Warum Sie diesen Fischerhuder kennen sollten

Schon als Kind ist er eine der bekanntesten Bergetappen der Tour der France gefahren. Inzwischen ist Lennard Kämna Rad-Profi – einer der jüngsten weltweit.

Wenn man Lennard Kämna trifft, könnte man meinen, er ist 17 oder 18 Jahre alt. Sehr schlank, schmal gebaut, zurückhaltend. Doch er ist schon 20 – in seinem Job aber müsste man sagen: erst 20.

Denn der Weg in den Profi-Radsport ist lang und beschwerlich, nur wenige schaffen es in seinem Alter in ein großes Profiteam. Seit diesem Jahr fährt Kämna für den deutschen Rennstall Sunweb. Er gilt als ein großes Talent im deutschen Radsport – kein Wunder bei diesen Erfolgen.

2014 wurde er in einem Jahr Deutscher Meister, Europameister und Weltmeister der U19 im Einzelzeitfahren. 2016 sicherte er sich den Europameistertitel in der U23.

Neue Welt

Nun also das erste Profijahr. In einer Mannschaft mit 25 Fahrern, junge und erfahrene, hat er mittlerweile seinen Platz gefunden. "Im ersten Trainingslager hatte ich ganz schön mit dem hohen Niveau zu kämpfen", sagt er. Schließlich trainieren da an seiner Seite der aktuelle Sieger des Giro d'Italia, Tom Dumoulin, oder der Deutsche Simon Geschke, der 2015 eine Alpenetappe bei der Tour de France gewann.

Das ist natürlich super, wenn du den Giro-Gewinner im Team hast. Früher, bei den Junioren, waren das die großen Stars, keine Chance mit denen zu reden. Und jetzt unterhält man sich.

Lennard Kämna

Doch nicht nur sportlich war der Wechsel ins Profilager für Lennard Kämna ein großer Schritt. "Das war eine Riesen-Umgewöhnung. Es kamen eine Menge neue Sachen auf mich zu. Man hat auf einmal viel mehr E-Mails zu schreiben und Kontakte zu pflegen als noch vor zwei Jahren. Aber mittlerweile habe ich das ganz gut in der Reihe."

Sein Leben hat sich gewandelt. Es gibt einen persönlichen Trainer, eine Ernährungsberaterin, Masseure, Mechaniker und schicke Hotels bei den Rennen. Angenehme Annehmlichkeiten. "Es ist erschreckend, wie schnell man sich daran gewöhnt", lacht Kämna.

Bei den Junioren hatten wir immer ältere Internate, die nicht im besten Zustand waren, schlechteres Essen und keinen Bus. Nur einen T5, wo man sich dann zu viert drin umgezogen hat, meistens draußen, auch wenn es geregnet hat. Das ist jetzt ein Riesen-Unterschied.

Lennard Kämna

Jetzt steht bei den Rennen der große Teambus parat, mit warmer Dusche und vielen Helfern. Energie-Shakes nach dem Rennen, Nudeln im Massageraum, Mechaniker, die das Rad optimieren. Während der Trainingswochen tauscht er sich mit seinem Trainer via Tagebuch aus, Belastung, Ernährung, alles genau abgestimmt.

Hohe Erwartungen

Lennard Kämna bei der Tour de Romandie
Lennard Kämna fährt seit 2017 für den deutschen Profi-Rennstall Sunweb, hier bei der Tour de Romandie. Bild: Imago | Sirotti

Die frühen Erfolge von Lennard Kämna haben auch ihre Schattenseiten. Unbeschwert und vor allem unentdeckt kann er sich nicht langsam im Profi-Radsport hocharbeiten. Der 20-Jährige aus Fischerhude gilt als großes Talent im deutschen Radsport, denn er besitzt zwei Eigenschaften, die für eine Karriere wichtig sind. Er ist ein sehr guter Zeitfahrer, und er hat den passenden Körper. Schmächtig und schnell. Das hilft beim Bergfahren.

Daher wurde er von einigen Medien schon als der nächste deutsche Rundfahrer bezeichnet, also einer, der in einigen Jahren bei der Tour de France mal oben mitfahren könnte. Viel Druck auf schmalen Schultern.

"Ich finde es manchmal schon übertrieben, was geschrieben wird. Ich sehe mich noch nicht ganz auf diesem Level und weiß nicht, ob es da dann am Ende wirklich hingeht. Ich lese das gerne, die schreiben nette Dinge über einen. Aber man muss das auch einzuordnen wissen. Es ist einfach so, dass in Deutschland zurzeit jegliche Medien nach einem neuen deutschen großen Rundfahrer schreien. Und jeder, der dann mal schnell am Berg ist oder gute Zeitfahren fährt, wird dann immer gerne sofort als der neue deutsche Rundfahrer gesehen. Aber da gehört halt ziemlich viel dazu, und man sollte das nicht unterschätzen."

Reflektiert, bescheiden, typisch Kämna. Sein Arbeitgeber, Team Sunweb, hat sein Potential ebenfalls erkannt und will ihn in Ruhe ausbilden.

Er lernt sehr schnell und misst sich schon jetzt mit Fahrern der World Tour. Das ist sehr vielversprechend.

Dirk Reuling, Trainer Team Sunweb

Team Sunweb, eine Mannschaft unter holländischer Leitung und mit deutscher Lizenz, will den Radsport in Deutschland wieder populärer und erfolgreicher machen – und in den nächsten Jahren kontinuierlich um Rundfahrt-Siege mitfahren. Eine Zukunft auch mit deutschen Fahrern und Talenten wie Lennard Kämna. Den ersten Erfolg hat die Mannschaft jüngst verbucht: Der Niederländer Tom Dumoulin gewann den Giro d'Italia. Der erste große Titel für Team Sunweb.

In Fischerhude daheim, in der Welt zu Hause

Lennard Kämna ist trotz seiner jungen Karriere sehr bodenständig. Regelmäßig besucht er seine Eltern in Fischerhude, verbrachte hier fast den ganzen letzten Sommer. Dieses Jahr, im Profibereich, ist sein Terminkalender voller. Trainingslager, Rennen, Meisterschaften. Ein straffes Programm. Doch er wollte es nicht anders, wusste schon früh, dass der Radsport sein Weg ist.

Mit zehn Jahren bekam er sein erstes Rennrad – sein Vater ein ambitionierter Hobbyfahrer, sein Bruder damals in Jugendklassen unterwegs. Familienurlaube waren immer auch Fahrradurlaube, und da ging es dann schon mal in die Alpen. Mit gerade einmal zehn Jahren fuhr der kleine Lennard nach Alp d'Huez hoch, die bedeutende Bergetappe der Tour de France. "Erst hat er noch in jeder Kurve angehalten, dann ist er irgendwann immer weiter und weiter gefahren," erzählte seine Mutter Sonja Kämna dem Sportblitz im Herbst 2014.

Mit 13 Jahren zog es Lennard auf ein Sportinternat in Cottbus, eine Schmiede für Radsport-Talente. Mittlerweile lebt er in Köln.

Große Rundfahrten im Blick

2014 sagte Lennard Kämna: "Mein größter Traum ist es, einmal Radprofi zu werden, in einem richtigen World-Tour-Team." Traum wahr geworden. In diesem Jahr wird Lennard Kämna bei kleineren Rennen und Rundfahrten für die wirklich großen Events aufgebaut. Denn schon nächstes Jahr, 2018, soll er seine erste große Rundfahrt bestreiten, vermutlich den Giro d'Italia oder die Vuelta. "Ich habe noch gehörigen Respekt vor den Drei-Wochen-Rundfahrten. Ich denke aber, dass man sich während des Rennens sehr stark daran gewöhnt ", sagt er.

Ich hatte jetzt schon zwei Rundfahrten über eine Woche, und so nach dem fünften, sechsten Tag, habe ich mich bisher immer sehr gut gefühlt. Das gibt mir Hoffnung für die Drei-Wochen-Rundfahrten.

Lennard Kämna

Am kommenden Freitag steht für Lennard Kämna erstmal die Deutsche Meisterschaft im Einzelzeitfahren an. Hier tritt er bereits in der Elite-Klasse bei den Männern an und will oben dabei sein. Titelverteidiger ist übrigens Tony Martin, der derzeit beste deutsche Zeitfahrer. Dann warten noch einige Rennen und die Weltmeisterschaft in Norwegen auf Kämna. Volles Programm, hartes Training. Herzlich Willkommen im Profi-Radsport.

Autorin

  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: buten un binnen mit Sportblitz, 18. Juni 2017, 19:30 Uhr

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