Nils Politt und Kenny de Ketele gewinnen das Bremer Sechs-Tage-Rennen

Der deutsche Tour-de-France-Fahrer Nils Politt hat mit seinem belgischen Partner Kenny de Ketele kurz vor Ende das Rennen mit einem Coup entschieden. Dabei hatte lange ein anderes Team geführt.

Video vom 15. Januar 2020
Einer der zwei Gewinner der Sixdays in Bremen, Nils Politt im Interview.
Bild: Radio Bremen

Lange hatten sie sich Zeit gelassen für ihre entscheidende Attacke: Nils Politt und Kenny de Ketele spielten erst 17 Runden vor Schluss der Ein-Stunden-Jagd ihre Stärke aus und setzten zur so genannten Doublette, einem doppelten Rundengewinn, an. Sie überrundeten das Feld gleich zweimal hintereinander. Damit katapultierten sie sich mit einer Runde Vorsprung an die Spitze des Feldes. Das konnte keines der anderen fünf Teams, die um den Sieg mitfuhren, mehr kontern.

Entscheidend: Die Ausdauer und Härte, die Nils Politt von der Straße mitbringt. Der 25-Jährige war 2019 überraschend Zweiter beim härtesten Klassiker der Welt, Paris-Roubaix, geworden und hatte sich damit endgültig in der Weltspitze etabliert. Schon dreimal ist er die Tour de France gefahren - ein Sechs-Tage-Sieg stand trotzdem noch auf seiner To-Do-Liste.

Ich bin ein Sixdays-Fan, war als Kind auch in Köln und Dortmund. Ich wollte immer mal ein Sechs-Tage-Rennen gewinnen. Das habe ich jetzt auf meiner Liste abgehakt.

Nils Politt
Sixdays Bremen Siegerehrung
Die obligatorische Sektdusche: Vorher hatten die Weißen die Konkurrenz schon auf der Bahn nass gemacht. Bild: Soller Fotografie | Oliver Soller

Sein belgischer Partner Kenny de Ketele, einer der stärksten und erfolgreichsten Sechs-Tage-Fahrer, die unterwegs sind, war beeindruckt von Politts Stärke. "Nils ist ein ganz anderer Fahrer. Erst mussten wir uns aneinander gewöhnen auf der Bahn, aber dann war es eine Riesen-Ehre für mich, mit ihm fahren zu dürfen." Auf die Doublette kurz vor Schluss zu setzen, sei Politts Idee gewesen, so de Ketele. Das sei harte Arbeit gewesen.

Die Doublette war eine gute Taktik, die hat aber auch viel Schmerzen bereitet.

Kenny de Ketele

Dabei hatte lange Zeit vor allem eine Mannschaft die Nase vorn: Team Nummer sieben, die Gelben mit dem Niederländer Wim Stroetinga und dem Schweizer Nico Selenati. Sie waren mit einer Runde Vorsprung und damit als Favoriten in diese Finaljagd gegangen. Die beiden fanden sich etwas überraschend im Kreis der Topteams wieder - schließlich war der 23-jährige Schweizer Nico Selenati erst zwei Tage vor dem Rennen für einen verletzten Fahrer nachnominiert worden und bestritt in Bremen sein erstes Sechs-Tage-Rennen überhaupt. Nach ein paar Tagen Anlauf übernahm das Duo am Sonntag das erste Mal die Führung. Eine ziemliche Überraschung.

Und lange konnten sie jeden Angriff der Konkurrenz kontern. Fuhr eines der anderen Teams eine Runde heraus, reagierten sie. So trieben sie die anderen Mannschaften vor sich her. Doch am Ende ging ihnen, auch durch die lange Führungsarbeit, die Puste aus und sie konnten die entscheidende Attacke nicht mehr abwehren. Ihnen blieb Platz Vier. Denn durch die bessere Punkteausbeute landete der amtierende Weltmeister Theo Reinhardt mit seinem Partner Morgan Kneisky auf Rang Zwei. Dritte wurden der Däne Marc Hester und der Österreicher Andreas Graf.

Bahnrekorde am Fließband

Nicht nur die Finaljagd am Dienstag lieferte Bahnradsport auf hohem Niveau. Schon während der übrigen fünf Tage begeisterten die Sprinter um Robert Förstemann das Publikum. Nach seinem schweren Sturz im vergangenen Jahr, wagte sich Förstemann erneut auf die Bremer Bahn. Und auch wenn er eigentlich etwas defensiver fahren wollte – Montagabend klappte es dann doch: Förstemann brach seinen eigenen Bahnrekord von 2019 und fuhr die 166,66 Meter in 8,688 Sekunden. Er fuhr 69 Kilometer pro Stunde.

Tomas Babek nach dem Bahnrekord bei den Sixdays Bremen
Tomas Bábek hat wohl mit einem Rekord gerechnet – bei dieser Kleidungswahl. Bild: Soller Fotografie | Oliver Soller

Doch diese Zeit hielt nur einen Tag, Dienstagabend sprintete sein Konkurrent Tomas Bábek zu einer noch schnelleren Zeit. Der aktuelle Bahnrekord liegt nun bei 8,859 Sekunden. Der Tscheche gewann damit auch die Gesamtwertung der Sprinter mit einem Punkt Vorsprung auf Förstemann.

Der neue Belag der Bremer Bahn verhilft offenbar zu neuen Bestzeiten am Fließband. Denn auch beim 500-Meter-Zeitfahren der Profis fuhren am Montagabend Wim Stroetinga und Nico Selenati den fünften Bahnrekord in Folge (27,102 Sekunden). Zuvor hatte das Duo Oliver Wulff Frederiksen und Moritz Augenstein vier Tage hintereinander eine neue Bestzeit aufgestellt.

Veranstalter mit Sixdays zufrieden

Gut besucher Rang bei den Sixdays Bremen
Am Dienstag kamen die meisten sportinteressierten Zuschauer. Bild: Soller Fotografie | Oliver Soller

Doch kommt das Sportprogramm an? Konkrete Besucherzahlen wird es am Donnerstag geben - die Sixdays-Macher vermuten aber, dass sie sich wieder auf dem Niveau der Vorjahre bewegen werden. 2019 kamen 59.000 Besucher, 2018 waren es 60.000. Gefühlt seien in diesem Jahr mehr Sportinteressierte gekommen, so die Veranstalter.

Die Partyhalle 4 war vor allem am Montag stark besucht, doch auch Freitag und Samstag wurde gut gefeiert. Der Sonntag bleibt der schwächste Tag bei den Sixdays. Hier kamen die wenigsten Leute.

Klar ist: Geld verdienen lässt sich mit den Sixdays nicht. So mussten die Veranstalter hier und da Einsparungen vornehmen, beispielsweise bei der Besetzung des Startschusses.

Wichtiges Jahr für die Fahrer

Für viele der Fahrer waren die Bremer Sixdays nur der Auftakt in ein wichtiges und großes Sportjahr. 13 von ihnen starten ab nächster Woche Donnerstag beim Sechs-Tage-Rennen in Berlin. Weltmeister Theo Reinhardt fährt dort mit seinem Nationalmannschafts-Kollegen und Ersatzmann aus Bremen, Moritz Malcharek. Der Höhepunkt der Bahnfahrer findet einen Monat später ebenfalls in Berlin statt. Die Bahnrad-WM ab dem 26. Februar ist das letzte Qualifikationsturnier für Olympia in diesem Sommer. Der Deutsche Theo Reinhardt will seinen WM-Titel im Madison (Zweier-Mannschaftsfahren) verteidigen und in Tokio ebenfalls angreifen. Auch der Deutschland-Vierer mit Sixdays-Starter Reinhardt und Leon Rohde hat gute Chancen bei Olympia dabei zu sein.

Autorin

  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Sechs-Tage-Radio, 14. Januar 2020, 23 Uhr