Pinguins-Coach Popiesch: Stasi-Gefängnis legte seine Karriere auf Eis

Im November jährt sich zum 30. Mal der Mauerfall. Auch Thomas Popiesch wird dann an die schwersten Jahre seiner Vergangenheit erinnert. Aber der Eishockey-Coach hat seinen Frieden gemacht.

Fischtown Pinguins Trainer Thomas Popiesch im Interview.

Im November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal, und es sind Jahrestage wie dieser, die bei Thomas Popiesch die schwerste Zeit seiner eigenen Vergangenheit wieder ins Bewusstsein holt. "Hin und wieder greifen es die Medien eben wieder auf", erzählt Popiesch buten un binnen, "ich habe keine Probleme damit, darüber zu sprechen, wenn jemand fragt." Aber von sich aus, tut er es eher nicht.

Seine Eishockey-Mannschaft aber, die Fischtown Pinguins, die er seit über drei Jahren trainiert, weiß von seiner Vergangenheit. Von den vier Jahren seines Lebens, die ihm genommen wurden. Jene vier Jahre, die er im Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen und Bautzen verbringen musste, weil er als 17-Jähriger von Freiheit träumte und einen Fluchtversuch aus der DDR unternahm, der scheiterte.

Sein Fluchtversuch war "sehr blauäugig"

"Für mich war es eine harte Zeit, da braucht man nicht drumherum reden", sagt Popiesch. 1965 wurde er in Ost-Berlin geboren und seine große Leidenschaft war Eishockey. In der DDR war er zwar im Sportsystem sehr gut ausgebildet worden, Popiesch sah für sich dort trotzdem keine Zukunft. 1982 versuchte er dann, bei Bratislava die Grenze zwischen der damaligen Tschechoslowakei und Österreich zu überwinden. Die eigentliche Grenze war allerdings noch sehr weit entfernt, wie er später erfuhr, und nennt seinen Versuch von damals heute "sehr blauäugig".

Fast vier Jahre Gefängnis waren seine Strafe für den Wunsch nach Freiheit. "Die Zeit musste man überstehen, egal wie", sagt Popiesch heute. Lange klammerte er sich an die Hoffnung, seine Familie könne ihn freikaufen oder er würde doch früher entlassen werden. Doch daraus wurde nichts. Er sagte sich jeden Tag, dass es ein Morgen danach gibt und dass er das Beste daraus machen müsse. Während sich andere Häftlinge mit Selbstmordgedanken trugen, schaffte es Popiesch, das Gefängnis zu überstehen – doch dann wurde er zurückentlassen in die DDR.

Die Zeit nach der Entlassung war die schlimmere Zeit. Man war eigentlich froh, dass man aus dem Gefängnis draußen war, aber dann kam die komplette Perspektivlosigkeit. Denn man war in allen Bereichen abgeschnitten.

Pinguins-Trainer Thomas Popiesch bei buten un binnen

Der zweite Flutversuch gelingt

Sportgala Bremen
Von Beginn an erfolgreich: Popiesch (links) nahm die Ehrung für Bremens "Mannschaft des Jahres 2016" entgegen. Bild: gumzmedia | Andreas Gumz

Er wollte immer noch Eishockey spielen, doch in der DDR war der Sport staatlich gefördert und Popiesch wurde nicht mehr als förderungswürdig erachtet. Er suchte sich eine Freizeitmannschaft, um zu spielen. "Jeder Sport, auch wenn es nur Hobby ist, hilft dabei, wieder ins normale Leben zurückzukommen", sagt Popiesch. Er hält sich mit Autos reparieren und anderen Gelegenheitsjobs über Wasser und seine Eltern sind besonders moralisch eine Stütze, doch seine Unzufriedenheit wuchs.

Mit 24 Jahren, im Frühjahr 1989 und noch vor dem Mauerfall, wagte er schließlich doch noch einen Fluchtversuch über Ungarn nach Österreich. Die ganze Nacht lang war er unterwegs gewesen, erinnert sich Popiesch heute, "nass, kalt und erschöpft". Und dann traf er auf einen Förster und war sicher, auf österreichischem Boden zu sein. "Es war schon sehr emotional in dem Moment", sagt Popiesch, "aber dann war da das Ungewisse." Er versuchte, seinen Traum vom Eishockey-Profi doch noch zu verwirklichen.

Eishockey-Profi – mit sieben Jahren Verspätung

Nach Jahren ohne Spielpraxis auf höchstem Niveau bekam er durch einen Freund schließlich die Chance bei Zweitligist Duisburg. Und Popiesch ackerte, nahm sich seine alten Trainingspläne aus der DDR zur Hilfe – und mit großem Willen und sieben Jahren Verspätung schaffte es Popiesch. 15 Jahre lang spielte er als Profi, bei Krefeld, Essen, Nürnberg, Frankfurt, Grefrath, Erding und zum Abschluss wieder in Duisburg. Es war eine gute Karriere. Hätte sie noch besser sein können? Hatte man ihn um die besten Jahre betrogen?

In der Nachbetrachtung ist es sehr viel einfacher für mich, weil sich alles für mich sehr zum Guten gewandt hat und da gar kein Platz ist, um sauer oder böse zu sein. Ich wollte schon damals nach vorne gucken. Ich kann das Gestern nicht mehr ändern, ich kann nur auf das Heute und Morgen Einfluss nehmen. Das habe ich versucht, so gut wie möglich zu machen. Sauer oder nachtragend zu sein, diese Frage erübrigt sich.

Pinguins-Trainer Thomas Popiesch bei buten un binnen

Keinen Groll gegen die verlorenen Jahre

Trainer Thomas Popiesch gut gelaunt während des Trainings auf dem Eis.
Mit Spaß bei der Arbeit: Pinguins-Coach Thomas Popiesch mit seiner Mannschaft auf dem Eis.

Früher, gesteht Popiesch ein, hätte er sich um diese Jahre schon betrogen gefühlt. Aber heute hat er seinen Frieden mit diesem Abschnitt seines Lebens gemacht. "Vielleicht wäre ich ein besserer Eishockeyspieler geworden, aber man weiß es nicht. Vielleicht hätte ich mich auch früh verletzt", sagt er. Popiesch ist keiner, der sein Leben im Konkunktiv lebt. "Ich bin soweit zufrieden." Der Bruch in seiner Biografie, die Erfahrung der Haft, die Flucht und der Kampf um seine Eishockey-Karriere hatten ihn zu dem geformt, der er heute ist. Es hatte ihn demütiger gemacht, als es viele junge Profis heute sind.

Popiesch ist ehrgeizig, das war er schon immer. Aber auch als Trainer ist er es nicht um jeden Preis. "Vielleicht gibt es Leute, die immer ganz nach oben wollen, das ist okay", sagt er: "Aber ich brauche die Balance, muss mich wohl fühlen. Trotzdem bin ich ehrgeizig genug, zu sagen, dass ich mit Bremerhaven Spiele gewinnen will." Zum Eishockey hat Thomas Popiesch in seinem Leben immer wieder zurückgefunden. Vielleicht gerade weil sein Weg steiniger war, als der vieler anderer. Und am Ende war es dieser Sport, der ihn wohl am meisten geprägt hatte.

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  • Petra Philippsen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. September 2019, 19:30 Uhr