Werder hat seine Ladehemmung abgeschüttelt

Auf einmal können die Bremer also auch Chancenverwertung. Doch trotz des 4:0-Sieges gegen Augsburg mahnt Trainer Kohfeldt, dass diese Entwicklung kein Selbstläufer ist.

Werder-Spieler um Kruse bejubeln einen weiteren Treffer.
Vor einer Woche gegen Nürnberg lieferte Werder ein schwaches 1:1 ab – gegen Augsburg nutzten sie dagegen effizient ihre Torchancen. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

Die Augsburger wollten einfach nur weg, doch das war gar nicht so einfach. Der Busfahrer kämpfte mit seinem Arbeitsgerät genauso hart, um es aus dem verwinkelten Abstellplatz neben dem Weser-Stadion irgendwie herauszumanövrieren, wie es die Mannschaft von Manuel Baum zuvor auf dem Rasen getan hatte. Doch dort war der Kampf vergeblich gewesen, Werder hatte den Augsburgern eine schmerzliche 0:4-Klatsche verpasst.

Endlich hatte es der Busfahrer geschafft, sie konnten abfahren. Endlich weg. Vorbei an den vielen ausgelassenen Werder-Fans, die sich auch vom ungemütlichen Nieselregen die Partylaune nicht vermiesen ließen. Das machte es für die Augsburger nur schlimmer, sie verließen das Bremer Gelände wie geprügelte Hunde. Und Trainer Baum dürfte wohl bei der Fahrt durch die Nacht immer noch darüber sinniert haben, was ihn schon während des Spiels hatte verzweifeln lassen: "Die haben in der ersten Halbzeit vier Mal aufs Tor geschossen und drei waren drin."

"Heute war jeder Schuss ein Treffer"

Eggestein rennt hinter dem jubelnden Torschützen Rashica hinterher.
Es gab kein Halten mehr: Maimilian Eggestein (rechts) kann den flinken Torschützen Milot Rashica kaum einholen. Bild: Imago | Nordphoto

Doch auch mancher Anhänger der Grün-Weißen dürfte am Sonntagnachmittag verwundert geschaut haben: Werder kann plötzlich Chancenverwertung? Diese Beziehung war in dieser Saison bisher keine große Liebe. Doch die Bremer hatten dieser schwierigen Beziehung wohl im wahrsten Sinne des Wortes eine zweite Chance gegeben. "Das ist ein Lernprozess", erklärte Maximilian Eggestein. Und der hatte weh getan, denn in Spielen wie gegen Hoffenheim, Leipzig oder Frankfurt ließ Werder unzählige Torchancen liegen und vergab so wichtige Punkte. "Heute war dafür gefühlt jeder Schuss ein Treffer", fügte Eggestein hinzu.

Sein jüngerer Bruder Johannes hatte zum 2:0 getroffen und urteilte auch sichtlich erleichtert: "Wir haben endlich die Tore reingemacht und unsere Chancen genutzt. Und das gleich beim ersten Mal." Nach dem Pokalrausch von Dortmund hatten sie unter der Woche auch ein zweites Werder-Problem nochmals offen angesprochen, erzählte Johannes Eggestein, "dass wir gegen vermeintlich schwächere Mannschaften Punkte liegengelassen haben." So wie beim Unentschieden in Nürnberg vor einer Woche, eine "semi-gute Leistung", wie Trainer Florian Kohfeldt sie nannte. Sie hatten auch gegen Abstiegskandidat Augsburg keinen Hurra-Fußball mit jeder Menge Ballbesitz gespielt, doch sie fanden Lösungen, die zum Sieg führten. Und das machte Kohfeldt stolz.

Rashica startet jetzt richtig durch

Rashica liegt auf dem Boden in Jubelpose und reckt den Zeigefinger nach oben.
Toller Arbeitstag: Milot Rashica erzielte gegen Augsburg seine Saisontreffer drei und vier. Bild: Gumzmedia | Andreas Gumz

"Die zweite Halbzeit war die cleverste, die ich von ihnen bisher gesehen habe", betonte Kohfeldt. Denn er hat die Entwicklung seiner Mannschaft wahrgenommen. Sie hatten verstanden, dass es nicht immer eine Gala sein muss, die den Sieg bringt. "Aber meine Mahnung ist, dass wir uns das jede Woche wieder erarbeiten müssen. Das geht nicht automatisch", sagte Kohfeldt.

Und so heißt es üben, üben und wieder üben, bis die Treffer endlich auf Anhieb sitzen. Bei Milot Rashica saßen sie gleich doppelt. Der kosovarische Wirbelwind scheint angekommen zu sein bei Werder, 2019 bringt er es nun bereits auf drei Tore in der Liga und auf eines im Pokal. "Ich habe mich sehr verbessert", freute sich Rashica, "alle haben mir geholfen, und ich kenne die Mannschaft jetzt viel besser und weiß, wie jeder spielt." Seine kurze Trotzphase hat Rashica überwunden, auch bei ihm hatte der Lernprozess nach einer klaren Ansprache von Kohfeldt inzwischen eingesetzt. "Ich gebe in jedem Training Vollgas und schieße in jeder Lage aufs Tor – das kann im Spiel ja auch passieren", meinte Rashica.

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Schießen ohne nachzudenken

Kevin Möhwald kam in der 36. Minute für Rashica ins Spiel, denn den zwickte der Rücken. Und Möhwald netzte dann den vierten Bremer Treffer ein und benannte gleich den Unterschied zu den Partien der vergangenen Wochen: "Ich glaube, wir haben heute vor dem Tor nicht groß überlegt. Hinter jedem Schuss war Überzeugung dahinter." Schießen ohne nachzudenken, das hatte zuletzt bei Werder nicht geklappt.

"Wenn man solche Erlebnisse im Hinterkopf hat, in denen man vor dem Tor gescheitert ist, denkt man ein, zwei Mal mehr nach", fügte Möhwald an: "Das war vielleicht der Fehler." Einen, den Werder künftig nicht mehr machen will. Doch das ist leichter gesagt als getan. "Es war ein erster Schritt in die richtige Richtung", meinte Möhwald. Sie waren effizienter, ruhiger im Abschluss und zudem noch clever. Nun müssen diese Leistungen auch konstant gezeigt werden. Doch ob Werder wirklich schon so stabil ist, muss sich zeigen.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Bundesliga, 10. Februar 2019, 15:30 Uhr