Als das erste Testbild über den Fernseher flimmerte

Früher in der Nacht war das Fernseh-Testbild ein beliebter Gast in den Wohnzimmern: Es kündigte nicht nur den Sendeschluss an, sondern hatte auch eine wichtige technische Funktion.

Video vom 10. Oktober 1965
Moderatorin Inka Eckermann im Gespräch mit dem Bild-Ingenieur Willy Grüpner
Bild: Radio Bremen

Das erste Testbild in schwarz-weiß flimmerte kaum bemerkt am 12. Juli 1950 über den Äther. Es war ein Dia mit fünf Kreisen, dazu Linien, die sich sternförmig in einem Punkt trafen. Gesendet wurde es vom damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk aus einem Luftschutzbunker in St. Pauli. Ein Techniker im 100 Kilometer entfernten Meldorf konnte den Empfang bestätigen.

Schwarz-weißes Testbild mit keilförmigen Fächern aus Linien, sowie Markierungen und Kreise
Erstes Testbild von 1950 ermöglichte die Prüfung und Justierung der Bildschirmröhren und des Empfangs Bild: ARD

Technisch also war das Fernsehen gemeistert. Es brauchte allerdings noch bis 1952 ehe es auch Programm machen konnte. Die schöne Bescherung kam am ersten Weihnachtstag. Das Studio ist auf "plüschiges Wohnzimmer" drapiert. Zwei Vorkriegsscheinwerfer heizen die 45 Quadratmeter auf 42 Grad auf.

Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, das neue geheimnisvolle Fenster in Ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt, Ihren Fernsehempfänger, mit dem zu erfüllen, was Sie interessiert, Sie erfreut und Ihr Leben schöner macht.

Werner Pleister, NWDR-Intendant

Zu diesem Zeitpunkt gab es 4.152 lizensierte Fernsehgeräte in Deutschland, ein guter Teil davon in Kneipenstuben. Die Gäste waren "alle furchtbar begeistert", berichtete eine Wirtin. Viele könnten noch gar nicht begreifen, was sie da zu sehen bekamen. Dennoch: Skeptiker warnten, dass die Menschheit vor dem Fernseher vereinsamen werde. Bierbrauer forderten, dass lediglich dreimal in der Woche gesendet werden dürfe, da sie um ihren Umsatz bangten. Und mancher fürchtete, dass die Strahlen aus dem Fernseher ihre Haustiere töten könnten. Erst die Live-Übertragung der Krönung der englischen Queen 1953 und der Fußballweltmeisterschaft 1954 machten das Fernsehen in Deutschland zum Massenmedium.

Beitrag hören:

Audio vom 12. Juli 2020
Ein Mann kniet vor seinem Fernseher, auf dem ein Schwarzweiß-Testbild zu sehen ist (Archivbild)
Bild: DPA | United Archives/Heinz Browers

Abschied vom Fernsehtestbild

Aber vor allem nachts blieb das Testbild ein wiederkehrender Gast in den Wohnzimmern. Es kam vor dem Sendeschluss und war mit einem durchgehenden Piepton unterlegt. Spätestens jetzt war es Zeit, ins Bett zu gehen. Denn von nun an strahlte der Fernseher nur noch ein rauschendes Flimmern aus.

Testbild in Farbe mit Schriftzug "Radio Bremen"
Anhand der Balken mit den Grundfarben, Grautönen, Frequenzlinien sowie des weißen Rasters auf Schwarz konnten die Fernsehtechniker die alten Röhrengerät optimal einstellen. Bild: Radio Bremen

Als 1967 das Farbfernsehen feierlich gestartet wurde, gab es dann auch farbige Testbilder. Das wurde den Zuschauern aber irgendwann zu bunt: 1985 flatterten bei Radio Bremen zahlreiche Beschwerden darüber ein, dass am Vormittag statt eines Testbildes doch besser die buten-un-binnen-Regionalsendung vom Vortag wiederholt werden sollte. Mit einer langen Unterschriftenliste konfrontiert, reagierte der Fernsehdirektor Hans-Werner Conrad erstmal erfreut, betonte aber zugleich, wie wichtig das Testbild für den Fachhandel sei. Denn zum optimalen Empfang müssten die Experten die Apparate auf den Kanal 22 ausrichten. Dazu benötigten sie mindestens eine halbe Stunde. Dies ginge nur von 9 bis 9:50 Uhr – bis zum Sendestart des Programms.

Das war für die Zuschauer nur schwer nachvollziehbar, wenn zur gleichen Zeit die Engländer doch schon ein Frühstücksfernsehen zeigten. Erst 1997 war der Hessische Rundfunk der letzte Sender, der sein Testbild für immer abschaltete.

Mehr dazu:

Autoren

  • Jens Schellhass
  • Heike Kirchner

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 12. Juli 2020, 8:40 Uhr