei einem drohenden Abstieg der Trainer in der Diskussion ist. Das macht es für die Spieler ein bisschen einfacher, weil ein Großteil des öffentlichen Drucks und des Interesses beim Trainer landet. Das nimmt mich als Spieler ein Stück weit aus der Schusslinie. Das geht bei Werder nicht. Da kann ich mich nicht verstecken. Das macht es für die Spieler nicht leichter, kann aber nicht der Grund für einen Trainerwechsel sein.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Karsten Lübben.

Werder reist ins Kurz-Trainingslager nach Leipzig

Video vom 12. Februar 2020
Die Werderprofis Ömer Toprak und Maximilian Eggestein auf dem Trainingsplatz mit Trainer Florian Kohfeldt.
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Pascale Ciesla

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 13. Februar 2020, 18:06 Uhr