Das sind Werders 5 vertrackte Baustellen

Standard-Seuche, Chancentod und Verunsicherung: Bei Werder läuft nach einem Drittel der Saison einiges schief. Um den freien Fall abzuwenden, hat Kohfeldt viel zu tun.

Florian Kohfeldt hält eine Ansprache beim Training umringt von seinen Spielern.
Viel Gesprächsbedarf: Werder-Trainer Florian Kohfeldt liegt mit seiner Mannschaft nach elf Spieltagen nur noch auf Rang 14 der Tabelle. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

1 Die Standard-Seuche

Co-Trainer Ilia Gruev mit einem Laptop in der Hand vor der Trainerbank im Borussia-Park.
Der Mann für die Standards: Co-Trainer Ilia Gruev wurde als Cheftrainer des MSV Duisburg losgeeist zur Unterstützung von Kohfeldts Trainerteam. Bild: Imago | Team 2

Trainer Florian Kohfeldt kann das Thema nicht mehr hören. "Ich beantrage, dass wir künftig ohne Standards spielen", meinte er am Sonntag mit leicht sarkastischem Unterton. Gegen Gladbach kassierte Werder das zehnte Gegentor nach einer Ecke oder einem Freistoß (Quelle: Deltatre). Und das im erst elften Spiel der Saison. Dabei hatte Werder mit Ilia Gruev eigens einen Spezialisten für Standard-Training an Bord geholt, doch seine Arbeit fruchtet offensichtlich bisher nicht. Die Bremer Spieler scheinen allerdings inzwischen eher ein Fall für Werders Psychologen Andreas Marlovits zu sein. Denn wenn immer wieder eingeübte Situationen unter Wettkampfbedingungen nicht funktionieren, schlimmer noch, manche Spieler in diesen Momenten scheinbar Blackouts erleben, dann ist der Standard zum Kopfproblem geworden. Höchste Zeit also die Verkrampfung zu lösen.

2 Toprak, der Dauerpatient

Ömer Toprak wird auf dem Spielfeld an der Wade behandelt.
Die malade Wade: Schon im zweiten Saisonspiel gegen Hoffenheim musste Ömer Toprak (rechts) mit einer Muskelverletzung nach 17 Minuten ausgewechselt werden. Bild: Imago | HMB-Media

Eigentlich sollte Ömer Toprak in dieser Saison das neue starke Innenverteidiger-Duo mit Niklas Moisander bilden. Zwei erfahrene Kräfte mit Qualität als Herzstück der Abwehr – das sollte Werders Problemzone beseitigen. Doch inzwischen ist der Hoffnungsträger selbst zum Problemfall geworden. Seit der 30-Jährige im Sommer nach Bremen wechselte, hat er gerade einmal 279 Minuten in der Bundesliga auf dem Rasen gestanden. Immer wieder bremsten ihn muskuläre Probleme aus. Zuletzt direkt vor dem Anpfiff gegen Gladbach. "Ömer hatte beim Aufwärmen ein ungutes Gefühl in der Wade. Und dann sind wir das Risiko nicht eingegangen", erklärte Kohfeldt. Toprak war schon bei seinen früheren Klubs Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen anfällig für diese Verletzungen. Die medizinische Abteilung der Bremer ist bisher ratlos, was die Ursache angeht. Kohfeldts Hoffnung ruht auf einer schnellen Heilung in der Länderspielpause. Doch Toprak und Werder, das ist bisher eine unglückliche Beziehung. Dass zudem Moisander inzwischen seit zwei Monaten fehlt, macht die Lage noch bitterer.

3 Klaassen ist kein Elfmeter-Killer

Davy Klaassen stützt nach der Niederlage enttäuscht die Hände in die Hüften.
Enttäuscht: Davy Klaassen verschoss gegen Gladbach einen seinen zweiten Elfmeter der Saison. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Die Bremer sind in Sachen Elfmeter-Ausbeute ziemlich verwöhnt. Als Max Kruse in den vergangenen Jahren noch der Mann für die Strafstöße war, hatte er eine perfekte Bilanz, die ihm so leicht niemand nachmacht: Neun von neun Elfmetern hatte Kruse versenkt, in seiner gesamten Karriere gar nie einen einzigen verschossen (19 von 19). Ein schweres Erbe also, und wie es momentan aussieht, verfügt Davy Klaassen offenbar nicht über Kruses Killerinstinkt. Drei Mal trat der Niederländer an, zwei Mal scheiterte er vom Punkt. Einmal traf der gegen Union Berlin, einmal scheiterte er gegen den Berliner Keeper. Zuletzt schoss Klaassen Gladbachs Torhüter Yann Sommer direkt an, ein Treffer hätte Werder beim Stand von 0:2 wieder ins Spiel bringen können. "Das war ein schlechter Elfmeter", ärgerte sich Klaassen. Vorwürfe der Kollegen gab es nicht. Doch Kohfeldt meinte, man werde intern besprechen, ob es einen Wechsel bei den Elfmeterschützen geben werde.

4 Chancen, Chancen, Chancen...

Milot Rashica mit einer martialischen Jubelgeste nach einem Treffer.
Eine Rakete reicht nicht: Milot Rashica traf zwar bereits vier Mal für Werder – aber auch der Kosovare ließ viele Chancen liegen. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Vor genau einem Jahr stand Werder vor dem gleichen Dilemma wie heute. "Wir machen zu wenige Tore", bemängelte Kohfeldt damals – als Werder gerade mit 1:3 in Gladbach verloren hatte. 20 Torschüsse hatten die Bremer vor einem Jahr gegne die "Fohlen" abgegeben und nur einmal getroffen. Aus den Spielen zuvor hatte Werder aus 48 Versuchen nur vier Tore herausgeholt – ein Jahr später hat sich die Ladehemmung nicht wesentlich gebessert. Am vergangenen Sonntag waren es 16 Bremer Torschüsse und wieder nur ein Treffer. Insgesamt liegen die Grün-Weißen nun bei 168 Torschüssen in dieser Saison – bei 18 Treffern. Mit dieser Chancenverwertung liegt Werder im unteren Mittelfeld der Tabelle, punktemäßig ist man auch nur noch 14. "Gladbach war effektiver", bilanzierte Kohfeldt. Ohne größere Abgebrühtheit vor dem Tor dürfte es für Werder schwer werden, sich aus dem Tabellenkeller herauszuarbeiten. Denn dafür ist die Abwehr einfach zu anfällig.

5 Wackeliges Werder

Niklas Moisander beim Warmlaufen auf dem Trainingsplatz.
Verletzter Kapitän: Niklas Moisander fehlt Werder bereits seit Anfang September aufgrund einer Muskelverletzung. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Dass die Anzahl der verletzten Spieler zeitweise zweistellig war, brachte von Saisonbeginn an eine gewisse Unruhe in die Mannschaft. Leistungsträger fehlten, Aufstellungen änderten sich im Akkord, Automatismen konnten sich nicht entwickeln. Die Folge: Werder läuft nach dem ersten Drittel der Saison den erhofften Ansprüchen hinterher und wirkt dabei völlig verunsichert. So verunsichert, dass es sogar auf den sonst oft so überragenden Keeper Jiri Pavlenka abfärbt. Sportchef Frank Baumann forderte seine Spieler am Sonntag auf, sich gegenseitig auf dem Platz mehr zu unterstützen und auch mal Fehler der Mitspieler auszubügeln. Werder spielt konsequent offensiv, von diesem Weg will Kohfeldt auch nicht abrücken. Doch diese Spielweise verlangt Selbstvertrauen und Sicherheit, Werder mangelt es momentan an beidem. So häufen sich die individuellen Fehler, besonders in der Defensive. 24 Gegentore sind es bereits, nur Paderborn (26) und Mainz (30) kassierten mehr. Werder muss darauf hoffen, dass zumindest Abwehrchef Niklas Moisander nach der Länderspielpause wieder fit ist.

Kommentar: Aus für Werders Traum vom Europapokal

Moderator Jan-Dirk Bruns vor dem Hintergrund des Weserstadions

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Autorin

  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: NDR, Bundesliga am Sonntag, 10. November 2019, 21:45 Uhr