Interview

Bremer Schwimmstar Wellbrock: Vorfreude auf das Wettkampf-Feeling

Auch für Deutschlands besten Schwimmer ist der Olympia-Traum vertagt. Wie er seine Motivation hält, ob er Werder verfolgt hat und wer Kojak ist, erzählt Wellbrock hier.

Wellbrock zeigt nach seinem WM-Sieg über 1.500 Meter selbstbewusst Richtung Anzeigetafel.
Historischer Sieg bei der WM in Südkorea 2019: Als erster Schwimmer gewann Florian Wellbrock bei einer WM Gold im Becken und im Freiwasser. Bild: Reuters | Evgenia Novozhenina

Der Olympia-Traum von Schwimm-Weltmeister Florian Wellbrock ist vertagt. Nach Doppel-Gold bei der WM vor einem Jahr ist der 22-Jährige gebürtige Bremer die große Hoffnung der deutschen Schwimmer für die Sommerspiele in einem Jahr in Tokio. Eine erneute Verschiebung wegen der Coronavirus-Pandemie befürchtet der für den SC Magdeburg startende Schwimmer nicht.

Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Wellbrock über seine Tokio-Pläne, eine besondere Motivation durch Schwimm-Weltrekordler Paul Biedermann und Rekord-Olympiasieger Michael Phelps sowie ein neues "Familienmitglied".

Haben Sie in den letzten Monaten manchmal sehnsüchtig zur Bundesliga geschaut, als dort gespielt wurde, oder ging das für einen gebürtigen Bremer nicht?
Ich habe natürlich den Abstiegskampf von Werder mitverfolgt, aber ansonsten war ich bei der Bundesliga nicht so hinterher. Dass die Fußballer Wettkämpfe hatten und andere Sportler nicht, hat mich nicht gestört. Ich war froh, dass wir trainieren konnten und jetzt geht es bei uns ja auch wieder mit Wettkämpfen los.
Wie sehr haben Ihnen selbst denn die Wettkämpfe gefehlt?
Natürlich bin ich ein Sportler, der täglich trainiert, um sich zu messen und Wettkämpfe zu bestreiten. Ich profitiere unheimlich davon, dass ich so eine starke Trainingsgruppe hier in Magdeburg habe. Da können wir Wettkämpfe simulieren und uns tagtäglich im Training messen. Da geht es stellenweise richtig heiß her. Dadurch konnte ich die Wettkampf-Ausfälle sehr gut kompensieren. Auf der anderen Seite ich bin auch schon froh, wenn dieses richtige Wettkampf-Feeling wieder losgeht und man sich dann mit der Konkurrenz messen kann.
Schwimmer Florian Wellbrock hält sich im Schwimmbecken an einer Streckenbegrenzung fest.
Ende 2019 gewann Wellbrock die 800 Meter Freistil bei der Deutschen Kurzbahnmeisterschaft in Berlin. Bild: Imago | Bernd König
Haben die deutschen Meisterschaften Ende Oktober ohne große internationale Wettkämpfe in diesem Jahr einen besonderen Stellenwert?
Für mich auf jeden Fall. Es wird eine viel coolere deutsche Meisterschaft als sonst, weil das Gefühl viel emotionaler sein wird, dass man wieder mit den anderen Wettkämpfe schwimmen kann. Das wird vom Feeling ganz besonders sein. Auf internationale Vergleiche werden wir noch warten müssen. Ich glaube mit dem Fliegen durch Europa muss man sich noch ein oder zwei Monate gedulden.
Haben Sie in der Wettkampfpause noch etwas Besonderes gemacht, um sich zu motivieren?
Ich gucke mir immer ganz gerne Wettkampfvideos an, zum Beispiel von den Weltrekorden von Paul Biedermann bei der WM in Rom 2009. Das hält mich bei Laune und lässt die Motivation nicht abreißen. Das 200-Meter-Kraul-Rennen, in dem Paul Michael Phelps geschlagen hat, schaue ich mir immer wieder gerne an. Auch meine eigenen Rennen aus Gwangju – die zehn Kilometer und die 1.500 Meter – sehe ich immer wieder gerne. Das ist immer wieder spannend, auch wenn ich ganz genau weiß, wer gewinnt.
Der größte Wettkampf in Tokio wurde um ein Jahr verschoben. Können Sie schon etwas zu den Zielen und Strecken für die Olympischen Spiele in zwölf Monaten sagen?
Ich habe mir natürlich meine Ziele gesteckt. Ich werde voraussichtlich über die 800 Meter, 1.500 Meter im Becken und über zehn Kilometer im Freiwasser an den Start gehen und dann müssen wir mal schauen, was dabei rumkommt. Die konkreten Ziele habe ich im Kopf und da bleiben sie auch erst mal (lacht).
Unterwasseraufnahme, wie Wellbrock sich nach der Wende abstößt.
Ganz in seinem Element: Florian Wellbrock fühlt sich im Becken und im Freiwasser Zuhause. Bild: Reuters | Stefan Wermuth
Wieso möchten Sie nicht über die konkreten Ziele sprechen?
Den größten Druck mache ich mir ohnehin selbst. Natürlich habe ich als Weltmeister hohe Ziele, aber am Tag X kommt es eben nicht nur auf mich, sondern auch auf Konkurrenz und Tagesform an. Das Wichtigste ist sowieso, dass ich gesund bis zu den Spielen durchkomme – gerade in Zeiten wie diesen.
Wie groß ist Ihre Sorge, dass es wegen des Coronavirus auch nächstes Jahr nichts wird mit den Olympischen Spielen?
Die Sorge ist minimal schon irgendwie da. Aber momentan sehe ich es eigentlich recht gelassen, weil sich Schritt für Schritt ja alles wieder auflockert. Ich denke, dass sich die Organisatoren schon Wege und Strategien überlegen, wie man so ein Event trotzdem durchführen kann. Da verlasse ich mich auf die, die das Sagen haben.
Machen Sie sich als Ausdauersportler mit Blick auf das Coronavirus besonders starke Sorgen?
Ich bin schon sehr vorsichtig und halte immer die Sicherheitsabstände ein. Auch, wenn die Regeln teilweise wieder gelockert werden, versuche ich, Menschenmengen zu meiden, weil das Risiko einfach zu groß wäre. Ich habe zwar keine Angst, aber schon Respekt davor, diese Krankheit zu bekommen und an Kapazität zu verlieren.
Das Schwimm-Paar Sarah Köhler und Florian Wellbrock posiert für ein Foto.
Privates Glück: Florian Wellbrock mit seiner Freundin Sarah Köhler. Bild: DPA | Sven Simon
Sie waren in der Corona-Zwangspause ungewöhnlich lange zu Hause und haben nicht wie sonst über weite Strecken des Jahres nur aus dem Koffer gelebt. Und noch etwas hat sich geändert: Wie geht's ihrem neuen Familienmitglied, Hund Kojak?
Dem geht's sehr gut. Der sitzt gerade vor mir und versteht nicht so richtig, was ich hier mache. Der Hund bringt viele neue Dinge ins Leben und viel Spaß. Einen Hund zu haben, war ein Kindheitstraum von meiner Freundin (Schwimmerin Sarah Köhler) und ich bin auch ein Tierfreund. Ein bisschen musste sie mich aber auch bequatschen, weil ich immer darauf gepocht habe, dass wir uns den Hund erst nach den Olympischen Spielen zulegen. Durch die Verschiebung und dadurch, dass wir jetzt sehr viel in Magdeburg waren, hat es sich aber angeboten, das jetzt schon zu machen und mit der Erziehung anzufangen. Das ist ja doch ein bisschen zeitaufwendig bei einem Hund.
Was hat sich durch den Hund verändert?
Wir sind abends deutlich öfter nochmal draußen. Früher habe ich mich nach dem Training hingelegt und das war's. Jetzt gehen wir dann nochmal eine Halbe- oder Dreiviertelstunde spazieren. Das hat schon auch einen positiven Effekt auf mein Sportlerdasein. Der Hund hat mir auch dabei geholfen, nicht mehr so viel Playstation zu spielen und mehr Zeit mit mir selbst, meiner Freundin und dem Hund zu verbringen.
Und was macht der Versuch, Avocados zu züchten?
Das Projekt ist eingestellt. Ich habe drei Kerne zum Keimen gebracht. Daraus ist aber nie eine Pflanze entstanden, weil mir der Keim dann kaputtgegangen ist. Ich habe, glaube ich, einfach keinen grünen Daumen (lacht).

Wellbrock weiterhin erfolgreich bei der Schwimm-DM

Video vom 17. November 2019
Wellbrock steht auf dem Siegerpodest mit einer goldenen Medaille um sein Hals.
Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 30. April, 2020, 23:30 Uhr