BSC Hastedt: Von der Kreisliga in den DFB-Pokal

Vor zwei Jahren kickten die Hastedter noch in der Bezirksliga, heute trifft der Bremen-Ligist im DFB-Pokal auf Mönchengladbach. Ein Klub-Porträt mit sechs Köpfen.

Portraits der Menschen bei BSC-Hastedt
Die Köpfe hinter dem Erfolg des Hastedter BSC (von links nach rechts): Andreas Nagel, Kai Wilkens, Cheftrainer Gökhan Deli, Stürmer Iman Bi-Ria, Stefan Scibor und Wilhelm Ubben.

Der Chance, Lars Stindl zu "kidnappen", konnten die Verantwortlichen des BSC Hastedt einfach nicht widerstehen. Die Gelegenheit ergab sich, als Borussia Mönchengladbach seinen Erstrundengegner im DFB-Pokal zu einem Stadionrundgang einlud – inklusive Fototermin mit dem Stürmerstar der "Fohlen". Mit dem Belegfoto rühmten sich die Bremer auf Facebook. Ihre Lösegeldforderung: eine Kiste Bier. Gladbach indes protestierte. Stindl sei mindestens drei Kisten wert. Und die bekamen die Bremer dann auch wenige Tage später geliefert.

Humor haben sie im Bremer Stadteil Hastedt. Doch mit hohen Lösegeldforderungen kennt sich der Amateurklub aus der 5. Liga, der am Sonntag im DFB-Pokal gegen Gladbach antritt, eben nicht aus. Musste der Verein doch bislang jeden Euro zweimal umdrehen.

Die Delegation des BSC Hastedt samt "Geisel", dem Gladbach-Stürmer Lars Stindl (grünes Trikot)
Die Delegation des BSC Hastedt samt "Geisel": Gladbach-Stürmer Lars Stindl (grünes Trikot) Bild: BSC Hastedt

Niemand weiß das besser als Stefan Scibor. Der 51-Jährige ist ehrenamtlicher Kassenwart des BSC.

Im eigentlichen Leben ist er Standesbeamter. "Ich mache die Leute glücklich – meistens", sagt er und lacht. So viele Menschen wie beim Ticketverkauf für das ausverkaufte Pokalspiel hat er jedoch noch nie auf einen Schlag glücklich gemacht. Rund 5.000 Karten gingen über seinen Verkaufstresen im vereinsgelb gestrichenen Geschäftszimmer auf der Anlage am Jacobsberg. Nicht einmal Werder Bremen hat mit seinen Teams jemals so viele Fans auf Platz 11 neben dem Weser-Stadion gelockt, dem Amateurstadion des Bundesligavereins.

Allein der Ticketverkauf brachte fünfstellige Summen ein. Und vom Deutschen Fußballbund erhält der Amateurverein noch einmal 115.000 Euro für das Erreichen der ersten DFB-Pokalrunde. Doch Scibor warnt: "Auch Amateurfußballvereine sind steuerpflichtig!" Andere Klubs hätten nach so einem Ereignis in der Folgesaison Insolvenz anmelden müssen. Wenn jedoch etwas übrig bleibe, könne zumindest ein wenig davon in die Infrastruktur des Vereins gesteckt werden. Denn die Hastedter verfügen nur über ein Kunstrasenfeld und ein marodes Eisstadion aus den 1960er Jahren. Für Ligaspiele weichen sie auf den Rasenplatz des benachbarten FC Union 60 aus.

"Können keine Mitgliedsbeiträge von 30 Euro aufrufen"

Den Wunsch, die Anlage am Hastedter Osterdeich herzurichten, hegt auch Kai Wilkens. Der Vorsitzende der BSC-Fußballabteilung hat diese 2008 maßgeblich mitgegründet. Wenn er nicht für den Verein im Einsatz ist, arbeitet er als Arbeitsvermittler im Jobcenter mit Hartz-IV-Empfängern. "Kannst du mal? Hast du mal? Wie geht das?", solche Fragen würden ihm auf der Vereinsanlage am Jacobsberg von Menschen, mit denen er auch in seinem Job zu tun hat, häufiger gestellt, sagt Wilkens. "Wir haben hier beim Fußball ein anderes Klientel, da können wir einfach keine Mitgliedsbeiträge von 30 Euro pro Monat aufrufen."

Die Bremen-Liga beendete der Verein in den vergangenen Saison zwar als Tabellendritter. Über einen erneuten Aufstieg, diesmal in die Regionalliga, will Wilkens aber gar nicht erst sprechen. Eine Regionalligasaison würde für eine vernünftige Mannschaft rund 300.000 Euro kosten, sagt er. "Das ist völlig utopisch für uns!" Da helfe auch ein DFB-Pokalspiel nichts.

"Zufrieden, wenn wir weniger als zehn Gegentore bekämen"

So sieht das auch Wilhelm Ubben. Noch immer organisiert der 74-Jährige an seinem Schreibtisch in der Geschäftsstelle des Klubs den Papierkram – ein Spielerpass hier, eine Unterschrift dort. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. "Du kannst ja alles", heißt es dann immer, wenn er die Vereinskollegen mal wieder auf die Nachfolgeproblematik anspricht. "Ich will ja schließlich nicht mit 100 hier noch sitzen", schimpft Ubben. Aber es komme eben keiner nach. Inzwischen habe er daher die Strategie gewechselt. "Ich wälze schon ein paar Sachen an den Wilkens ab, indem ich einfach sage: 'Ich kann das nicht'", sagt er und lächelt. Er könne es zwar, aber er sage dann einfach: "Ich kann das nicht, mach' du das mal."

Keiner im Verein hat im Amateurfußball mehr erlebt als er. Doch das Pokalspiel gegen Gladbach am Sonntag ist auch für ihn das Spiel seines Lebens. "Ich wäre zufrieden, wenn wir weniger als zehn Gegentore bekämen", sagt Ubben. "Selbst ein Tor zu schießen, das wäre das größte Highlight."

Die Hoffnung, dass Hastedt zumindest ein Tor schießt, teilt er mit Andreas Nagel, der seit sechs Jahren die Vereinsgaststätte des HTSV betreibt. Er hegt zumindest einen Funken Hoffnung, dass das Unmögliche gegen Gladbach gelingt. "Unsere Jungs machen in der 89. Minute das 1:0 und dann ist der Drops gelutscht und wir sind eine Runde weiter", sagt er und fügt an: "Na ja, träumen darf man ja."

Realistisch sind solche Träume allerdings nicht. Zumal der Verein Ende 2017 einen Umbruch erlebte, der seither auch die finanziellen Möglichkeiten deutlich einschränkt. Hintergrund war ein Streit um einen potenziellen Sponsor, der die erste Herrenmannschaft des Vereins ins Mark traf. Ein Streit, der zunächst im Rücktritt der Trainerbrüder Samet und Gökhan Deli eskalierte. Ein Streit, in dem Vorwürfe und Worte wie "Rassismus" und "Kanackentruppe" eine Rolle spielten. Und der schließlich im Rückzug des ehemaligen Sponsors und Vorsitzenden der Fußballabteilung mündete. Im Januar formierte sich jedoch ein neuer Vorstand und auch die Deli-Brüder entschieden sich zu bleiben.

Ein Trainerduo, das mit einer Multikulti-Tuppe aus gebürtigen Deutschen und Spielern mit Wurzeln in Gambia, Nigeria, dem Iran, der Türkei, dem Libanon, Marokko oder Bosnien-Herzegowina seit drei Jahren Erfolge feiert. Von der Bezirksliga stiegen sie in die Landesliga, von der Landesliga in die Bremen-Liga auf. Ende Mai dieses Jahres gewannen sie schließlich den Bremer Pokal – und qualifizierten sich so für den DFB-Pokal. Für den 33-jährigen Chefcoach Gökhan Deli ist das Erfolgsrezept simpel: die Freude am Spiel. "Ich lasse ein System spielen, das einfach zu verstehen ist und habe die Jungs bei Laune gehalten und ihnen viel Freiheit gegeben. Dadurch kam der Erfolg."

Abschiedsspiel für Stürmer Bi-Ria

Die Hoffnungen der Hastedter liegen dabei zwar auf den Schultern aller Spieler, aber Iman Bi-Ria wird am Sonntag herausstechen – ein letztes Mal. Nicht nur als Streifenpolizist kennt sich der 34-Jährige in Strafräumen bestens aus. Mit der deutschen Polizei-Nationalmannschaft gewann er 2014 und 2018 den Europameistertitel, auch für das iranische Nationalteam schnürte er sechs Mal die Stollenschuhe.

In seinen besten Jahren schoss er für den Bremer SV, mit dem er einst auch im DFB-Pokal antrat, 155 Tore in 125 Spielen – auf eine solche Quote kommen nicht einmal Lionel Messi oder Christiano Ronaldo. Ein Anruf von Werder oder einem anderen deutschen Profiteam blieb dennoch aus. Dafür macht er seinen Weg seit 2017 mit dem BSC und der soll künftig abseits des Rasen weitergehen. Seinen Trainerschein hat er bereits und scoutet zudem Talente für den Verein. Gegen Gladbach möchte der "Fußball-Opa", wie er sich selbst bezeichnet, es aber noch einmal wissen. Einmal noch, im Spiel seines Lebens.

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Sportblitz, 17. August 2018, 18:06 Uhr