Blutvergiftung – die unterschätzte Gefahr

Experten schätzen, dass in Deutschland täglich bis zu 200 Menschen an einer Sepsis sterben. Auch in Bremen setzen sie sich dafür ein, das Thema bekannter zu machen.

Ein Mann liegt in einem Bett im Krankenhaus. An der Wand hängen viele Maschinen und Schläuche.

Die Sepsis-Stiftung geht von deutschlandweit 400.000 betroffenen Patienten im Jahr aus, von denen 70.000 sterben – mindestens. Genaue Zahlen für Bremen gibt es nicht. Statistisch gesehen müssten es rund 2.500 sein. Bundesweit nehme die Zahl der Fälle zu, warnen Intensivmediziner.

Einer, der eine Sepsis überlebt hat, ist Arne Trumann. 2012 legte sich der Zevener wegen eines vermeintlich "einfachen" grippalen Infekts ins Bett – und wäre fast nicht mehr aufgestanden. Einige Tage zuvor hatte er sich eine leichte Rachenentzündung eingefangen. Doch jetzt fühlt er sich plötzlich deutlich schlechter: Starke Grippesymptome plagen ihn. Außerdem ist er zunehmend desorientiert. Sein Hausarzt empfiehlt Bettruhe – doch seine Frau wählt schließlich lieber den Notruf. Im Klinikum Bremen-Mitte landet Arne Trumann mit einem septischen Schock auf der Intensivstation – und kämpft um sein Leben.

Vor allem ältere Menschen und kleine Kinder betroffen

Arne Trumanns Fall gehört eher zu den ungewöhnlichen. Von Sepsis betroffen seien meist Kinder oder ältere Menschen, sagt Frank Wolffgramm, Chefarzt am Klinikum Bremen-Nord. Bei Kindern sei die Immunabwehr noch nicht so gut ausgeprägt, und bei älteren Patienten nicht mehr. Kommen dann noch chronische Krankheiten hinzu wie Diabetes oder Leberschwäche, steige die Gefahr.

Eine Sepsis zu erkennen, fällt selbst manchem Arzt schwer – besonders außerhalb eines Krankenhauses. Die Übergänge zwischen einem Infekt und einer Sepsis seien fließend, sagt Werner Kuckelt, die Frühwarnzeichen deshalb "sehr, sehr verschwommen". Der pensionierte Bremer Intensivmediziner sitzt im Kuratorium der Sepsis-Stiftung. Er sagt aber auch: "Sie bekommen nicht aus heiterem Himmel eine Sepsis." Es sei deshalb sehr wichtig, den allgemeinen Gesundheitszustand eines Kranken zu beobachten. "Auch für den Laien ist die Sepsis eine Situation, die lebensbedrohlich erscheint", so Kuckelt.

Ich hatte das Gefühl etwas Ernsthaftes passiert in meinem Körper. Ich hatte mich zuvor nie so krank gefühlt.

Arne Trumann, Sepsis-Betroffener

Wenn jemand plötzlich deutlich schwächer wirkt und sich außergewöhnlich schlecht fühlt, ist Vorsicht angebracht. Niedriger Blutdruck, schnelle Atmung gepaart mit Verwirrtheit oder Schläfrigkeit sollten jeden Mediziner alarmieren, so Chefarzt Wolffgramm. Er rettete vor sieben Jahren Arne Trumann das Leben – denn sein Hausarzt hatte die Warnzeichen nicht richtig gedeutet.

Bessere Überlebenschancen in anderen Ländern

Im Vergleich zu anderen Ländern sei die Sterblichkeit von Sepsis-Patienten in Deutschland hoch, sagt Frank Wolffgramm. Während in Deutschland vier von zehn Betroffenen sterben, sind es in Großbritannien nur drei und in den USA gut zwei Betroffene.

Die Intensivmediziner Wolffgramm und Kuckelt plädieren deshalb für mehr Aufklärungsarbeit. Im europäischen Ausland hätten Aufmerksamkeitskampagnen viel verändert. Auch hierzulande könnten Patienten ihren Hausarzt fragen: "Sind Sie sicher, dass es keine Sepsis ist?" Die beiden Krankenhausärzte wollen damit nicht ihre niedergelassenen Kollegen diskreditieren – das ist ihnen wichtig. "Jeder kann mal etwas übersehen", sagt Wolffgramm. Und Kuckelt betont, dass das Erkennen einer Sepsis viel Übung und Schulung brauche. Auch Eltern und pädagogisches Personal sollten dafür sensibilisiert werden.

Impfen und Aufmerksamkeit helfen

Auch Arne Trumann plädiert dafür, Eigeninitiative zu zeigen. Nach seiner Erfahrung würde er beim Anruf des Notarztes gleich nach einer möglichen Sepsis fragen. Denn wie beim Schlaganfall oder Herzinfarkt ist Zeit ein wichtiger Faktor bei der Behandlung. Je schneller ein Betroffener mit einem Breitband-Antibiotikum versorgt wird, desto besser. Im Anschluss machen sich die Ärzte dann daran, den speziellen Keim zu finden, der den Super-Infekt ausgelöst hat.

Neben Aufmerksamkeit können auch Impfungen helfen. Kinder können gegen Meningokokken geimpft werden, die eine spezielle Form der Sepsis auslösen können. Pneumokokken-Impfungen werden für Kinder und ältere Menschen gleichermaßen empfohlen – sie sind für viele Lungenentzündungen verantwortlich. Außerdem die jährliche Grippeimpfung – und eine gute allgemeine Hygiene.

Arne Trumann ist froh, die Sepsis überlebt zu haben. Er sagt: "Ich habe heute eine andere Prioritätenliste. Ich lebe viel intensiver und bewusster als davor."

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Autorin

  • Sarah Kumpf

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. November 2019, 19:30 Uhr