Interview

Bayern-Experte Kraft erklärt: So könnte Werder die Münchner knacken

Blogger Justin Kraft hat den FC Bayern genau im Blick. Vor dem Spiel am Samstag spricht er über die Bremer Siegchancen und die gegensätzliche Entwicklung der einstigen Rivalen.

Leonardo Bittencourt im Kopfballduell mit Leon Goretzka.
Nach 22 Niederlagen in Folge wollen Leonardo Bittencourt (links) und Co. endlich wieder bei den favorisierten Bayern um Leon Goretzka etwas Zählbares holen. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz
Herr Kraft, am Samstag spielt Werder bei den Bayern. Geht es dabei für die Bremer nur um die Höhe der Niederlage?
Aus Bremer Sicht kann ich diese Blickweise nachvollziehen. Die Bilanz spricht nicht gerade für Werder. Der Saisonstart war jetzt aber relativ okay, zumindest von den Ergebnissen her. Das gibt vielleicht ein bisschen Selbstvertrauen. Ich rechne aber damit, dass Werder – wie in den letzten Spielen – eher ein bisschen tiefer stehen und versuchen wird, die Bayern kommen zu lassen. Ehrlich gesagt glaube ich aber, dass dies am Ende nach Schadensbegrenzung aussehen wird.
Hoffenheim spielte zuletzt forsch mit und schlug den FC Bayern mit 4:1. Würden die Bremer mit dem starken Fokus auf die Defensive dann nicht exakt den falschen Ansatz wählen?
So sehe ich das auch. Gegen die Bayern wirst du nicht viel gewinnen, wenn du dich nur hinten einigelst. Du musst mutig sein und die Bayern vor allem im Mittelfeld unter Druck setzen. Vor allem jetzt, wenn Joshua Kimmich ausfällt. Ohne ihn fehlt ein wenig die Dominanz im Mittelfeld. Da gibt es schon die ein oder Chance, auch mal den Ball zu gewinnen. Werder müsste dafür aber mutig in München auftreten. Die Bayern haben zuletzt auch den ein oder anderen Ball hinter die hochstehende Abwehrreihe bekommen. Warum sollte nicht auch Werder dazu in der Lage sein?
Aber haben die Bremer dafür die nötige Qualität im Kader? Die Hoffenheimer zum Beispiel besitzen stärkere Einzelspieler in ihren Reihen.
Auch wenn Werder den Hoffenheimer Ansatz kopiert, geht das in 20 Spielen vielleicht einmal gut. Du musst aber versuchen, diese Chance zu ergreifen. Wenn die Bremer sich etwas zutrauen und die Bayern nach den ganzen Belastungen zuletzt einen schlechten Tag erwischen, haben sie eine Chance. Dafür muss es nicht mal so offensiv und druckvoll wie bei den Hoffenheimern sein. Wenn die Bremer sich aber nur hinten reinstellen und darauf warten, dass die Bayern das Tor erzielen, haben sie am Ende auch nichts gewonnen. Aus Bremer Sicht ist es vor allem psychologisch besser, alles zu versuchen, mutig zu sein und vielleicht trotzdem 0:3 zu verlieren, als sich hinten reinzustellen und am Ende auf die Schulter zu klopfen, weil man nur 0:2 verloren hat. Beim ersten Ansatz hast du wenigstens den Hauch einer Chance.
Mesut Özil im Zweikampf mit Bastian Schweinsteiger.
Bei Werders 5:2-Sieg in München im September 2008 war Mesut Özil (hier im Zweikampf mit Bastian Schweinsteiger) mit drei Torbeteiligungen der überragende Mann auf dem Platz. Bild: Imago | HohZwei/Kolb
Einst fügte auch Werder den Bayern regelmäßig empfindliche Niederlagen zu. Vor etwas mehr als zehn Jahren kämpften beide Klubs noch regelmäßig um die Meisterschaft. Wie haben Sie den Bremer Absturz seitdem verfolgt?
Es ist fast ein bisschen traurig. Die Spiele gegen Bremen haben mich in den 2000er-Jahren sehr interessiert. Das waren sehr schöne Fußballspiele. Werder hatte in dieser Zeit ohnehin viele tolle Fußballer in seinen Reihen. Ich denke da zum Beispiel an Johan Micoud, Mesut Özil oder Diego. Das waren schon starke Werder-Teams in dieser Zeit. Aus der Ferne ist es schwierig, genau zu sagen, was dann passiert ist. Aber das Phänomen gibt es ja auch bei anderen Klubs. Sobald das Management Fehler macht oder der ein oder andere Transfer nicht funktioniert, droht der Absturz. Das ist eben der große Unterschied zum FC Bayern. Dieser hat sich über Jahrzehnte die Möglichkeit aufgebaut, Phasen zu durchleben, in denen es mal nicht so läuft – wie beispielsweise in den 2000er Jahren. Bayern kann sich diese Fehler erlauben. Wenn die Bremer hingegen zwei, drei Jahre oben weg sind, ist es ganz schwer, dort wieder hinzukommen.
Früher sind regelmäßig Leistungsträger wie Miroslav Klose, Valerien Ismael oder Claudio Pizarro von der Weser an die Isar gewechselt. Wäre aktuell überhaupt ein Bremer Spieler noch für die Bayern interessant?
Im Moment sehe ich da keinen Spieler. Der Unterschied ist einfach sehr groß geworden.
Hansi Flick und Hasan Salimadzic freuen sich nach dem Sieg der Champions League
Mit ihrem neuen Trainer Hansi Flick (links) gewannen die Bayern in der vergangenen Saison das Triple aus Deutscher Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League. Bild: DPA | Revierfoto
Unter Ex-Coach Niko Kovac schienen die Bayern zumindest verwundbar zu sein. Was hat Hansi Flick so gut gemacht, dass am Ende der vergangenen Saison sogar das Triple heraussprang?
Unter Niko Kovac war die Mannschaft eine Zusammenführung vieler sehr guter Einzelspieler, die als Team aber nicht optimal funktioniert haben. Taktisch waren Schwächen vorhanden, die man dann insbesondere auf hohem Niveau in der Champions League gesehen hat. Die Spieler haben dann irgendwann gemerkt: "Unter diesem Trainer können wir nicht unser Maximum als Team erreichen." Unter Flick funktionieren die Spieler zusammen. Er hat das Puzzle dieser Einzelspieler so zusammengefügt, dass eine Mannschaft auf dem Platz steht, die als Team funktioniert, gleichzeitig aber auch in der Lage ist, ihre Einzelspieler an ihr Maximum zu bringen.
Werder hielt trotz akuter Abstiegsnot an Florian Kohfeldt fest. Hat Sie dies überrascht?
In der heutigen Fußballzeit ist das schon eine kleine Überraschung. Ich beneide die Bremer aber fast darum, dass sie so viel Geduld haben, weil ich es erfrischend finde, wenn ein Klub sagt: "Wir halten diesen Weg mit Kohfeldt für richtig und geben ihm diese Zeit." Ich kann aber auch die Kritiker verstehen, die sagen, dass es irgendwann dann auch zu viel Zeit ist, weil der Klub auf der Stelle tritt. Dieses Gefühl hatte ich bei Kohfeldt auch in der letzten Saison. Die Bremer Mannschaft hat sich nicht wirklich weiterentwickelt.
Bayern-Spieler bejubeln ein Tor gegen Dortmund
Die Bayern marschieren bereits wieder in der Bundesliga. Auch das Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund gewannen sie am vergangenen Spieltag mit 3:2. Bild: Imago | Poolfoto
Sie sind nicht nur Experte, sondern auch Fan des FC Bayern. Macht es bei der großen Dominanz der Bayern überhaupt noch Spaß, die Spiele in der Bundesliga zu schauen? Oder geht es einzig und allein nur noch um den großen Triumph in der Champions League?
Definitiv ist es nicht mehr so emotional. Das wird jeder Bayern-Fan zugeben müssen. Wenn du achtmal in Folge die Deutsche Meisterschaft gewinnst, und das teilweise sehr deutlich, ist es schwierig, sich dafür noch richtig zu begeistern. Trotzdem schaue ich die Spiele noch sehr gerne. Es hat sich aber auf die Champions League zugespitzt, weil es dort Duelle auf Augenhöhe gibt. In der Bundesliga gibt es nur noch eine Handvoll Spiele, bei denen man zuvor denkt: "Ah, heute könnte es etwas schwieriger werden."
Früher holten die Bayern vor allem Stars dazu, um sich zu verstärken. Heute werden auch junge Spieler wie Jan-Fiete Arp oder Alexander Nübel verpflichtet, denen eine gewisse Reifephase bei kleineren Klubs eventuell besser getan hätte. Zumal die Klubs für die Spieler später auch eine satte Ablösesumme hätten kassieren können. Manifestiert diese Strategie der Bayern das Ungleichgewicht nicht noch weiter?
Jein. Wenn du die großen Talente von anderen Klubs wegkaufst, werden diese Klubs in ihrer Entwicklungsfähigkeit ein Stück weit geschwächt. Andererseits glaube ich nicht, dass die Transfers der Bayern dazu geführt haben, dass die Bundesliga uninteressanter wurde. Arp kam vom Hamburger SV aus der 2. Liga und Nübel war auch bei Schalke nicht der extreme Leistungsträger. Sein Abgang hat dem Klub nicht das Genick gebrochen. Die Transferpolitik der Bayern empfinde ich als relativ normal. Dass der Klub versucht, sich junge Talente zu sichern, hängt auch damit zusammen, dass die Bayern nicht 100 oder 120 Millionen Euro für einen Spieler auf den Tisch legen wollen. Der Transfer von Lucas Hernandez (kam für 80 Millionen Euro von Atlético Madrid, Anm. d. Red.) ist da schon eine sehr große Ausnahme. Mit Niklas Süle, Joshua Kimmich oder Leon Goretzka sind für relativ wenig Geld Spieler gekommen, die zu diesem Zeitpunkt durchaus noch als Talente galten. Das ist der Weg, den der FC Bayern geht, um diesen extremen Ablösesummen auszuweichen.
Fänden Sie es gut, wenn die Bayern sich einer möglichen Super League anschließen würden, um dann nur noch gegen die anderen Topteams aus Europa zu spielen?
Ich sehe das eher skeptisch. Der Vorteil wäre natürlich, dass es häufiger Spiele auf Augenhöhe gäbe. Ich bin da aber traditionalistisch und hänge an der Bundesliga und all ihren Geschichten. Ich würde es eher befürworten, wenn durch eine Umverteilung der Fernsehgelder der Wettbewerb wieder ein bisschen spannender gestaltet wird.
Die Verteilung der TV-Gelder ab der Saison 2021/22 wird bereits eifrig diskutiert. Für Sie spräche also nichts dagegen, die Gelder gleichmäßiger auf die Klubs aufzuteilen, sodass auch ein Klub wie Werder stärker profitieren würden?
Ich hätte damit kein großes Problem, weil ich nicht glaube, dass es den Bayern extrem wehtun würde. Im Gegenzug würde es aber Mannschaften von unten ermöglichen, vielleicht den ein oder anderen Transfer mehr zu tätigen. Der SC Freiburg würde dann nicht plötzlich um die Meisterschaft mitspielen, aber auch solche Klubs könnten dann ihre Kader breiter aufstellen – und den Bayern vielleicht häufiger ein Bein stellen.

Warten auf die Bayern: Werder in der Woche der großen Herausforderung

Video vom 16. November 2020
Florian Kohfeldt beim Training umringt von seinen Spielern und erklärt.
Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

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Autor

  • Karsten Lübben Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 19.November 2020, 23:30 Uhr