Interview

Bremer Pharmakologe: "Reaktionen auf Astra-Zeneca-Impfung sind normal"

Um Wirkung und Nebenwirkungen des Impfstoffes von Astra-Zeneca wird derzeit heftig diskutiert. Der Chef-Pharmakologe des Klinikums Bremen-Mitte sieht kein Problem.

Impfdosen von Astra Zeneca in einem Kühlfach.
Der Impfstoff von Astra-Zeneca ist inzwischen auch in Bremen angekommen und bisher ohne Probleme verimpft worden. Bild: DPA | empics | Yui Mok

Um den Impfstoff von Astra-Zeneca ist bundesweit eine Diskussion entbrannt. Weltärztepräsident Montgomery empfahl medizinischem Personal, sich nicht damit impfen zu lassen. Andere Ärztevertreter widersprechen ihm energisch. In Braunschweig und Emden sowie in Nordrhein-Westfalen haben sich etliche Pflegekräften aus Krankenhäusern beziehungsweise der Feuerwehr krank gemeldet, nachdem sie den Corona-Impfstoff von Astra-Zeneca gespritzt bekommen haben. Zwischenzeitlich wurde das Impfprogramm ausgesetzt, dann aber wieder aufgenommen. Bernd Mühlbauer ist Direktor des Institut für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte. Er kann in den Reaktionen kein Warnsignal erkennen.

Herr Mühlbauer, der Corona-Impfstoff von Astra-Zeneca geht mit einigen Problemen an den Start. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery gar hat Pflegekräften geraten, sich den Stoff nicht impfen zu lassen. Was halten Sie davon?
Das ist nicht gerechtfertigt. Nach dem, was wir bisher wissen, überraschen uns diese Impfreaktionen nicht wirklich. Das haben wir in den klinischen Zulassungsstudien durchaus schon gesehen und auch der scheinbar hohe Anteil überrascht nicht wirklich. In den Zulassungsstudien aller Impfstoffe und nicht nur zu Astra-Zeneca klagten die Geimpften über Beschwerden an der Impfstelle – also Rötungen, Schwellungen und Schmerzen im Arm – aber eben auch über allgemeine Symptome wie Fieber oder Schüttelfrost. Und das konnte auch durchaus ein, eineinhalb Tage gehen. Das war in allen Impfstudien so. 20 bis 30 Prozent der Geimpften hatten tatsächlich durchaus als heftig empfundene Reaktionen.
Der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer zu Gast im Studio von buten un binnen.
Bernd Mühlbauer leitet das Institut für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte und befasst sich auch mit Impf-Nebenwirkungen. Bild: Radio Bremen
Reden wir hier denn über Impfreaktionen, die in erster Linie zeigen, dass der gewünschte Effekt eintritt? Oder ist eher von unerwünschten Nebenwirkungen auszugehen?
Das kann man leider nicht so genau unterscheiden. Ich meine, was macht man mit einer Impfung? Man simuliert für das Immunsystem eine Infektion. Und daran soll sich das Immunsystem dann auch abarbeiten und eine Immunantwort ausprägen. Und das kann durchaus mit einer allgemeinen Reaktion verbunden sein. Es gibt sogar Forscher, die sagen: Ist ja schön, wenn wir eine heftige Reaktion haben, dann haben wir auch den Eindruck und die Hoffnung, dass das Immunsystem eine besonders starke Antwort ausprägt.
Das heißt, Sie unterscheiden gar nicht zwischen erwünschter und unerwünschter Reaktion?
Das ist schlichtweg nicht möglich bei einer so akuten Reaktion. Das muss man einfach immer wieder betonen, es bleiben Rest-Unsicherheiten. So können wir über mittelfristige und späte Nebenwirkungen, die nach Wochen oder Monaten auftreten, noch nichts wissen, weil die Studien dafür einfach zu kurz waren. Aber diese akute Reaktion, da kann man nicht unterscheiden, ist das Teil der erwünschten Reaktion des Immunsystems oder ist das eine überschießende Reaktion? Das ist nicht zu trennen.
Nun ist es so, dass sich an Kliniken in Braunschweig und Emden fast die Hälfte des mit Astra-Zeneca geimpften Pflegepersonals wegen Impfreaktionen krank gemeldet hat. Das wäre ja ein bisschen mehr, als nach Ihrer Faustformel zu erwarten gewesen wäre.
Ja, das stimmt schon. Allerdings, es handelt sich hierbei ja auch um Gesundheitspersonal. Die haben sich natürlich gut belesen. Und die können dann auch einen ähnlich hoch ausgeprägten "Nocebo-Effekt" haben wie die Probanden in klinischen Studien. Nocebo-Effekt entspricht dem Placebo-Effekt, nur im Negativen. Das bedeutet: Wenn ich ganz fest auf eine Nebenwirkung warte, über die ich aufgeklärt bin, dann erlebe ich sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich so. Und das haben wir bei allen drei Impfstoffen, die zurzeit zugelassen sind, sodass mich das nicht so wahnsinnig überrascht.

Das Problem mit dem "Nocebo-Effekt"

Um es zur Ehrenrettung der Betroffenen nochmal klarzustellen: Dieser Nocebo-Effekt hat überhaupt nichts mit Simulantentum zu tun. Verstehe ich das richtig?
Ja, natürlich überhaupt nicht. Auch so eine Nebenwirkung wird echt empfunden. Das ist ja nicht so, dass die Leute sagen: "Ich tu mal so, als hätte ich was". Aber wenn ich eine gewisse Erwartungshaltung habe gegenüber Schmerzen oder einer Reaktion, dann gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die tatsächlich eintritt. Es heißt also keineswegs, dass die Leute das vorgeben. Der Körper ist eben ein etwas komplexeres Ding und die Psyche und die Wahrnehmung spielen da eine eigene Rolle.
Der Leiter des niedersächsischen Krisenstabs immerhin war angesichts des vermehrten Auftretens von Nebenwirkungen überrascht. Sie klingen eher so, als hielten Sie das für unauffälig.
Das könnte ich sogar beweisen. Ich berichte hier in der Klinik-Einsatzleitung regelmäßig über die Nebenwirkungen der Impfungen. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich war sogar eher etwas überrascht, wie wenig Nebenwirkungen ich aus dem Impf-Alltag gemeldet bekomme im Vergleich zu dem, was ich in den Veröffentlichungen zu den klinischen Studien gesehen habe. Das, was jetzt in diesen beiden Kliniken stattfindet, entspricht ziemlich genau dem, was in den klinischen Studien aufgetreten ist.
Wie ist an Krankenhäusern eigentlich richtig zu impfen? Abteilungsweise? Ich würde denken, so kann ein kleines Problem schnell zu einem großen werden.
Richtig. Ich habe schon immer empfohlen: Wenn man systemrelevante Abteilungen impft, dann bitte nicht alle von der gleichen Station auf einmal. Denn dann kann man sich tatsächlich den Nachteil einhandeln, dass da plötzlich ein Fünftel oder ein Drittel der Mitarbeiter am nächsten Tag nicht zur Arbeit erscheint. Und das kann natürlich in einem Krankenhaus gleich mal fatal sein.

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Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Februar 2021, 19:30 Uhr