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Adieu Pfandbecher: Corona-Krise führt in Bremen zu neuen Müllbergen

Mit Pfand-Kaffeebechern Müll sparen: Das war die Idee des Bremer Start-Ups "Cup2Date". Doch jetzt verzichten viele auf Mehrweg, aus Angst vor fehlender Hygiene.

Video vom 15. Juli 2020
Links ist der klassiche Einweg-Pappbecher und rechts der neue Pfandbecher Cup2Date.
Bild: Radio Bremen

Es sind schwierige Zeiten für Quasi Seeralan. Zusammen mit zwei weiteren Freunden gründete er vor zwei Jahren das Unternehmen "Cup2Date". Die Idee: In Bäckereien und Cafés können Kunden einen Kaffeebecher erwerben und ihn später wieder abgeben. Er wird gereinigt und kommt dann wieder in den Umlauf. Das ganze spart Müll, denn ein Becher kann so bis zu 500 Mal genutzt werden. Der klassische To-Go-Pappbecher dagegen landet direkt im Müll.

Der Gründer von Cup2Date, Quasi Seeralan
Quasi Seeralan ist Geschäftsführer von "Cup2Date". Bild: Radio Bremen

Die Geschäftsidee von Seeralan und seinen beiden anderen Gründer-Kollegen kam an: In der Phase nach dem Start im Jahr 2018 sah man immer mehr umweltbewusste Bremerinnen und Bremer mit den "Cup2Date"-Bechern durch die Stadt laufen. Doch dann kam die Corona-Pandemie. Sie machte dem Unternehmen einen Strich durch die Rechnung. Erst brachte der Lockdown das Geschäft zum Erliegen, danach wuchs die Sorge vieler Kundinnen und Kunden, dass bei Mehrweg die Ansteckungsgefahr höher sein könnte.

Oft kam die Frage, ob da nicht etwas übertragen werden kann, wenn man einen Becher bei Bäcker A bekommt und bei Bäcker B wieder abgibt. Das war ein Problem.

Quasi Seeralan, Geschäftsführer "Cup2Date"

Die Sorge vor Ansteckung ist also groß, bei Kunden und bei den Betrieben. Einweg scheint vielen in diesen Zeiten sicherer als Mehrweg.

Comeback von Mehrweg stockt

Die Wahrung der Hygiene gilt in der Corona-Krise als oberstes Gebot, gerade in der Gastronomie und im Bereich des Lebensmittel-Verkaufs. Einweg-Artikel werden als hygienischer erachtet, auch wenn es in Bezug auf die tatsächliche Ansteckungsgefahr kaum ein nachweisbar gesteigertes Risiko bei Mehrweg-Produkten gibt. Doch der Mehrweg-Trend stockt und der Müllberg wächst. Allein in Deutschland werden Stunde für Stunde und Tag für Tag enorme Mengen an Einweg-Bechern nach einmaliger Nutzung in den Müll geworfen.

Eine Grafik die anhand zwei unterschiedlich großen Kaffeebechern darstellt wieviele Becher in Deutschland verbraucht werden. Stündlicher Verbrauch 320.000 Einweg-Becher Jährlicher Verbrauch 3 Milliarden Einweg-Becher Verbrauch von Einweg-Bechern in Deutschland
Bild: Radio Bremen Quelle: Bundesumweltministerium

Für die Grünen in Bremen war der Abschied von Einweg-Produkten deshalb immer schon ein wichtiges Thema. Ralph Saxe, der umweltpolitische Sprecher der Grünen in der Bürgerschaft, hat seine Zweifel, ob man dabei auch künftig immer nur auf Freiwilligkeit und die Einsicht der Gastronomen setzen sollte. Wenn es gar nicht anders geht, müsse man auch über eine Mehrweg-Pflicht nachdenken, meint Saxe. Ein dickes Brett, das in erster Linie auf bundespolitischer und europäischer Ebene gebohrt werden müsste. Umweltsenatorin Maike Schaefer will daher weiter vor allem auf eine Sensibilisierung für das Thema setzen. Gerade jetzt müsse man den Menschen in der Corona-Zeit die Sorge nehmen, dass Mehrweg schlechter als Einweg ist.

Wenn Mehrweg ordnungsgemäß und heiß gewaschen und nach den Hygienevorschriften gesäubert ist, birgt es überhaupt kein Risiko.

Maike Schäfer blickt in die Kamera.
Maike Schaefer (Grüne), Umweltsenatorin

Branchenverband hält nichts von Mehrweg-Pflicht

Angst vor Ansteckung oder Umweltschutz – die Senatorin bewegt sich in einem Spannungsfeld. Und gleichzeitig stöhnen die Gastronomen unter den Corona-Auflagen. Weitere Verpflichtungen zur Nutzung von Mehrweg? Davon hält Nathalie Rübsteck vom Bremer Branchenverband Dehoga gar nichts. Man sei zwar grundsätzlich auch für die Vermeidung von Müll, aber momentan arbeiteten viele Gastronomen am absoluten finanziellen Limit, so Rübsteck. Nicht wenige Betriebe würden um den Fortbestand der eigenen Existenz kämpfen. Eine Mehrweg-Verpflichtung wäre da völlig kontraproduktiv.

Wenn Betriebe, die nach draußen liefern, Geschirr zurücknehmen und aufbereiten sollen, dann wäre das eine Mehrbelastung und sehr schwierig – gerade in dieser Zeit.

Chefin der Bremer Dehoga, Nathalie Rübsteck
Nathalie Rübsteck, Bremer Hotel und Gaststättenverband Dehoga

Offenbar liegt der Fokus in der Branche auf der eigenen Existenzsicherung. Die Umstellung auf Mehrweg mögen viele da als zusätzliche Baustelle begreifen. Auch das vom Bremer Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) unterstützte und vor wenigen Monaten gestartete Erprobungsprojekt "Essen in Mehrweg" stößt auf wenig Interesse. Aktuell nehmen nur vier Betriebe daran teil.

Zukunft der Pfandbecher ist ungewiss

Quasi Seeralan und seine Mitstreiter hoffen nun auf ein Umdenken bei den Kundinnen und Kunden und bei den Betrieben. Natürlich könne man die Gefahr einer Ansteckung nie voll und ganz ausschließen, aber man dürfe sich nicht zu sehr fürchten.

Ansonsten gehen wir am Ende ganz weg und dann hat Bremen in diesem Bereich nichts mehr.

Quasi Seeralan, Geschäftsführer "Cup2Date"

Er und die anderen beiden Geschäftsführer von "Cup2Date" haben sich eine Deadline gesetzt. Bis Ende September wollen sie eine Entscheidung treffen, ob ihr Startup noch eine Zukunft hat. Wenn nicht, hätte Bremen ein ambitioniertes Mehrweg-Projekt zur Vermeidung von Müll weniger.

So wollen Bremer Restaurants weniger Müll produzieren

Video vom 7. November 2019
Gestapelte Pommes-Verpackungen stehen auf einer Theke.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Immo Maus

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. Juli 2020, 19:30 Uhr