Fragen & Antworten

Gummi-Granulat auf Kunstrasen: Müssen Bremer Vereine Verbot fürchten?

Die EU prüft ein Verbot von Granulat auf Kunstrasenplätzen. Wir beantworten, warum das so ist, wie gefährlich das Granulat ist und ob sich Sportvereine im Land Bremen jetzt Sorgen machen müssen.

Zwei Füße mit Fussballschuhen wirbeln Granulat auf einem Kunstrasen auf.
Warum könnte Gummi-Granulat auf Kunstrasenplätzen verboten werden?
Die EU-Kommission möchte die Menge des Mikroplastiks in der Umwelt verringern. Dazu gehört zum Teil auch das Granulat, welches auf vielen Kunstrasenplätzen zum Einsatz kommt. Dieses gelangt durch Wind und Wetter sowie die Kleidung auch in die Umwelt. Jedes Jahr muss deshalb verloren gegangenes Granulat auf den Plätze ersetzt werden. Die Europäische Chemiekalienagentur (ECHA) prüft momentan, welche Auswirkungen dieses Granulat auf die Umwelt hat. Sie hat Hersteller und Anwender dazu aufgerufen, bis zum 20. September Informationen über die Verwendung, die Mengen und die Zusammensetzung des Granulats bei ihr einzureichen. Denn dies ist derzeit noch unklar. Wenn die ECHA zu einer Entscheidung gekommen ist, wird sie eine Empfehlung an den EU-Kommission zum Umgang mit dem Granulat geben. Klar ist also noch nichts. Das Ergebnis der Prüfung soll im kommenden Jahr vorliegen.
Ist das Gummi-Granulat der Kunstrasenplätze wirklich so gefährlich für die Umwelt?
Das ist derzeit noch unklar. Im Jahr 2018 sorgte eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen für Aufregung. Laut dieser Studie sollen Kunstrasenplätze der drittgrößte Verursacher von Mikroplastik in Deutschland sein – noch vor Kosmetik-Artikeln. Grund dafür sei eben das Gummi-Granulat, welches auf vielen Plätzen verteilt wird. Die Verfasser der Studie haben aber nach Kritik an ihren Daten eingeräumt, mit Schätzungen gearbeitet zu haben. Die Kritiker gehen von einem Zehntel der Belastung aus. Das Fraunhofer Institut hat deshalb angekündigt, eine fundiertere Studie zu veröffentlichen. Auf Nachfrage von buten un binnen bestätigte das Institut, an dieser neuen Studie zu arbeiten. Wann diese erscheinen wird, ist aber noch nicht raus. Hinzu kommt, dass es auf dem Markt ganz unterschiedliche Granulat-Fabrikate gibt. Einige bestehen nur zu rund 30 Prozent aus Gummi und zu 70 Prozent aus Naturstoffen wie Hanf und Kreide. Diese Fabrikate entsprechen sogar den Normen für Spielzeug.
Vor einem Kunstrasen steht ein "Betreten verboten"-Schild.
Betreten in Zukunft verboten? Nein, das Bremer Sportressort. Bild: Imago | Team 2
Ist das Granulat gefährlich für Gesundheit der Menschen beim Benutzen der Plätze?
Auch das ist nicht klar, weil die Zusammensetzung der Granulate variiert. Bestehen sie aber aus geschredderten Autoreifen, sind Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten. Diese stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Ob diese tatsächlich beim Betrieb auf den Plätzen freigesetzt werden, ist aber fraglich. Der Deutsche Fußball Bund (DFB) rät jedenfalls dazu, nur neues Gummi für die Kügelchen auf Sportplätzen zu nutzen. Verboten sind die Kügelchen aus Autoreifen in Deutschland aber nicht. Bei der Bundesanstalt für Materialforschung und - prüfung kann man die Gefahr ebenfalls nicht abschließend bewerten: "Die meisten Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es eher keine spezifischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen gibt. Aber es gibt durchaus Studien, die auch andere Aussagen treffen", sagt Ute Kalbe, die sich dort seit Jahren mit den möglichen Auswirkungen von PAK beschäftigt.
Werden in Bremen bald Kunstrasenplätze geschlossen oder nicht?
Staatsrat Jan Friese beschwichtigte in einer Sitzung des zuständigen Bremer Fachausschusses, der Sportdeputation: "Niemand muss befürchten, dass in Kürze Plätze gesperrt werden und kein Sport mehr stattfinden kann." Selbst wenn es zu einem Verbot seitens der EU kommen sollte, gehen die meisten Betroffenen davon aus, dass es eine Übergangsfrist geben wird. Dann könnte im Zuge der Platz-Sanierungen Stück für Stück umgerüstet werden. Die Signal aus Brüssel deuten auf diese Lösung hin.
Wie viele Plätze sind in Bremen überhaupt betroffen?
In Bremen gibt es 19 große Plätze in kommunaler Hand. Laut Bernd Schneider, dem Pressesprecher der Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport, sind in Bremen nur elf dieser Plätze mit Granulat gefüllt. Seit 2012 wird beim Neubau und der Erneuerung der Plätze nämlich auf Granulat verzichtet. Staatsrat Jan Friese aus dem Sportressort sagt zudem, die alten Plätze mit Granular müssten ohnehin bald erneuert werden: "Die Sanierung von Kunstrasenplätzen ist ein Schwerpunkt bei uns in der Sportförderung." Einige Plätze in Bremen sind aber auch in Privatbesitz. Drei davon gehören Werder Bremen. Und jeweils einen besitzen der FC Oberneuland, die Universität und der Landesbetriebssportverband. Außerdem gibt es in Bremen noch neun Mini-Plätze des DFB.
Wenn Plätze erneuert werden müssen, wer bezahlt das?
Bei den Plätzen in kommunaler Hand übernimmt laut Bernd Schneider die Stadt Bremen die kompletten Kosten. Private Inhaber von Kunstrasenplätzen dürfen auf Fördermittel hoffen. Zugleich warnt Schneider allerdings vor einem schnellen Verbot. Falls tatsächlich bald nicht mehr auf Plätzen mit Gummi-Granulat gespielt werden dürfte, könnte die Zeit knapp werden. Schließlich können nur wenige Firmen diese Arbeiten ausführen. Laut DFB gibt es in Deutschland rund 5.000 Kunstrasenplätze, davon sind rund 2.500 mit Gummi-Granulat befüllt. Durch die zeitgleich hohe Nachfrage könnten auch die Kosten steigen.
Welche Alternativen zum Kunststoff-Granulat gibt es?
Bei Kunstrasenplätzen genau zwei: Quarzsand und Kork. Mit Ausnahme der besseren Umweltverträglichkeit bietet Quarzsand für die Fußballer kaum Vorteile. Die Plätze werden dadurch wieder härter, sodass Stürze stärker schmerzen und leichter für Schürfwunden sorgen. Auch für die Gelenke ist das härtere Geläuf belastender. Viel besser sieht es auch nicht beim Kork aus. Der Naturstoff ist zwar elastischer, federt dadurch mehr ab als Sand. Aber Kork verweht bei Trockenheit schneller und erfordert bei häufigem Wechsel von Hitze und Regen mehr Pflege.
  • Karsten Lübben
  • Bastian Mojen

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. September 2019, 19:30 Uhr