4 Gründe, warum die Bremer Sixdays etwas Besonderes sind

Das Sechs-Tage-Rennen ist eine Rarität, es hat das große Sixdays-Sterben überlebt. Wir erklären, was Bremen stark macht – und was die Zukunft bringen könnte.

Howard Carpendale Anschuss Sixdays 2019 Bremen
Feiern und Fahren: Das gehört in Bremen seit jeher zusammen. Bild: Radio Bremen | Maike Albrecht

1 Bremen ist eine Rarität

Sechs-Tage-Rennen waren mal so richtig angesagt, in den Hochzeiten von den Siebzigern bis in die neunziger Jahre gab es Veranstaltungen in Münster, Dortmund, Köln, Essen, Stuttgart, München, Frankfurt, Berlin und Bremen. Mittlerweile sind noch zwei übrig: Bremen und Berlin. Alle anderen haben nach und nach aufgegeben.

Die Gründe sind vielfältig: Von der Dopingkrise im Radsport um die Jahrtausendwende bis hin zu einer großen Konkurrenz an Freizeitangeboten. "Das zeigt die Stärke der Standort Bremen und Berlin", weiß Christian Stoll – seit 1998 Hallensprecher der Berliner Sixdays, jahrelang auch Sprecher in Bremen und Kenner der Szene. Auch wenn es in beiden Hallen nicht mehr so ist, wie früher.

Früher, als sich Menschenmassen dicht an dicht durch die Partyhallen schoben, der Innenraum kaum betreten werden konnte und die Ränge bis unters Dach gefüllt waren. "Die Veranstaltungen sind cleaner und nüchterner geworden", sagt Stoll. Das gilt für Bremen und für Berlin.

Es wird nie wieder so eine Atmosphäre geben, wie es mal war.

Sixdays Bremen: Christian Stoll
Christian Stoll, Hallensprecher Sixdays Berlin und Kenner der Szene.

Dass es das Bremer Rennen noch gibt, liege auch daran, dass die Veranstaltung viele traditionelle Fans habe, die seit vielen Jahren kommen, sagt Sixdays-Geschäftsführer Hans-Peter Schneider. "Dass das Rennen immer noch so gut dasteht, liegt daran, dass das Bremer Rennen für Bremen eine andere Bedeutung hat, als es vielleicht das Dortmunder Rennen für Dortmund hatte."

2 Das Bremer Rennen ist unabhängig

Das Berliner Rennen wird seit 2016 von der Madison Sports Group veranstaltet. Ein Großinvestor aus London hat eine internationale Rennserie auf die Beine gestellt, neben Berlin gibt es noch Sixdays in London, Kopenhagen, Manchester und im australischen Brisbane. Weitere Standorte könnten dazukommen. Der TV-Sender Eurosport überträgt die Rennen live, der Bahnradsport soll so wieder groß werden. Nur drei Rennen laufen noch als unabhängige Veranstaltungen: Gent, Rotterdam und Bremen.

Eine Anfrage aus London gab es in der Vergangenheit schon – aber das Konzept der Sportvermarkter aus London passe nicht zum Bremer Rennen, erklärt Schneider. Das habe viele Gründe: Unter anderem sei die Bremer Bahn zu klein für die Serie, denn bei den anderen Rennen fahren mehr Teams mit als üblicherweise in Bremen. Auch eine zentrale Vermarktung mit europäischen Sponsoren passe nicht nach Bremen.

Stoll hingegen glaubt nicht, dass Bremen langfristig überleben kann, wenn es sich nicht der Madison-Group anschließt. "Ein Sechs-Tage-Rennen kostet einfach. Ich glaube, so wie es in Bremen organisiert ist, mit vielen regionalen Sponsoren, ist es auf Dauer nicht zu halten."

Die Bremer Macher allerdings blicken positiv in die Zukunft. Auch wenn es 2019 einen leichten Zuschauerrückgang von 60.000 auf 59.000 Besucher gegeben habe, ist der zweite Geschäftsführer Felix Wiegand optimistisch. "Ich denke, dass wir die Besucherzahlen halten können."

Das Velodrom in Berlin beim Sechs-Tage-Rennen
Das Velodrom in Berlin. Seit 2016 gehört das Rennen zur internationalen Serie der Madison Group aus London. Bild: DPA | nordphoto/Engler

Was dafür spricht: Der Bahnradsport ist im Aufschwung. Es gibt wieder mehr deutsche Fahrer, die für Schlagzeilen sorgen, so wie der amtierende Madison-Weltmeister Theo Reinhardt oder Roger Kluge, der nicht nur auf der Straße erfolgreich ist, sondern auch auf der Bahn. Auch international tue sich etwas, sagt Stoll. Das hänge auch damit zusammen, dass Madison, das Zweier-Mannschaftsfahren, das bei den Sixdays praktiziert wird, wieder olympisch ist. Im Sommer in Tokio fahren also auch die Deutschen Reinhardt/Kluge um Medaillen. Und auch weltweit entwickelt sich der Sport: So sind in Berlin in diesem Jahr sogar Fahrer aus Indien und China am Start. In der Szene ist Bewegung.

3 Bremen hat einen Ruf

Auch das Bremer Rennen ist international bekannt. "Das Partyrennen", bestätigt Stoll. Doch das ist keine Abwertung. Der Ruf der Bremer Sixdays als Partyhochburg ist mittlerweile vielleicht etwas größer als die Party selbst – aber sorgt für Aufmerksamkeit und für ein internationales Standing. Stoll, mit vielen Fahrern seit Jahren gut bekannt, weiß: "Sie kommen gern nach Bremen." Die Fahrer freuten sich auf die gute Stimmung, das besondere Flair des Bremer Rennens, wo die Party einen offiziellen Stellenwert hat – und die Bahn besonders anspruchsvoll ist.

Den Imagegewinn der Sixdays für die Stadt sollte man nicht unterschätzen, meint Stoll. "Beck's, Jacobs, Kellog: Eine Marke nach der anderen gibt es nicht mehr.

Wäre ich Sportsenator, ich würde alles tun, um die Marke Sixdays am Leben zu erhalten. So lange das Rennen am Markt ist, hat es auch einen großen Werbeeffekt auf die Stadt.

Sixdays Bremen: Christian Stoll
Christian Stoll

Um den Werbeeffekt weiß auch Hans-Peter Schneider. Durch das Rennen habe Bremen einen europäischen Ruf – und die Macher versuchten vermehrt, Gäste aus dem radsportbegeisterten Ausland wie Belgien oder Holland anzulocken. Was die Zukunft betrifft "bin ich optimistisch", sagt Schneider.

4 Bremen hat die spektakulärste Bahn der Welt – und investiert in die Zukunft

Noch so eine Sache, die das Bremer Rennen zu keiner 0815-Veranstaltung macht. Die Bahn, 166,66 Meter kurz und mit einer maximalen Schräge von 51 Grad, ist eine Herausforderung für die Fahrer. "Sie ist spektakulär aber nicht gefährlicher als andere", sagt Erik Weißpfennig, Bremens Sportlicher Leiter. "Je gefährlicher eine Strecke ist, desto konzentrierter sind alle. Für die Zuschauer ist das toll: Es geht rasant zu und gibt viele Rundengewinne."

Und in diesem Jahr wird die Bahn noch etwas spektakulärer sein, denn der Belag ist neu. Das mache sie schneller und etwas glatter, sagt Weißpfennig. Der neue Belag ist in Bremen aber noch viel mehr als eine neue Holzpiste – er ist auch ein Indikator dafür, dass die Sixdays weiter bestehen. "Das ist keine Investition, die man unterschätzen sollte", sagt Geschäftsführer Wiegand.

Wir hätten diese Investition natürlich nicht gemacht, wenn wir nicht an die Veranstaltung glauben würden und nicht die Zukunft dieser Veranstaltung sehen würden.

Felix Wiegand, Geschäftsführer Sixdays Bremen

Zum 56. Mal geht es nun in Bremen wieder im Kreis: Der Startschuss fällt Donnerstagabend gegen 21 Uhr. Das Finale endet Dienstagnacht gegen 23 Uhr.

Autorin

  • Maike Albrecht Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 9. Januar 2020, 18:05 Uhr